„Der Bauch von Paris“ – Ein Titel als Programm: Intrigen, Affairen, Komplotte rund um die Pariser Markthallen. Émile Zola-Reihe 3

Nachdem mit „Die Beute“ sich Émile Zola erstmals innerhalb des Rougon-Macquart Zyklus Paris annäherte, und zwar von oben, aus den Kreisen der High Society, wirft er uns nun im dritten Teil mit „Der Bauch von Paris“ mitten in die Stadt. Und diese Annäherung von unten gelingt dem Schriftsteller deutlich besser. Ja, das ist ein Text, wie man ihn nach allem, was man von Zola gehört hat, erwartet. Ein Text verfasst mit der Meisterschaft des klassischen Romanciers, mit dem Blick des sozial engagierten Schriftstellers für die kleinen Details des Alltagsleben und gleichzeitig von einer poetischen Dichte, die es immer wieder erlaubt, einfach in Bildern zu schwelgen.

Die Geschichte ist relativ einfach. Florent hat bei der letzten Revolution ein wenig beim Barrikaden bauen geholfen und ist eingeschlafen. Dann wurde er für ein Verbrechen aufgegriffen, das er nicht begangen hat. Nach Jahren der Verbannung kehrt er nun nach Paris zurück. Der Einzug in die Stadt ist ähnlich gelungen geschildert, wie die Eröffnungs-Szene von „Das Glück der Familie Rougon“. Florent ist zusammengebrochen und hält den Verkehr auf. Eine Gemüsehändlerin, die seit dem Tod ihres Mannes schwer zu kämpfen hat, liest ihn auf und fährt ihn bis zu Les Halles, den großen Markthallen von Paris. Reichlich Gelegenheit, direkt in Gesprächen und Beobachtungen das Leben in der Stadt der 1860er Jahre zu reflektieren. Denn wo, wenn nicht in Les Halles, eben dem sprichwörtlichen Bauch von Paris, findet man, was die Stadt wirklich bewegt, auf engstem Raum zusammengeballt?

Diese Hallen werden weiter das Zentrum des Romans bilden. Florent kommt bei der Familie seines Bruders unter und findet einen Job in den Hallen. Doch er ist und bleibt ein alter Republikaner und mit der Zeit beginnt er, in einen eher dilettantischen Aufstand hineinzuschlittern. So ist „Der Bauch von Paris“ auch ein Roman über den politischen Kampf, besonders aber darüber, wie sich Menschen, die einander nahe stehen, aus Angst das Leben schwer machen. Denn die Denunziation scheint virulent in Florents Umfeld. Dabei muss man kritisieren, dass die Beziehungen der Figuren oft ein wenig zu melodramatisch geraten, und besonders das Leben zweier Straßenkinder etwas arg romantisiert wird.

Doch das stört nur wenig. Denn die eigentliche Hauptfigur von „Der Bauch von Paris“ ist definitiv die Stadt. Die Figuren sind nur ein Vehikel, sie zu entdecken. Markt und Straßenszenen sind in einer unglaublich lebendigen Weise geschildert. Zola nimmt uns mit in kleine Kneipen, durch das stille Paris, ehe die ersten Buden öffnen, in politische Versammlungen und immer wieder zu unterschiedlichen Tageszeiten an unterschiedliche Orte des gigantischen Markts von Les Halles.

Berühmt geworden ist an diesem Roman vor allem die „Käse-Symphonie“, die bei Wikipedia ausführlich zitiert ist. Ich möchte stattdessen zum Schluss zwei andere kürzere Passagen zitieren, die denke ich einen guten Eindruck von „Der Bauch von Paris“ liefern. Auf diesem Niveau darf es gerne weitergehen:

