Zerfressene Idyllen und milde Grotesken. Luigi Pirandellos Erzählungen.

Italienische Schriftsteller, habe ich den Eindruck, egal welchen Grades von Berühmtheit, sind in Deutschland kaum bekannt, Eco, Dante und Boccaccio rausgenommen. Als einen der größten der Moderne darf man Luigi Pirandello zählen. Selbst der aber ist mir im Studium nicht untergekommen. Wenn man ihn kennt, kennt man ihn wahrscheinlich vor allem für seine Theaterstücke. Doch Pirandello hat unter anderem auch einen Zyklus herrlicher Erzählungen hinterlassen, der unter dem Titel „Novellen für ein Jahr“ (Novelle per un anno) Insgesamt 246 Erzählungen aus dem sizilianischen Leben versammelt. Eine sehr kleine Auswahl ist auf Deutsch unter dem Titel „Meistererzählungen“ bei Diogenes erschienen.

Es ist nicht ganz einfach, selbst diese 12 Texte zu klassifizieren, so sehr schwanken sie zwischen sozialem Realismus bzw. vielleicht eher „Deprimismus“, Groteske, Familiendrama und schwelgerischer Naturerfahrung. Wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, dann vielleicht die sich immer wiederholende Engführung von Triumph und Niederlage oder sogar Niederlage im Triumph.

Die längere Erzählung „Der Rauch“ ist dafür exemplarisch. Wir befinden uns im ländlichen Sizilien, wo einige kleinere Bauern ihre Felder haben, während nebenan eine Schwefelgrube weite Landstriche unbestellbar macht. Einer der Bauern, Don Mattia Scala, hatte mal selbst eine solche Schwefelgrube und darüber fast alles verloren. Sein Rivale und Geldgeber war einst sein Ziehsohn und hat ihm auch noch die Familie zerschlagen. Alle Bauern haben eine Übereinkunft, ihre Felder nie an irgendjemanden als nur aneinander zu verkaufen, damit nicht auch hier in ihrer Mitte so ein Loch entstehen kann, das das Land frisst. Denn: Verkauft einer, wird gegraben und dann werden die anderen Felder wertlos. Scala versucht nun Schritt für Schritt das Feld seines skurrilen älteren Nachbarn zu übernehmen, steckt dafür aber freundlich immer mehr Geld in die Ländereien, nur mit dem Versprechen, es von dem dann im Alter zu geringem Preis kaufen oder erben zu können. Der Nachbar wird von seinem Haustier, einem Äffchen, ermordet. Es gibt noch keinen Vertrag und am Ende verliert Scala nach ein paar Ränkespielen wieder alles und zwar ausgerechnet an den alten Rivalen. Der aber soll keinesfalls gewinnen und so kulminiert die Erzählung in Scala Entschluss und Durchführung, das eigene Land an Schwefelförderer zu verkaufen. So schädigt er den Rivalen, aber auch alle anderen. Die Schilderung sowohl der Schwefel-Landschaft:

Kaum kamen die Schwefelarbeiter, keuchend und todmüde, aus der Tiefe ihres ›Lochs< nach oben, so war das erste, was ihre Augen suchten, das Grün des fernen Hügels, der im Westen das weite Tal ab schloß. Auf dieser Seite sah man nichts als dürre, von dunklem Tuffstein gefleckte, von den Schwefel gruben wie von lauter riesigen Ameisenhaufen durchlöcherte und vom Rauch verbrannte Hänge, auf denen seit langem kein Grashalm mehr wuchs. Auf dem Grün jenes Hügels aber ruhten die entzündeten Augen aus, wenn das Licht nach all den Stunden in der Finsternis drunten schmerzte. All denen, die die Brennöfen mit Rohmineral zu füllen hatten, die das Schmelzen des Schwefels über wachten oder unter den Öfen selbst damit beschäf tigt waren, den verbrannten Schwefel aufzufangen, der langsam und zäh wie dicke schwärzliche Ölhefe in die Formen lief, linderte der Anblick des fernen Grüns auch die Atemnot, die Beschwerde des beißenden Rauchs, der sich in der Kehle festsetzte und zu den grausamsten Krämpfen und Erstickungs anfällen führen konnte.”

