Auf den ersten Blick einfach, auf den zweiten dicht. „Vater und Ich“ von Dilek Güngör ist einer der besseren Buchpreis-Titel.

Auf den ersten Blick ist „Vater und Ich“ von Dilek Güngör sprachlich wie formal ein bemerkenswert einfacher Text. Ipek, erfolgreiche Journalistin in Berlin, kehrt für ein paar Tage in die Kleinstadt ihrer Jugend zurück und ist gezwungen, die Zeit mit dem Vater allein zu verbringen. Sie spürt gedanklich dem Weg nach, auf dem Vater und Tochter den Bezug zueinander verloren haben und stellt fest, dass sie mit all ihrer Weltlaufigkeit und ihrer Ausbildung ausgerechnet im Gespräche Anknüpfen und Führen hier keine wirkliche neue Verbindung aufbauen kann. Erwachsen werden, unterschiedliche Erwartungen an Deutschland, unterschiedlicher Umgang mit Migrationserfahrungen, all das hat eine bleibende Entfremdung geschaffen.
Erzählt wird all das ausgehen von den drei Tage in einem persönlich reflektierenden Stil, der es, würde der Text nicht als Roman verkauft, auch erlauben würde, „Vater und Ich“ als persönlich-journalistische Reportage zu lesen.
Damit wird allerdings nicht „gespielt“ – ein Topos der in den ubiquitären neueren Diskussionen rund um Autofiktion ja gern bemüht wird – ich erwähne es hier nur, weil es den Stil recht genau charaktersiert. Und um darauf hinzuweisen, wie wichtig es für die Rezeption eines Textes sein kann, als welche Textsorte er verkauft wird. So gesehen ist „Vater und Ich“ auch auf den zweiten Blick ein sprachlich wie formal bemerkenswert einfacher Text.
Ebenfalls bemerkenswert ist allerdings, wie viel auf den nur knapp 100 Seiten auf diese Weise erzählt wird. Das zentrale Thema, die Geschichte der Barriere zwischen Tochter und Vater in Reflexionen, Rückblenden und manchmal auch sehr treffenden aktuellen Bildern:

“Aus dem Kachelofen hämmert es; das bist du. Der Schornstein geht durch das ganze Haus. Im Laden wird das Feuer gemacht, gleich neben deiner Werkstatt, die Wärme steigt herauf zu mir und weiter bis unter das Dach. Wenn ich hier im Wohnzimmer die beiden weißen Türchen öffnete und nach dir riefe, könntest du mich unten hören. Ich rufe nicht, stattdessen koche ich uns Kaffee.”

Ipeks Jugend. Der Freundeskreis der Mutter und die Beziehungen zwischen den Generationen. Und fragmentarisch in Rückblenden auch Ausschnitte aus der Migrationsgeschichte des Vaters, die literarisch mit Yaşar Kemals berühmtem „Memed mein Falke“ kurzgeschlossen wird.

„Vater und Ich“ ist kein wirklich aufsehenerregender Text. Und nicht unbedingt ein Buch, das ich ein zweites Mal lesen würde. Das ist mir, obwohl es bei weitem nicht der schwächste Text wäre, der den Deutschen Buchpreis verliehen bekäme, eigentlich zu wenig , um das Buch unter die Favoriten des Preises 2021 einzureihen. Aber es handelt sich doch um einen sehr sauber und klug gearbeiteten Text, zumindest dessen einmalige Lektüre nicht enttäuschen dürfte.

Bild: Pixabay

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