Einer der besten Buchpreis-Romane 2021: „Im Menschen muss alles herrlich sein“ von Sasha Marianna Salzmann.

Endlich einmal ein Buchpreis-Roman, der eine interessante Geschichte erzählt und sie auch relativ i n t e r e s s a n t e r z ä h l t . Interessante Geschichte, damit meine ich weniger das im Klappentext ausgebreitete Thema – Sowjetunion, Zerfall, Ostdeutschland und das alles dann auch noch unter dem Schlagwort »Fleischwolf-Zeit«. Das macht noch keine interessante Geschichte, das macht im schlimmsten Fall wieder nur deutsche Gegenwartsliteratur. Aber Autorin Sasha Marianna Salzmann hat mit ihrer Protagonistin der ersten Hälfte, Lena, eine Figur geschaffen, die diese Zeit tatsächlich e r – l e b t . Und das gelingt, weil sich Salzmann nicht zu schade ist, ihr Probleme, Ziele und Konflikte mitzugeben. Diese nicht nur allzu menschlichen Dinge, sondern eben auch Verfahrensweisen, die man aus dem 101 der Schreibratgeber kennt und die nicht wenigen heutigen Aspiranten auf „höre Literatur“ von Anfang an zu bodenständig oder zu Hollywood scheinen, als dass man sich damit noch beschäftigten. Zugegeben: Es gibt sprachlich-formale Kleinode, die funktionieren womöglich ganz ohne dieses Spannungselement, das durch den Text trägt. Aber – vielleicht gar nicht so oft, wie man glauben mag. „Ulysses“ etwa hat sie, auch wenn der Roman weit ausschweift, und lässt sich sogar ganz gut entlang des Heldenreise-Schemas analysieren.Ebenso zb. „Seelandschaft mit Pocahontas“ oder „Mrs. Dalloway“.

Grundkonflikte: Werte und Bestechung

Salzmanns Protagonistin wächst in den Siebzigern im ukrainischen Gorlowka auf und verbringt die Sommer in Sotschi. Die sozialistischen Werte, die sie von den Eltern tradiert bekommt, hat sie verinnerlicht. Deshalb bereitet es ihr jedes Mal Schmerzen, wenn sie feststellt, dass die Eltern für den eigenen oder ihren Vorteil zu Mitteln wie Bestechung greifen. Das ist der Grundkonflikt der ersten Hälfte des Romans. Die Mutter stirbt an einer chronisch sich verschlimmernden Krankheit. Hilfe bekommt sie von einer Ärztin, die allerdings besonders gerne und viel bestochen wird. Das verschärft den Grundkonflikt. Und schließlich will Lena, eine gute Schülerin, selbst Ärztin werden, um die Mutter zu retten. Aber ohne größere Bestechung ist ein Medizinstudium kaum denkbar. Und zu allem Überfluss findet sie heraus, dass die Ärztin die Mutter hintergeht. Mit diesem starken Grundgerüst trägt Salzmann durch die erste Hälfte des Romans bis zum Zerfall der Sowjetunion, daran aufgehängt lernen wir Pionierlager kennen, den Schulalltag, Generationenkonflikte und das Leben auf dem Markt, auf der Straße und so weiter. Zu kritisieren habe ich bis hier eigentlich nur, dass ausgerechnet das spannende Thema „betrügerische Ärztin“ mit dem Tod der Mutter so früh fallen gelassen wird.

Der Generationen-Bruch

In der Hälfte des Romans wagt Salzmann dann einen ähnlich radikalen Bruch wie Zadie Smith in ihrem Debüt „White Teeth“. Wir springen von den Neunzigern ins Jahr 2015 und nun ist Lenas Tochter Edi (Edita) die hauptsächliche Protagonistin. Diese junge Frau ist ein wirklich anstrengender Mensch. Eine Neu-Berlinerin, angehende Hauptstadtjournalistin, und ihre Herablassung gegenüber der ukrainischen Verwandtschaft und deren Freunden, die unglaubliche Kämpfe gekämpft haben um ihr dieses freie Leben zu ermöglichen, wird immer wieder deutlich. Diese provinziellen Menschen, denen Zusammenhalt und Familie wichtig ist, und die ja jetzt auch „a l l e“ diese rechtsradikale Partei wählen, das ist schon ziemlich „pfui“ und Edi betrachtet es mit der sattsam bekannten Überheblichkeit junger neu-Großstädter. Edi wird von der besten Freundin der Mutter, Tatjana, überredet, doch mit ihr zum Geburtstag der Mutter nach Jena zu fahren. Und Tatjanas Kapitel fängt den Umschlag des Tones zum Glück wieder ein, während Edi von Tatjanas detaillierte Blick in die Vergangenheit in ihrer Überheblichkeit etwas erschüttert wird. Die Familie stößt dann auf einer großen Party in der jüdischen Gemeinde zusammen. Es gibt, nun, nicht direkt Streit, aber doch etwas, was ziemlich nah dran ist und Edi stürmt hinaus in die Nacht.
Und wenn man nun zurück an den Anfang des Buches springt, fällt auf, dass das dichte aber auch etwas kryptische Vorspiel die Lücke füllt, die zwischen dem letzten Kapitel und dem Nachspiel entsteht…