„Als er den großen Mittelgang erreichte, glaubte er eine seltsame Stadt vor sich zu haben mit ihren deutlich abgegrenzten Vierteln, ihren Vorstädten, Dörfern, Spazierwegen und Straßen, mit ihren Plätzen und Wegkreuzungen, eine Stadt, die irgendeine Riesenlaune an einem Regentage unter ein Dach gestellt hat. Der Schatten, der in den Höhlungen des Dachwerkes schlummerte, vervielfachte diesen Wald von Pfeilern, breitete ins Unendliche die zarten Rippen, die abgesonderten Galerien und Fensterreihen aus; und über dieser Stadt entfaltete sich bis in die Tiefe des Dunkels dort oben ein weites Wachsen, ein ungeheuerliches Sprießen und Entfalten von Metall, dessen Stengel, die in Bündeln emporstrebten, dessen Zweige, die sich krümmten und durcheinander schlangen, eine ganze Welt bedeckten mit ihrem leichten Laubwerk eines hundertjährigen Hochwaldes. Ganze Viertel schliefen noch hinter ihren verschlossenen Torgittern. Die Pavillons für Butter und Geflügel dehnten ihre kleinen vergitterten Verkaufsstände, ihre noch menschenleeren Gänge unter den Reihen von Gaslichtern dahin. Der Pavillon für Seefische war eben geöffnet worden; Frauen kamen und gingen über die blanken Steine des Pflasters, auf das da und dort ein vergessener Korb oder ein vergessenes Linnen seinen Schatten warf. In den Abteilungen für schwere Gemüse, Blumen und Früchte ward das Geräusch immer lauter; immer mehr erwachte das Leben in dieser Stadt, angefangen von dem volkreichen Viertel der Kohlköpfe, die schon um vier Uhr sich anhäufen, bis zu dem trägen und reichen Viertel, das erst um acht Uhr seine Häuser mit Fasanen und Truthühnern behängt.

„Ein andermal wieder, in den schönen Nächten, in den hellen Morgendämmerungen erklommen sie die Dächer, stiegen sie die steile Leiter zu den Türmchen empor, die die Ecken des Pavillons zierten. Oben dehnten sich Zinkfelder dahin, Promenaden, Plätze, eine ganze künstliche Landschaft, deren Herren sie waren. Sie schritten die viereckigen Dächer der Pavillons ab, folgten den langgestreckten Dächern der Gänge, stiegen auf den abfallenden Dächern hinaus und hinab, verloren sich in endlosen Ausflügen. Und wenn sie des ersten Stockwerks überdrüssig waren, stiegen sie noch höher, wagten sich auf die eisernen Leitern, wo die Röcke Cadines gleich Fahnen flatterten. Sie liefen dann unter freiem Himmel, im zweiten Stockwerke der Dächer herum. Über ihren Häuptern flimmerten nur mehr die Sterne. Aus der Tiefe der tönenden Hallen stieg ein rollendes Getöse herauf einem nächtlichen, fernen Gewitter gleich. In dieser Höhe fegte der Morgenwind die schlimmen Gerüche, den übernächtigen Atem der Märkte hinweg. Bei anbrechendem Tage schnäbelten sie sich am Rande der Dachtraufen wie Vöglein, die unter den Dachziegeln kosen. Sie waren ganz rosig im Lichte der ersten Strahlen der Morgensonne.“

Ach ja: Im Gegensatz zur vorherigen Übersetzung nutzt der gleiche Übersetzer hier wieder relativ moderne Schreibweisen. Keine “Thüre” öffnet sich, niemand „erschrecket“. Keine Ahnung, woran das liegt, ob der Übersetzer selbst so sprunghaft war, oder einfach bei einer späteren Modernisierung ein Titel vergessen wurden.

Bild: Wiki, gemeinfrei

5 Gedanken zu “„Der Bauch von Paris“ – Ein Titel als Programm: Intrigen, Affairen, Komplotte rund um die Pariser Markthallen. Émile Zola-Reihe 3

    1. soerenheim sagt:

      Paradies ist recht gut, aber gar nicht typisch für Zola, sehr nüchtern, wenig bildlich. Nana ist im Zyklus eher einer der schwächeren Romane. Die Texte stehen legal online, es gibt auch Kindle-Sammlungen für 99 Cent. Allerdings habe ich keine Buchbox o.Ä. gefunden.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.