als auch landschaftlicher Schönheit:

Wenn Scala zu reden aufhörte und die Nachbarn sich erhoben, um zu ihren Häusern zurückzukehren, ließ der Mond, hoch und wie verloren am Himmel stehend, als wäre er der Mond einer fernen, fernen Zeit, die Hänge des Talgrunds noch trostloser, und ihre Verheerung noch trauriger erscheinen. Und jeder dachte beim Nachhausegehen, daß es dort, unter jenen vom bleichen Mondlicht erhellten Hängen, hundert, zweihundert Meter unter der Erde, Menschen gab, die noch immer scharrten und schafften – die armen Häuser, denen nichts daran lag, ob droben Tag oder Nacht war, denn für sie war ja immer Nacht.”

Sind bildhaft eindringlich und immer von Melancholie durchzogen. Man glaubt diese sich ausbreitende Apokalypse inmitten pittoresker Idylle beinahe riechen zu können. Und beides kommt in diesem zugleich bösen und melancholischen Schluss treffend zusammen:

Und er betrachtete die Bäume ringsum, während sich seine Kehle zusammenschnürte: die hundertjährigen Olivenbäume mit ihrem mächtigen, grauen, gewundenen Stamm, die unbeweglich, wie geheimnisvoll träumend, im Mondlicht standen. Er stellte sich vor, wie all diese jetzt so lebendigen Blätter sich zusammenrollen würden beim ersten ätzenden Hauch aus dem aufgerissenen Höllenmund der Schwefelgrube; wie sie abfallen, wie die ent blößten Bäume schwarz werden, und endlich, vergiftet vom Rauch der Öfen, dahinsterben würden. Dann würde das Beil zu seinem Recht kommen. Brennholz: das war das Ende!…
Eine kleine Brise erhob sich, als der Mond höher stieg. Da rauschten die Blätter der Bäume, als hätten sie ihr Todesurteil gehört, wie in einem langen Erschauern auf, das sich dem Rücken Don Mattia Scalas mitteilte, der, auf sein weißes Maultier gebeugt, eilig dahinritt.

Gleich die nächste Erzählung dann hat mit Natur nichts mehr am Hut. Hier ficht ein städtischer eigenbrötlerischer Gelehrter einen Kamf um eine geisteswissenschaftliche Marginalie, doch was sich für ihn wie ein heroischer Sieg anfühlt, stellt sich von außen ganz anders da. Eine schöne düstere Groteske.

Ein weiterer Text, „Die Reise“, befasst sich mit den Lebensumständen sizilianischer Frauen der höheren Gesellschaft, die laut Pirandello bis auf einen Tag in der Woche praktisch durchgehend von Blicken von außen abgeschirmt werden. Nachdem erst ihr Gatte stirbt und dann bei ihr eine schwere Krankheit, wahrscheinlich ein Tumor, diagnostiziert wird, darf die Protagonistin mit dem Bruder des Gatten auf Reisen gehen. Erst zu Ärzten in Neapel und Palermo, dann kehren die beiden einfach nicht mehr zurück. Doch diese Momente relativer Freiheit entfalten sich im Angesicht des Todes…

Pirandello erzählt tendenziell von Außenseitern, das Zentrum seiner Texte machen regelmäßig soziale Konflikte aus, die auch nicht einfach nur Schmuck bzw. Habitus sind, sondern durchgearbeitet werden, wenn auch oft in tragisch überzeichneter Weise. Sprachlich besticht er durch Kürze und Präzision, ohne dabei zu vergessen, schöne Bilder vors Auge zu stellen. Ja, man möchte den Texten hier und dort etwas Schwelgerisches attestieren, aber nur, wenn man bereit ist, zuzugeben, dass es das geben kann: Präzises Schwelgen oder schwelgerische Präzision. In jedem Fall ist Pirandello einer, den man nicht ignorieren sollte und es wäre schön, irgendwann einmal den gesamten Zyklus auch auf Deutsch lesen zu können.

Bild: Pixabay.

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