Sven Regeners „Glitter Schnitter“ ist ein endloses Geplapper. Als solches aber ganz unterhaltsam.

Sven Regeners „Herr Lehmann“ habe ich vor langer Zeit als einen dieser modernen Klassiker gelesen, die man unbedingt gelesen haben muss. Mir ging es damit ähnlich wie mit „Generation X“, das aus dem gleichen Grund gelesen wurde. Das Eingangskapitel mit dem Hund ist ein ganz cooler Hook und ansonsten ist man schnell durch, durch diese nette Ansammlung von Szenen aus dem Leben eines Mannes, der 30 wird. Ein Buch, das dem Hype keinesfalls gerecht wurde, aber auch kein schlechtes.

Weil man einem so hoch gehandelten Autor eine zweite Chance gibt, auch wenn der erste Versuch nicht ganz überzeugt hat, habe ich mir später auch noch den Wälzer „Neue Vahr Süd“ besorgt. Auch wenn es literarisch wieder nichts Besonderes war, hatte ich Spaß an den ersten vielleicht 100 Seiten, die von den Erlebnissen Lehmanns bei der Bundeswehr handeln. Ich habe ja selbst den Fehler gemacht, mich noch aus der Schule heraus aufgrund einer Art Lebenskrise für 12 Jahre zu verpflichten, und so dauerte es gut zwei Monate, bis ich mich dort wieder rauskämpfen und eine Zivildienststelle sowie nach dem Bruch meines bisher so graden Weges eine noch größere Lebenskrise finden konnte. Was ich dabei erlebt habe, deckt sich noch immer ganz gut mit den Erlebnissen Lehmanns und man muss zugeben: So anstrengend es ist, während man dabei ist, so witzig ist es im Rückblick. Ansonsten war „Neue Vahr Süd“ vor allem die Ausbreitung des Vorgänger-Romans auf die etwa dreifache Anzahl von Seiten. Dabei hätte man schon „Herr Lehmann“ durchaus noch straffen können. „Neue Vahr Süd“ wurde mit der Zeit quälend langweilig. Das war es dann erst mal mit Sven Regener (allerdings habe ich jetzt für die Rezension von Glitterschnitter alle anderen Lehmann-Bücher gelesen und werde darüber auch noch schreiben…).

Aber jetzt, nach, keine Ahnung… 15 Jahren ? – Da ist das Cover von Glitterschnitter schon wirklich hübsch gestaltet. Und im Klappentext steht nichts von Herrn Lehmann. Stattdessen scheint es um einem großen Ensemble-Cast zu gehen, der irgendetwas zwischen Ausstellungsvorbereitung, Kneipenführung und so weiter in Berlin um 1980 betreibt (die letzte Info habe ich schon aus dem Buch). Und wenn der Text so gut ist wie das Cover… Vielleicht sollte man mal wieder…?

Nun ja. Zugegeben, Lehmann ist nur eine wichtige Nebenfigur, wobei diesmal beide Lehmann-Brüder mit von der Partie sind. Vor allem aber: Das, was der Klappentext verrät, ist wirklich fast alles, was im Buch geschieht. „Glitterschnitter“ ist so eine Art Echtzeit-Roman in einem ultranaturalistischen Stil. Das Ganze erstreckt sich über zwei, vielleicht drei Tage, und besteht fast komplett aus Gesprächen in Kneipe und Plenum, mit möglichst wenigen beschreibenden Passagen. Zugegeben, nach einiger Zeit hört das dauernde Geplapper auf zu langweilen und man fliegt eben so über die Zeilen. Und ja, man mag sich auf den Standpunkt stellen, dass man das Szene-Berlin der 80er einmal nicht von der Seite des Styles, des Glamours und der Hektik, zwischen Absturz und Musik zeigen sollte, sondern von der Warte des Herumsitzens, des praktisch fruchtlos und größtenteils unpolitisch Streitens und Diskutierens.
Andererseits muss man dann eben damit zurechtkommen, dass sich das Ergebnis nicht viel anders liest als ein stenographierter Bericht von Omas letztem Kaffeekränzchen, wobei nur ein paar marginale Details der Handlung ausgetauscht werden. Formal und stilistisch gibt es außer einigen Jargon-Ausdrücken und berlinernden Passagen nichts, was „Glitter Schnitter“ in einer Zeit verortet, die der Klappentext als gleich doppelt seltsam bewirbt. Ja, es gibt noch nicht einmal besonders viel, was Berlin zwingend als den Spielort nahelegen würde. Also: Nichts Substanzielles, nur ein paar Akzidenzien.

Mag sein, die gesamte alternative Szene ist in vielen Bereichen oft überraschend spießig, und durchaus darf diese Spießigkeit Thema von Kunst sein. Aber es mag doch seine Gründe haben, dass große Kunst, auch solche, die von Spießigkeit handelt, sich normalerweise nicht darauf beschränkt, diese mitzustenografieren. Sondern sie transformiert, in ein Verhältnis setzt, eben trotz allem doch ästhetisch durchformt, sie zumindest interessant gestaltet. All das verweigert „Glitterschnitter“. So ist es dann bloß eine nette Lektüre, wenn man Lust hat dem Geplapper einiger Figuren zuzuhören, mit denen man vielleicht auch sonst Spaß hätte, mal in einer Kneipe abzuhängen. Nicht einmal unbedingt durchweg schlechter als „Herr Lehmann“, nur deutlich länger.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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