Émile Zola-Reihe 1 – Starker Einstieg in den Rougon-Macquart Zyklus.


Ich hatte es zum Schluss meiner Balzac-Serie schon angekündigt: Als größere Lektüre für dieses Jahr sind die Werke Émile Zola es geplant. Genaue: die Bücher des Rougon-Macquart Zyklus. Der steht eindeutig in der Schuld von Balzacs Menschlicher Komödie, wirkt auf den ersten Blick aber straffer organisiert. 20 Romane mit einem klar definierten Ensemble von Figuren, die sich durch die Romane bewegen, wobei der Fokus auf den beiden Verwandten Familien Rougon und Macquart liegt. Die Familie ist dabei eher zwischen Groß- und Mittelburschwasie verwurzelt, die Familie Macquart dagegen im Kleinbürgertum und teilweise in der verelendeten städtischen bürgerlichen Unterschicht.

War Balzac ein Konservativer, der aus dieser Richtung einen klaren Blick für die Schattenseiten und die ungeheure Sprengkraft des revolutionären Kapitalismus hatte, erinnert man sich an Zola heute als eher Linken, sozial engagiertem Autor. Das dürfte vor allem auch daran liegen, dass sein bekanntestes Werk die Streitschrift J’accuse gegen den Antisemitismus in der Dreyfuss-Affäre ist. Natürlich macht Antisemitismus-Kritik noch lange keinen Linken und eigentlich sollte es sich dabei sowieso um eine Selbstverständlichkeit halten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Zola war, in unterschiedlichen Spielarten, vor allem Republikaner. Er hing dabei einer relativ strikten Vererbungslehre innerhalb der menschlichen Gesellschaft an, die er mit Momenten der Milieutheorie verknüpfte. Das Zusammenspiel von Milieu und Vererbung zu zeigen ist sozusagen der erklärte sozialwissenschaftliche Ziel des Rougon-Macquart-Zyklus. Aber davon sollte man sich bei der Lektüre nicht zu sehr beeinflussen lassen.

Zumindest im ersten Roman, „Das Glück der Familie Rougon“, predigt Zola, anders als Balzac, keine Theorie. Wenn es sich bei „Das Glück der Familie Rougon“, wie das Vorwort nahelegt, tatsächlich noch um ein schwächeres hinleitendes Werk handelt, dann lässt das für den Rest des Zyklus sehr hoffen. Der Roman wird mit großer Souveränität erzählt, in einem Stil, der mehr an die großen Meister des späteren 19. und des frühen 20. Jahrhunderts erinnert, als an die oft wechselhafte Erzählweise Balzacs. Detaillierte Beschreibungen, ein gemächlicher, dennoch durchs Buch angenehm tragender Rhythmus, ein Auge fürs Detail. Ziemlich genau das, was man sich vorstellen dürfte, wenn man an einem ganz typischen klassischen bürgerlichen Romanen denkt, immer wieder auch mit einigen sehr poetischen Passagen:

„Auf diesem Wege, dessen Wände mit Moos überzogen sind und dessen Boden mit einem Wollteppich belegt zu sein scheint, herrscht noch der üppige Pflanzenwuchs und die fröstelnde Stille des ehemaligen Kirchhofes. Man verspürt da den lauen, unbestimmten Hauch der Wollust des Todes, wie er aus den im Sonnenbrande glühenden alten Gräbern aufsteigt. Es gibt in der Umgebung von Plassans keinen Ort, wo man so sehr wie hier durch die Einsamkeit und Stille zur Liebe gestimmt würde. Hier ist es köstlich zu lieben. Als der Kirchhof geräumt ward, mußte man in diesem Winkel die Gebeine aufhäufen; heute noch kommt es vor, daß man, den feuchten Boden mit dem Fuße aufwühlend, Schädelstücke zutage fördert.“

Man darf sich dann zugleich auch daran erinnern, dass die Moderne viel früher angefangen hat, als man sie heute gern verortet. Formal kommt „Das Glück der Familie Rougon“ alles andere als altbacken daher. Der Roman beginnt mit einer herrlichen kleinen Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau und gipfelt im Auszug des Jungen zur Revolution von 1851. Doch da sich Silvère entscheidet zu gehen, bleibt Miette nicht etwa zu Hause, sondern stellt sich solange quer, bis sie selbst die Fahne der Revolution tragen darf.

Dann erst beginnt die Familiengeschichte einiger zentraler Figuren aus den verwandten Familien Rougon und Marcquard, deren einer Familienzweig relativ geschickt den anderen ins Abseits gedrängt hat, während der Protagonist aus diesem Familienzweig auch nicht bereit ist wirklich viel zu tun, um aus einer schlechten Lage wieder rauszukommen. Mit der Zeit taucht Miette als Nebenfigur wieder auf, ehe dann etwa mit Beginn der zweiten Häfte das Zustandekommen der Liebesgeschichte nachvollzogen wird, die im revolutionären Aufbruch gipfelte. Und dann… Nein, das Ende muss ich nicht verraten, um einen guten Eindruck von „Das Glück der Familie Rougon“ zu vermitteln.

Diese Erzähl- und Kompositionsweise ist mit den ersten Büchern der Balzac-Lektüre kaum zu vergleichen. „Das Glück der Familie Rougon“ liest man ohne weiteres, weil es selbst als Roman begeistert. Ich würde hier noch nicht von einem absoluten Meisterwerk sprechen, von Victor Hugos „Les Misérables“ etwa ist es noch meilenweit entfernt. Aber wenn sich der gesamte Zyklus auf diesem Niveau oder, wie Vorschusslorbeeren erhoffen lassen, einem noch höheren bewegt, dann verschwendet man hier nicht seine Zeit. Dann liegt vielleicht wirklich einmal ein Kosmos miteinander verbundene Romane vor, die man für den literarischen Genuss lesen kann, und nicht nur, um ein paar Perlen heraus zu fischen oder sich pflichtbewusst vor einem großen Unterfangen zu verbeugen. Wir werden sehen, wie es weitergeht…

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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