Noch ein Recherche-Roman. „Besichtigung eines Unglücks“ von Gert Loschütz ist vielleicht solide, vor allem aber: Schematisch.

Loschützens „Unglück“. Schon wieder so ein Recherche-Roman. Was ich damit meine und warum ich von diesem Erzählschema meist nicht viel halte, habe ich bereits in meiner Rezension zu „Vati“ ausgeführt:

„Ein Thema, das aus welchen Gründen auch immer nicht einfach unmittelbar als Erzählung beackert werden soll, über das es schwer ist zu schreiben, wo man nicht einfach behaupten will, dass man die Perspektive dessen einnehmen kann, worüber erzählt wird, wird dann trotzdem zum Roman verarbeitet, in dem ein Protagonist oder eine Protagonistin, meist selbst Journalist oder Schriftstellerin, zu diesem Thema recherchiert und/oder sich seine/ihre Gedanken macht. Der Roman ist quasi der Bericht über die Recherche plus die Gedanken. Ich mag die Tendenz zu dieser Romanform nicht besonders. Gewiss kann es kunstvoll sein und ein Werk überhaupt erst auf eine besondere Höhe heben, wenn die Erzählung durch einen oder mehrere Blicke von außen gebrochen wird. Aber im Recherche-Roman ist das reiner Habitus geworden. Es scheint der Standard-Move, wenn es aus irgendeinem Grund schwierig sein könnte, direkt aus einer Figur oder sogar einem literarischen Kosmos heraus zu erzählen. Schreibe ich halt so einen Recherche-Roman.“

Diesmal also recherchiert der Autor Thomas Vandersee. Wozu? Dazu:

„Im Dezember 1939 kommt es vor dem Bahnhof von Genthin zum schwersten Zugunglück, das sich jemals auf deutschem Boden ereignet hat. Zwei Züge prallen aufeinander, zahlreiche Menschen sterben. In einem davon sitzt Carla, die schwer verletzt überlebt. Verlobt ist sie mit Richard, einem Juden aus Neuss, aber nicht er ist ihr Begleiter, sondern der Italiener Giuseppe Buonomo, der durch den Aufprall ums Leben kommt. Das Ladenmädchen Lisa vom Kaufhaus Magnus erhält den Auftrag, der Verletzten, die bei dem Unglück alles verloren hat, Kleidung zu bringen. Aber da gibt Carla sich bereits als Frau Buonomo aus. Was versucht sie zu verbergen? „

Also auch schon wieder ein NS-Roman? Von 18 Longlist-Titeln drehen sich immerhin 6 um Figuren, die hauptsächlich oder teils mit dem NS-Erbe ringen. Nicht etwa mit neuem Faschismus. Nein, mit dem was „damals“ passiert ist. Und das dann auch oft noch eher in so einer persönlichen, kaum politischen Weise… So wichtig das Thema ist. Es hat etwas von Nabelschau. Denn es handelt sich ja auch weder inhaltlich noch formal um bahnbrechend neue Blicke aufs Thema.
– „Schatz, das Feuilleton erwartet von mir einen deutschen Gegenwartsroman.“
– „Ach, mach doch einfach was zum NS. Das geht immer!“

(Um das nochmal klar zu machen: Ich habe überhaupt nichts gegen Texte, die sich auf der Höhe des Themas intellektuell und ästhetisch mit dem NS auseinandersetzt. Was mich stört ist, wie das Thema zu einer „Fingerübung in Tiefe verleihen“ wird, wie es dem offenkundigen Nazikitsch-Roman „Stella“ zu Recht vorgeworfen wurde, wobei aber völlig ignoriert wird, dass es sich bei „Stella“ nur um einen der schwächeren unzähliger ähnlicher Romane handelt, die sich überhaupt nicht mehr der Frage stellen, ob und wie man über NS und Shoah überhaupt schreiben kann, sondern darüber letztlich formal und sprachlich grad so schreiben, wie man vom Besuch bei Verwandten berichtet).

OK, Vandersee recherchiert also bzw. bekommt teilweise von der Vergangenheit erzählt und parallel wird die recherchierte Geschichte erzählt, und das geschieht handwerklich solide, mit paar bildhaften Momente, damit man nicht vergisst, dass es Literatur ist, und am Ende hat der Leser ein Unglück besichtigt. Hmm… Vielleicht ist der Titel ja Selbstkritik? Das würde gar nicht mal zu sehr verwundern, immerhin ist Selbstironie das andere Ding neben dem NS, das in der modernen Literatur immer gut kommt. „Besichtigung eines Unglücks“ ist kein schlechter Text. Es ist ein Durchschnittstext und dürfte zwischen vielen schematisch ähnlichen Romanen bald vergessen werden.

OK, dieser Nachzügler war zum Glück meine letzte Buchpreis-Rezension. Was für ein trauriger Jahrgang. Und dann wurden für die Shortlist auch noch gleich die VIER literarisch mit Abstand am überzeugendsten ausgeführten Texte ignoriert („Der Himmel vor hundert Jahren„, „Im Menschen muss alles herrlich sein„, „Vater und Ich„, „Drei Kameradinnen„).

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