Wer mit einer krassen Prämisse aufmacht, sollte dem auch gerecht werden. „Kleine Freuden“ von Clare Chambers dümpelt.

„Kleine Freuden“ von Clare Chambers ist eine Geschichte, die sehr an ihrem interessanten Aufhänger leidet. Ja: Leidet!
Die Reporterin Jean ermittelt 1957 an einem Fall von angeblicher Jungfrauengeburt. Sie versucht das wissenschaftlich abzusichern, und die Hinweise verdichten sich: Da könnte etwas dran sein! Das ist ein gutes Thema für einen harten, knapp gehaltenen, Thriller, und dürfte der Hauptgrund sein, warum sich LeserInnen auf dieses Buch einlassen.

Und nach den ersten 50 Seiten verliert sich „Kleine Freuden“ dann leider in Familienproblemen innerhalb von Jeans Familie ebenso wie innerhalb der der angeblichen Maria 2.0 (Margaret). Die Ermittlungen treten in den Hintergrund, der Beziehung Jeans zu ihrer Mutter wird wichtiger, die Freundschaft, ja das spannungsgeladene Interesse, dass Jean gegenüber Howard aufbaut, den Mann, der Margaret geheiratet hat, damit ihr Jungfrauenkind einen Vater hat. Und auch zu dem Kind selbst wird die Beziehung der Reporterin immer intensiver.

Das alles ist routiniert erzählt. Aber auch nicht in irgendeiner überwältigenden Weise. Sprachlich und vom formalen Aufbau her solides Handwerk, mehr nicht. Und das reicht einfach nicht, um vergessen zu machen, dass es doch eigentlich um das ziemlich ungewöhnliche Geheimnis einer Jungfrauengeburt im 20. Jahrhundert gehen soll! Ich bin sehr dafür, dass ich Literatur nicht immer auf die großen Konflikte stürzen soll. Besonders in der Science Fiction & Fantasy, wo immer noch gefühlt in zwei von drei Büchern mindestens eine Nation, meist aber die ganze Welt gerettet werden muss. Aber: Das funktioniert nur, wenn man von Anfang an den richtigen Ton setzt. Ein Komet rast auf die Erde zu. Großes Drama im Pentagon. Wilde Diskussionen: was sollen wir tun? Und dann für die nächste Stunde die Tochter eines Generals, die einen gemütlichen Nachmittag im Zoo verbringt? Das funktioniert nicht. Oder vielleicht: Nur eine Handvoll Meisterinnen kann so etwas überzeugend gestalten. Clare Chambers gehört nicht dazu.

Und „Kleine Freuden“ ist eben eine Variante dieses Problems. Es wird ein unglaublich krasses Thema aufgemacht und das ganze wird zu Beginn auch noch ganz typisch im Stil einer Detektiv-Geschichte erzählt. Und dann übernimmt der Familienroman, ohne jemals auf das Niveau anderer großer Familienromane zukommen. Oder auch nur überdurchschnittlicher. Ich will nicht sagen, dass es sich um ein schlechtes Buch handelt. Der Text hat seine Momente. Aber dazwischen gibt es immer wieder quälend lange Passagen, so dass es schon Arbeit ist, sich bis zum Ende durch zu kämpfen und wenigstens herauszufinden, was es mit der Jungfrauengeburt auf sich hat. „Kleine Freuden“ soll einfach zu viel enthalten, das für die Geschichte nur periphere Bedeutung hat. Etwa: Jean ist u.a. auch Kolumnistin. Also enthält der Roman ihre Kolumnen. Darunter u.a. solche übers Äpfelflücken (von dem gerade das vorherige Kapitel erzählt hat) samt eines Rezepts für Apfelkuchen. Immerhin, das ist vll etwas für Marions Essen aus Büchern

Bild: Wiki, gemeinfrei

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