Émile Zola-Reihe 2 – „Die Beute“ wirkt oft zäh. Nicht auf dem Niveau des Vorgängers.

„Die Beute“ ist der zweite Roman im Rougon-Macquart Zyklus. Leider erhält der den starken Eindruck, den „Das Glück der Familie Rougon“ gemacht hat, nicht wirklich aufrecht. Der Roman folgst dem Nebencharakter Aristid aus der Linie der Rougon auf dem Weg nach Paris, wo dieser sich durch eine geschickte zweite Ehe in der Gesellschaft nach oben arbeitet. Der Protagonist führt allerlei halblegale Geschäfte durch, mit denen er sich nicht zuletzt am Staatsschatz bereichert. Seine zweite Frau beginnt derweil eine Affäre mit dem deutlich jüngeren Maxim, um den sie sich früher als Erzieherin Kind gekümmert hat und der zudem mit ihr verwandt ist. Das war dann auch einer der Hauptgründe, warum die Zensur den Roman immer wieder unterdrückte.

„Die Beute“ ist im Gegensatz zu „Das Glück der Familie Rougon“ im besten Falle noch solide zu nennen. Nein, das ist kein Totalausfall, wie die schwächeren Balzac-Romane. Die Erzählung ist sauber aufgebaut, die Figuren zumindest halbwegs glaubhaft, wenn auch die Intrigen ein wenig zu melodramatisch. Doch der Text ist einfach voller Passagen, die vielleicht als kritischer journalistischer Zeitkommentar ihre Berechtigung gehabt haben mögen, im Roman aber einfach umschrieben werden könnten mit „die (illegalen) Geschäfte gingen gerade gut… bzw. schlecht…“

Hinzu kommt, dass Zola „Die Beute“ mit einem wirklich anstrengenden Kapitel eröffnet. Eine Party, die irgendwie auch so etwas wie eine informelle Ratssitzung ist und auf der unzählige stadtpolitische Details durchgesprochen werden, von Figuren, die wir nicht kennen und von denen unklar ist, ob sie in Zukunft noch von Bedeutung sein werden. Mit einer Party zu beginnen, insbesondere wenn diese polyphon erzählt ist, ist immer schwer. Das funktioniert entweder, wenn die besprochenen Themen so leicht sind, dass man sie als Stimmengewirr genießen kann ohne sie zu durchdenken, oder wenn der Fokus geschickt auf einige zentrale Figuren gelenkt wird. Beides macht Victor Hugo im Auftakt von „Notre Dame de Paris in seltener Meisterschaft“. Zolas Party erinnert dagegen eher an Elronds Rat in „Der Herr der Ringe“. Es ist eine konfuse und zugleich trockene Angelegenheit, die unglaublich viel Hintergrundgeschichte ausbreitet, allerdings in einer Weise, die für kaum jemanden als zeitgenössische Stadtpolitiker von Paris im 19. Jahrhundert überhaupt zu durchdringen sein dürfte.

Danach beruhigt sich das ganze etwas. Es folgt der bekannte Kniff aus „Das Glück der Familie Rougon“ und es wird erzählt, wie Aristide überhaupt in die Position kam, auf einer solchen Party Fäden zu ziehen und welche Beziehung seine Ehefrau René mit Maxim verbindet. Das geschieht wie gesagt ganz ordentlich. Zola scheint im Gegensatz zu Balzac ein Autor zu sein, der handwerklich stets auf der Höhe bleibt. Dennoch wird der heutige Leser zurecht viele Passagen überfliegen. Zusätzlich störend kommt hinzu, dass in meiner Werksausgabe der Übersetzer sich entschieden hat, nach einer recht modernen Schreibweise im ersten Band im zweiten die altertümlichst möglichen Formen zu verwenden. Da wimmelt es von „e“ am Schlusse zahlreicher Woerther, Umlaute werden immer wieder als doppellaut geschrieben, der Übersetzer schrecket vor eingeschobenen Vokalen nicht zurück und setzet ohne Noth ein „h“ hinter alle möglichen Konsonanten. Natürlich waren diese Schreibweisen einmal normal, aber warum der Wechsel von „Die Beute“ zu „Das Glück der Familie Rougon“? Und ganz ehrlich: Noch in keinem älteren deutschsprachigen Roman ist es mir so penetrant aufgefallen.

Auch stilistisch fällt „Die Beute“ gegenüber „Das Glück der Familie Rougon“ leider deutlich ab. Wirkte der erste Roman getragen und dabei durchaus oft sehr poetisch, wirkt „Die Beute“ leider altertümlich und oft recht gestelzt. Ich hoffe, es liegt nicht daran, dass der Übersetzer nach dem Auftakt die Lust verloren hat, sondern daran, das Zola hier einfach wirklich nicht sein stärkstes Werk abgeliefert hat. Denn ich möchte mich weiter auf die folgenden Bände freuen.

Es gibt allerdings auch hier einige Passagen, denen eine gewisse Schönheit inne wohnt. Hier etwa meint man beinahe, Huysmans vorzufühlen. Allerdings ist es gut möglich, dass auch dabei die gespreizte Übersetzung eine Rolle spielt:

„Statt des Rasens umgab ein breites Band von Selaginelle das Bassin. Diese Zwergart der Farrenkräuter bildete einen dichten, zartgrünen Moosteppich. Und jenseits der großen Verbindungsallee strebten vier mächtige Gruppen in kräftigem Schwung bis zur Decke empor: die in ihrer Anmuth ein wenig gebeugten Palmen breiteten ihre Fächer aus, entfalteten ihre abgerundeten Wipfel, wobei ihre Blätter herabhingen, gleich erschöpften Rudern, die von ihrer ewigen Reise durch die Lüfte ermüdet waren; das große indische Bambus stieg schlank, hart, kerzengerade in die Höhe, von wo es seine dürren, leichten Blätter herunterhängen ließ; ein Ravenaca, der Baum des Reisenden, breitete seine ungeheuren ofenschirmartigen Blätter aus und in einer Ecke entsendete eine mit Früchten beladene Banane ihre langen horizontalen Blätter nach allen Richtungen, deren jedes so groß war, daß es zwei Liebende sehr leicht verdecken konnte, wenn sie sich eng an einander schmiegten.“

Bild: Wiki, gemeinfrei.

Ein Gedanke zu “Émile Zola-Reihe 2 – „Die Beute“ wirkt oft zäh. Nicht auf dem Niveau des Vorgängers.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.