(Das wäre mir ohne den Hinweis von louisa Schwope bei Aufklappen wahrscheinlich gar nicht mehr aufgefallen)

Salzmanns Erstling, „Außer sich“, hat mich damals nicht sehr überzeugt. Solide gearbeitet, aber in diesem Literaturschulen-Modernismus, der gar nicht wirklich zu den Inhalten passen wollte und ein Schema über ein Thema zu exerzieren schien. „Im Menschen muss alles herrlich sein“ wirkt dagegen auf den ersten Blick deutlich konservativer, ist größtenteils linear erzählt und auch sprachlich viel ruhiger. Aber diesem Roman gereicht das zum Vorteil. Diesmal ist die Sprache besser auf den Gegenstand abgestimmt. Sie nimmt sich Zeit für einzelne Momente, transportiert die Schwere einer Gesellschaft zwischen Erstarrung und Zerfall, einer Welt des allgegenwärtigen Filzes und deren Nachbeben. Und was dann an modernen Kniffen aufgewartet wird – es sitzt und kann viel besser wirken.

Ähnliches Problem wie Smith

Nicht hundertprozentig zufrieden bin ich mit allem, was nach dem Generationenwechsel geschieht. Ähnlich wie in „White Teeth“ wirkte die ältere Generation plastischer, als Figuren überzeugender, und besonders die Berlin-Passagen haben etwas von einer Aneinanderreihung von Berlin-Klischees. Aber weil das in fast allen neueren Berlin-Romanen so klingt, fürchte ich manchmal, Berlin taugt einfach nicht zu mehr. Salzmann löst das Problem allerdings deutlich besser als Smith und führt den Roman im Großen und Ganzen überzeugend zusammen. Durchaus beeindruckend, gerade wenn man bedenkt über welche Zeit- und auch Geographie-Spannen die Erzählung insgesamt ausgebreitet wird.

„Im Menschen muss alles herrlich sein“ wird wahrscheinlich nicht gleich in die Literaturgeschichte eingehen, doch unter den diesjährigen Longlistern für den Deutschen Buchpreis ist es ein legitimer Titelkandidat. Schon allein, weil es nach 15 einer von nur Vieren ist, die ich unter anderen Umständen nicht beiseite gelegt hätte. Denn auch sogenannte hohe Literatur sollte etwas haben, das fesselt. Und nicht nur für Rezensentinnen und Rezensenten verfasst sein, die daran ihre eigene literarische Bildung zur Schau stellen können. Der Titel allerdings – “Im Menschen muss alles herrlich sein” – Ja, diese Worte fallen im Buch. Aber sie stehen so schrecklich quer zum Inhalt (im Text übrigens mit voller Absicht), dass die Wahl mir fragwürdig erscheint. Es wirkt, als sei der Verlag hinter diesem Titel-Trend hergerannt, der mit „Auf Erden sind wir kurz grandios“ begonnen hat und unter anderem mit „Im Wasser sind wir schwerelos“ fortgesetzt wurde. Titel, die ohne Not nach Kitsch klingen, ein wenig esoterisch angehaucht. Dem Roman wird das wirklich nicht gerecht. Man kann argumentieren, das sei ironisch gemeint. Aber ironische Titel für Romane – das funktioniert nicht. Insbesondere wenn die Ironie sich dann auch noch so offenkundig in einen gerade modernen werblichen Emo-Eso-Titeltrend reiht.

Bild: Eigenes

2 Gedanken zu “Einer der besten Buchpreis-Romane 2021: „Im Menschen muss alles herrlich sein“ von Sasha Marianna Salzmann.

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