Thematisch, formal, sprachlich: Durchschnitt. Trotzdem ist „Vati“ von Monika Helfer gleich für 2 Buchpreise nominiert.

Die Buchpreis-Kandidaten „Vati“ von Monika Helfer und „Vater und ich“ von Dilek Güngör sind zwei sehr ähnliche Bücher. Nicht nur, weil sie beinahe den gleichen Titel tragen. Ich weiß nicht, ob jemand den Begriff schon geprägt hat, doch es handelt sich jeweils um Ausformungen des offenkundig sehr beliebten „Recherche-Romans.“

Ein Thema, das aus welchen Gründen auch immer nicht einfach unmittelbar als Erzählung beackert werden soll, über das es schwer ist zu schreiben, wo man nicht einfach behaupten will, dass man die Perspektive dessen einnehmen kann, worüber erzählt wird, wird dann trotzdem zum Roman verarbeitet, in dem ein Protagonist oder eine Protagonistin, meist selbst Journalist oder Schriftstellerin, zu diesem Thema recherchiert und/oder sich seine/ihre Gedanken macht. Der Roman ist quasi der Bericht über die Recherche plus die Gedanken. Ich mag die Tendenz zu dieser Romanform nicht besonders. Gewiss kann es kunstvoll sein und ein Werk überhaupt erst auf eine besondere Höhe heben, wenn die Erzählung durch einen oder mehrere Blicke von außen gebrochen wird. Aber im Recherche-Roman ist das reiner Habitus geworden. Es scheint der Standard-Move, wenn es aus irgendeinem Grund schwierig sein könnte, direkt aus einer Figur oder sogar einem literarischen Kosmos heraus zu erzählen. Schreibe ich halt so einen Recherche-Roman.

„Vater und ich“ ist im Großen und Ganzen dennoch gelungen, weil der Text kurz ist, dicht, seine Bilder überzeugen, das Ausweichen in die Erinnerung derweil kenntlich wird als Teil des Keine Verbindung zum noch quicklebendigen Vater aufbauen Können. Das Ganze ist eine runde Sache und vorbei, ehe es langweilen könnte. Vielmehr erwarte ich von zeitgenössischer Literatur ja gar nicht mehr.

„Vati“ von Monika Helfer dagegen ist vor allem sehr durchschnittlich. Eine Tochter möchte über den verstorbenen Vater schreiben, weiß aber nicht wie. Also besucht sie die Schwester, die Stiefmutter und gräbt in eigenen Erinnerungen, schaut sich Fotos an und so weiter und so fort. Aus den Erinnerungen wird dann sogar relativ chronologisch die Geschichte des Literatur liebenden Vaters zusammengesetzt, der nicht viel formale Bildung hat, Verwalter eines Kriegsversehrten- Erholungsheims wird und irgendwann beginnt, sich die Bibliothek des Heims anzueignen. Als eine neue Gesellschaft das Heim übernimmt hat er Angst, als Dieb überführt zu werden und versucht, sich zu vergiften. Dieser narrativer Höhepunkt – wir wollen ja bloß nicht den Eindruck erwecken, ein klassisches Spannungsschema zu bedienen – sitzt mitten in der Mitte des Buches, das dann noch über gut 100 Seiten ausplätschert.

Viel mehr habe ich dazu nicht zu sagen. „Vati“ bedient sich einer absichtsvoll leicht sperrigen Sprache, beschäftigt sich mal wieder mit Verantwortung und Nationalsozialismus, erzählt eine schwierige Bildungsbiographie und davon, was Eltern Kindern mit auf den Weg geben können und welche Enttäuschungspotenziale im Eltern-Kind-Verhältnis lauern. Nein, man kann nichts davon wirklich misslungen nennen. Der Roman ist sauber gebaut. Aber es gibt auch keinen Moment, der denken macht: „Krass, was für ein Buch!“ Oder gar: „So habe ich das und das ja noch nie gesehen!“

Ein recht schematischer Roman, dessen Nominierung gleich für den deutschen und den österreichischen Buchpreis doch ein wenig verwundert. Naja, verwundern würde, wirkte die Liste nicht jedes Jahr wie halb ausgewürfelt und halb nach den Themen festgelegt, die im vergangenen Jahr das Feuilleton in Wallungen versetzten.

Bild: Pixabay.

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