Unentschlossenes Werk, das als Krimi besser funktioniert hätte. „Das Glashotel“ von Emily St. John Mandel.

„Das Glashotel“ von Emily St. John Mandel ist ein auf den ersten Blick relativ solide verfasste Roman mit einer relativ interessanten Geschichte. Wenn jemand gelernt hat, wie man schreibt und dann etwas schreibt, weil man eben etwas schreiben muss, um ein richtiger Schriftsteller zu sein, ist das hier ungefähr, was man erwarten kann. Strukturell und thematisch ambitioniert genug, um nicht mehr einfach als Zeitvertreib zu gelten aber wenn man ehrlich ist auch nichts, was man noch ein zweites Mal wird lesen wollen. Dabei ist „Das Glashotel“, anders als der Titel vermuten lassen könnte, keiner dieser fokussierten kammerspielartigen Hotel-Romane. Vielmehr spielt das Hotel nur für einen kleinen Teil der Geschichte und besonders für etwas, was man in einer Novelle die „unerhörte Begebenheit“ nennen würde, überhaupt eine Rolle. Der englische Klappentext fasst die Handlung ganz gut zusammen, zumindest umfassender als der deutsche. Ich zitiere übersetzt, leicht geglättet:

„Vincent ist Barkeeperin im Hotel Caiette an der nördlichsten Spitze von Vancouver Island. In der Nacht, in der sie Jonathan Alkaitis kennenlernt, kritzelt eine vermummte Gestalt eine Botschaft an die Glaswand der Lobby: Warum schluckst du keine Glasscherben? Hoch über Manhattan wird ein noch größeres Verbrechen begangen: Alkaitis‘ Milliardengeschäft ist in Wirklichkeit nichts weiter als ein Spiel mit Rauch und Spiegeln. Als sein Plan scheitert, vernichtet er unzählige Vermögen und zerstört Leben. Vincent, die sich als Jonathans Frau ausgegeben hatte, verschwindet in der Nacht. Jahre später wird ein Opfer des Betrugs angeheuert, um einen seltsamen Vorfall zu untersuchen: Eine Frau ist scheinbar vom Deck eines Containerschiffs zwischen zwei Häfen verschwunden.“

Leider stellt sich „Das Glashotel“ an einigen Stellen selbst ein Bein. Die anfangs und wenn man ehrlich ist durch den ganzen Roman hindurch am rundesten realisierte Figur ist Vincents Bruder Paul, auf dessen jugendlichen Fehler, Menschen, von denen er eigentlich bewundert werden möchte, aus Versehen mit schadhaften Uppern zu vergiften, grob das erste Fünftel des Romans zu treibt. Ein interessanter Konflikt, dicht gearbeitet, der tatsächlich sogar einen ziemlich starken Roman erwarten lässt. Blöd nur, dass Paul dann fast vergessen wird, zu einem sehr abseitigen Nebencharakter in der Geschichte der Schwester Vincent degradiert wird, die niemals in der gleichen Weise plastisch vor Augen gestellt wird. Paul hat für lange Zeit seinen letzten Auftritt als die „vermummte Gestalt“ aus dem Klappentext. Und das ist kein Spoiler! Wir erfahren das praktisch sofort nach dem Auftauchen der Gestalt. Überhaupt ist das ein Muster des Romans, ich werde dazu weiter unten noch etwas sagen: Suggeriert der Klappentext große Mysterien und eine spannende Detektivgeschichte, liegen in Wahrheit fast immer alle Schweinereien gleich auf dem Tisch.

Vincent wird die Schein-Ehefrau und in Wirklichkeit Geliebte des Finanzmagnaten Alkaitis, der dann als Betrüger enttarnt wird. Daraufhin geht Vincent in die Welt und erfüllt sich den Traum, zur See zu fahren. Aber Vincent bekommen wir viel zu lang vor allem als Anhängsel präsentiert. Eine eigene Persönlichkeit, sogar ein wirklich interessanter Konflikt wie im Fall von Paul, ist kaum vorhanden. Die wenigen Rückblenden in die Kindheit reichen nicht wirklich um ein Gefühl für die Psyche einer jetzt erwachsenen Frau zu bekommen. Und dann ist da noch der Spannungsplot… Dass bereits im Klappentext verraten wird, was Vincent über ihren Scheinehemann nicht weiß und was in der ersten Hälfte des Romans für Spannung sorgen könnte, könnte man als großen Fauxpas betrachten. Aber im Roman wird auch das relativ früh und wiederum wie nebenbei enthüllt. Und das zweite große Verbrechen („Eine Frau ist scheinbar vom Deck eines Containerschiffs zwischen zwei Häfen verschwunden“) geschieht zu spät im Text, um darauf einen das Buch rettenden Spannung aufzubauen, es ist eigentlich ein recht uninteressanter Nebengedanke (und natürlich erfahren wir sofort, dass die verschwundene Frau Vincent ist). „Das Glashotel“ wird schließlich auch nicht die Emanzipationsgeschichte von Vincents Seefahrt. Sondern macht nun etwa in der Mitte des Romans Alkaitis zur zentralen Figur und dessen Überlegungen im Gefängnis, zu seiner Schuld und seinen Verdiensten, sozusagen zum Moralischen Kern, während auch Vincent bis beinahe zum Schluss ins Abseits gestellt wird.

„Das Glashotel“ ist im Großen und Ganzen also ein Roman, der sein durchaus vielfach vorhandenes Potenzial nicht realisiert. Das was da ist, ist gut genug geschrieben und aufeinander bezogen, um dennoch zu unterhalten, wobei moralische Rekapitulationen des Geschehens wohl am ehesten bei der Stange halten, aber das wird höchstwahrscheinlich keinen wirklich großen Nachhall finden. Dass der Roman, wie es einige Kritiker bemängeln, es mit den Zeitsprüngen übertreibe, kann ich nicht bestätigen. Die dadurch entstehenden Auslassungen und unerwarteten Bezüge der Handlungsstränge zueinander sind tatsächlich, was den Text trotz der Fehler relativ lesbar hält. Kein Meisterwerk und auch nichts, was ich einem klassischen Page-Turner vorziehen würde.

Es gibt eine vielzahl großartiger Texte, die ganz ohne eine auf ein Ergebnis gerichtete Spannung auskommen. Aber dieser unentschlossene Roman hätte definitiv gewonnen, wenn er von Vincents Verschwinden aus uns größtenteils durch die Augen der Ermittler aufgerollt worden wäre.

Bild: Pixabay

2 Gedanken zu “Unentschlossenes Werk, das als Krimi besser funktioniert hätte. „Das Glashotel“ von Emily St. John Mandel.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.