Yaa Gyasis neuer Roman ist zugänglicher, aber auch formal weniger ambitioniert als „Heimkehren“. „Ein erhabenes Königreich“.

Yaa Gyasis Heimkehren war ein sehr ambitionierter Roman. Ein Text, erzählt in Episoden über acht Generationen, vor und nach der Verschleppung als Sklaven in die Kolonien, bis in die Gegenwart der Vereinigten Staaten.

Mit großen Ambitionen gehen Fallstricke einher. Heimkehren fehlte es etwas an Zusammenhalt:

„Ästhetisch mutet der Text sich viel zu. Erlebnisse von insgesamt acht Generationen dies- und jenseits des Atlantiks werden erzählt, was naturgemäß eine durchgängige Handlung kaum ausmachen lässt. Hat man langsam ein Gefühl für einen Charakter bekommen ist bereits die nächste Generation an der Reihe. Auf der anderen Seite lassen die einzelnen Kapitel sich nicht als Kurzgeschichten lesen, dafür sind sie zu wenig abgeschlossen, enthalten nicht immer einen eigenen Spannungsbogen und einen befriedigten Schluss.“

Nun erscheint Gyasis zweiter Roman, Ein erhabenes Königreich. Und der ist deutlich konventioneller. Eine sehr „typische“ (nach Roman-Maßstäben) Familiengeschichte, von denen, wer regelmäßig internationale Literatur liest, schon einige ähnliche gelesen haben dürfte. Protagonistin Gifty studiert in Harvard und steht kurz vor dem Ende ihres Diploms in Neurowissenschaften. Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen, die sie versucht, durch die zweite heftige Depressive Episode ihres Lebens zu bringen. In nicht durchgängig chronologisch arrangierten Rückblenden wird derweil erzählt, wie die beiden Figuren an diese Stelle ihres Lebens kamen.

(AB HIER SPOILER)

Wir erfahren von Giftys Kindheit, wie sie als sehr gläubiges Mädchen in einer Pfingstgemeinde aufwuchs. Von der vielversprechenden Zeit des Bruders Nana als Fußballer, die nach einer kurzen Sportpause in eine noch vielversprechendere als Basketballer über geht. Davon, wie der Vater nach Ghana zurück geht, um seinen Bruder zu besuchen und auf diese Weise die Familie dauerhaft verlässt. Und wie schließlich Nana nach einer Fußverletzung, die mit Opium ruhig gestellt wird, süchtig wird und nach kurzer Junkie-Karriere stirbt.

Giftys Entscheidung für Neurowissenschaften wird dargestellt als doppelte Auseinandersetzung mit diesem Schlag. Als Versuch, Sucht und Gegenmaßnahmen zu verstehen, sowie auch als Ringen damit, von Gott so enttäuscht worden zu sein. Interessanter Nebenaspekt: Während die Erinnerungen an die Kindheit immer wieder von rassistischen Diskriminierungserfahrungen durchzogen wären, erlebt Gifty in Harvard, wie sie von den aufgeklärten linksliberalen Wissenschaftlerkreisen skeptisch beäugt und teils ausgegrenzt wird wird, nicht einmal, weil sie an Gott glaubt, sondern weil sie sich einmal nicht zurückhalten kann zu sagen, dass es Gründe geben könne, an Gott zu glauben und dass sie eben einst Mitglied einer Kirchengemeinde war.

Ein erhabenes Königreich ist eine kurzweilige Lektüre mit einigen erschütternden Momenten, die allerdings weder sprachlich noch formal aus dem herausragt, was ansonsten an internationaler Gegenwartsliteratur produziert wird. Die Hauptfigur und ihre Begeisterung für die Neurowissenschaft bleibt leider durchweg ein wenig platt, und man hätte in den manchmal angerissenen Glauben der Neurowissenschaften, durch die Untersuchung des Gehirns all die Probleme der Philosophie lösen zu können, mit denen sich die Menschheit über Jahrtausende herumgeplagt hat, und dessen Mangel, den Menschen nicht als gesellschaftliches Wesen zu denken, durchaus ein wenig tiefer einsteigen können. Die Geschichte der Protagonistin verblasst derweil vor der in Rückblenden erzählten des Bruders, und so wichtig natürlich auch diese für die Protagonistin ist, der Roman ist so aufgebaut, dass eigentlich sie das Zentrum ausmachen sollte. Ist dieses Studium, das es der Protagonistin so leicht macht, zumindest auf intellektueller Ebene die gesellschaftlichen Gründe des Schicksals des Bruders auszublenden, nicht auch und vielleicht sogar vor allem eine große Verdrängungsleistung? Das wird angedeutet, doch auch hier wünscht man sich, der Text würde emotional tiefer graben.

Heimkehren war wagemutig und scheiterte an einigen Stellen, doch es war das Wagnis eines wirklich großen Romans, der nicht ganz zusammen kam. „Ein erhabenes Königreich“ ist konventioneller in der Idee und routiniert ausgeführt, aber nicht das runde Meisterwerk, das nach Heimkehren auch hätte folgen können. Ein Roman, der nicht langweilen wird. Doch ich hoffe für die Zukunft von Gyasi noch auf größere Würfe.

Bild: Pixabay.

Bei Sandra Falke ist heute auch schon eine Besprechung erschienen.

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