Eine literarische Improvisation über Jazz. Geoff Dyers „But Beautiful“.

But Beautiful – Ein Buch über Jazz, von Geoff Dyer ist tatsächlich ein lesenswertes Buch. Ich habe in einem vorangegangenen Artikel schon einmal einen isolierten Gedanken daraus zurückgewiesen. Spannend ist, dass dieser im Beginn eines ansonsten klugen, Jazzkritischen Nachwortes steht, das sich zudem noch an mehreren Stellen auf Adornos Ästhetische Theorie (nicht auf den Jazzaufsatz, mehr dazu hier) bezieht. Als spiele Dyer hier ein ausgefeiltes Spiel, das Kritiker wie Fans gleichsam foppen soll. Dennoch eine gute kurze Auseinandersetzung mit zentralen Entwicklungen der Musik.

Ansonsten sammelt das Buch „literarische Improvisationen über Jazzgrößen“. Diese Beschreibung passt. Der Autor arbeitet mit zahlreichen Quellen, und viel des Erzählten lässt sich in nichtfiktionalen Texte prüfen. Auf der anderen Seite werden Leerstellen kreativ gefüllt, Dialoge lebendig erfunden, Szenen ausgemalt. Zur Kurzgeschichte fehlt ein konsequenter innerer Spannungsbogen, obwohl einige der Texte durchaus welche haben und als Kurzgeschichten durchgehen könnten, für die biografische Notiz ist das ganze mit zu vielen Unsicherheiten behaftet. Aber die Szenen wirken immer gut beobachtet bis atmosphärisch treffend erfunden, die Szenerie aus finsteren Absteigen, verrauchten Kneipen, regennassen Straßen und Musikern und Musik, oft in diversen Verfallsstadien, werden überzeugend zum Leben erweckt.

Den Rahmen bildet eine Reise Duke Ellingtons mit Harry Carney, die für meine Begriffe ruhig noch etwas mehr Raum hätte bekommen können. Möglich, dass das Buch noch gewonnen hätte, hätte Dyer sich stärker auf den personellen Kern des Bebop konzentriert, wo er seine Figuren hätte wirklich in ein personelles Geflecht eintauchen lassen können, mag jedoch auch sein, so ein Roman in Kurzgeschichten hätte die doch so passende Weitschweifigkeit von But Beautiful erstickt.

Was mich einzig wirklich stört, ist nicht Dyers Fehler: Dass diese Musik heute größtenteils so zahm und brav wirkt, so gar nicht zu den brüchigen Leben passen will, die Dyer erzählt. Wie verrucht, ja, fast unmusikalisch Bebop einst auf die Ohren der Massen gewirkt haben muss, lässt sich nur noch schwer nachvollziehen, nachdem der Jazz durch die polyphonen Experimente Colemans und des Art Ensembles gegangen ist, von Coltrane in seiner Spätphase auf eine ganz neue Stufe gehoben wurde, und von Künstlern wie Braxton mit der europäischen neuen Musik eng geführt und mit verschiedenen Volksmusiken in Berührung gebracht wurde.
Aber warum es dazu kommen musste, dass das noch immer klassische Korsett, auf das sich der Bebop in seiner Tempoverschärfung stützte, nur eine Durchgangsstation sein konnte, das macht But Beautiful sehr gut spürbar. Diese Musik, zwischen allseitigem Rassismus, schlecht bezahlten Gigs, dem Zwang, mehrfach die Woche stundenlang auf der Bühne zu stehen, den fast unvermeidlichen Drogen und dem Alkohol, diese Musik musste sich selbst zu überholen suchen, um mit ihrer Zeit auch nur gerade so Schritt zu halten.

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