Was interessiert mich dein „Spiel mit Autobiographischem“? Schreib nen guten Roman. Krachts „Eurotrash“.

Kristian Kracht… der hatte mit “Faserland” mal einen völlig überbewerteten Hit, der in schlecht fingiertem, bloß durch das einschieben von “ja” und “also” markiertem mündlichen Vortrag, einen Icherzähler durch Deutschland driften ließ, während der zeigte, wie viele Markenbezeichnungen er kennt. Solch einen Unsinn nannte man damals „Popliteratur“ und Kracht war gar nicht so viel schlechter als seine amerikanischen Vorbilder, auch wenn man das zur Ehrenrettung dieser Strömung gern behaupten würde. Der Hintergedanke, warum schlecht geschriebene belanglose Erzählungen plötzlich bedeutende Literatur sein sollen war dieser: „Ende der Geschichte, alles ist oberflächlich, oberflächliche Literatur = Stimme einer Generation. Stimme einer Generation = gut“. Nun ja, vielleicht reicht es manchmal einfach nicht, dem Zeitgeist “Ausdruck” zu verleihen. Vielleicht gibt es Zeitgeiste, über die man sich literarisch erheben sollte, wenn etwas erhaltenswertes dabei herauskommen soll. Vielleicht war der ganze Hype um die Popliteratur aber eben schon immer genau das: Ein popkultureller Marketing-Hype für schlechte Texte. Immerhin, zur gleichen Zeit schrieb W.G. Sebald Die Ringe des Saturn. Kracht hat sich in Zukunft dann etwas mehr angestrengt und mehr als ein bis zwei Wochen Schreibzeit in seine Romane gesteckt. Noch einmal Aufmerksamkeit gab es für „Imperium“. Dem wurde teils vorgeworfen, imperiales oder gar rechtes Denken fortzuschreiben, dabei baute der Roman um einen ins Faschistische gleitenden Eso-Hippie vor seiner Zeit geradezu übervorsichtig gegen solche Lesarten vor. Ein ordentlicher Roman, aber auch nichts zum mehrfach Lesen.

Und jetzt ist der Kracht also für den Buchpreis nominiert und schließt mit „Eurotrash“ bewusst an „Faserland“ an, wobei der Protagonist für den Roman ein paar süffisant kritische Worte findet. “Ja” und “Also” haben ihr Comeback, allerdings nur noch als Hommage, die beiden Hauptstilmittel von „Faserland“ werden deutlich seltener verwendet. Ansonsten handelt es sich um eine ziemlich straighte Roadnovel. Der ebenfalls Christian Kracht heißende Protagonist fährt mit seiner Mutter quer durch die Schweiz mit dem Ziel, insgesamt 600000 Franken zu verschenken. Auffällig viel Raum nehmen dabei Reflexionen darüber ein, wer alles welche Nazivergangenheit hat, was besonders nochmal für die eigene Familie des Protagonisten gilt. Aber auch ansonsten stolpert man überraschend oft über Nazidynastien. Aufarbeitung also mal wieder, aber ohne jeden literarischen Schliff – das verleiht dem Roman eine anstrengend pädagogische Note. Ich weiß nicht. Ich fürchte, wer es tatsächlich immer noch nicht gerafft hat, rafft es auch nicht, wenn es ihm Christian Kracht erklärt. Und „Erzähler denkt nach und spricht kleine mündliche Essays auf Papier“ ist wirklich nicht die literarisch gelungenste oder auch eine dem Thema nur angemessene Auseinandersetzung damit. Im Feuilleton scheint man der Meinung zu sein, was „Eurotrash“ zu einem bemerkenswerten Roman mache, sei die Unklarheit darüber, wie viel von der Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte des Protagonisten real sei und wie viel Fiktion. Ja, das berühmte „Spiel mit der Autofiktion“ also mal wieder. Newsflash: Es ist scheißegal. Es stimmt, Romane haben, anders als Karl-Heinz Bohrer behauptet (zweiter Text zum Thema), unterschiedlich starke Verbindungen zur außerfiktionalen Realität. Und das mag im Falle historischer oder zeitgenössischer Themenkomplexe durchaus auch in die Bewertung der literarischen Güte mit einbezogen werden müssen. Damit zu „spielen“ ist aber noch kein alleiniger Ausweis dieser. Und wenn Arno Schmidt 100 mal in seinem Garten Zentauren gezüchtet hätte, das allein oder die Abwesenheit der Zentaurenzucht sagt nichts aus über die Qualität der Gelehrtenrepublik.

Und im Falle rein persönlicher Geschichten wird dieses Spiel erst recht irrelevant. Was interessiert mich denn die schmutzige Wäsche der realen Familie Kracht? Interessant ist doch nur, ob es Kracht gelingt, aus der Familiengeschichte des Protagonisten im Roman einen besonderen Text zu entwickeln. Und das gelingt nicht. „Eurotrash“ ist eine was-passiert-als-nächstes-Erzählung von A nach B, die einen etwas interessanteren Plot hat als „Faserland“ (Kunststück, das hatte kaum einen) und dank eines relativ hohen Erzähltempos zumindest meist nicht langweilt. Normalerweise dennoch nichts, was auf der Longlist des wichtigsten deutschsprachigen Preises für Gegenwartsliteratur stehen sollte. Aber ich fürchte in diesem steht er sogar zurecht unter den Titeln der oberen Hälfte.

Bild: Pixabay.

3 Gedanken zu “Was interessiert mich dein „Spiel mit Autobiographischem“? Schreib nen guten Roman. Krachts „Eurotrash“.

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