Interessante Schein-Dystopie, die sich manchmal selbst ein Bein stellt: „Unsere unendlichen Tage“ von Claire Fuller.

Unsere unendlichen Tage von Claire Fuller ist in erster Linie ein Roman über eine kaputte Familie und die Verhältnisse der Familienmitglieder untereinander. Das sollte wissen, wer sich für den Roman aufgrund des Klappentextes/Werbetextes interessiert.

Das, was hier ausschließlich in den Mittelpunkt gestellt wird, ist in Wahrheit nur einer von zwei Erzählsträngen. Und insofern sicher nicht der dominante, als dass wir das Ergebnis für Peggy, die Rückkehr zur Mutter und die Entdeckung, dass sie nun einen achtjährigen Bruder hat, von Anfang an kennen. Wir wissen also auch die ganze Zeit, dass die Welt nicht untergegangen ist, dass der Vater die Tochter entführt hat (und wundern uns nebenbei, wie es möglich ist im streng regulierten Deutschland in den 70er Jahren viele Jahre (8!!!) unbemerkt in einer Hütte im Wald zu leben).

Unsere unendlichen Tage ist definitiv ein überdurchschnittlich erzählter Roman. Die Geschichte beginnt damit, dass James und einige Freunde versuchen die amerikanische Prepper-Szene zu imitieren. Es gibt Streit zu Hause, Mutter Ute, eine Konzertpianistin, mag James Freunde nicht und besonders den Amerikaner Oliver. Schon einmal hat der Vater die Tochter für einen Abenteuerurlaub länger aus der Schule genommen. Dann folgt die Entführung und ab jetzt werden die Abenteuer in der Hütte im Wald parallel zu Peggys Rückkehr erzählt, bei der die vor allem damit zurande kommen muss, dass sie einen Bruder hat, der wiederum Schwierigkeiten hat zu akzeptieren, dass sie seine Welt, die er ihr zu zeigen versucht, schon kennt und damit ganz andere Geschichten verbindet. Vieles an der ersten Hälfte ist wirklich gelungen. Die kaputten Verhältnisse wirken glaubhaft. Die Art, wie die Welt aus Kinderaugen gesehen wird, aber zugleich nicht zu naiv, wie es sonst oft in solchen Romanen der Fall ist, ist gelungen. Der Roman wartet oft mit schönen Bildern auf, die gewaltvolle Momente kontrastieren und davon zugleich innerlich zerfressen werden.

Aber der Wildnis-Plot wirkt manchmal eben doch etwas überzogen. Besonders die zentrale Idee mit dem Klavier. Okay, der Vater wurde zuvor schon als nicht der allerbeste Prepper beschrieben. Aber dass er über den Klavierbau tatsächlich vergisst, für den Winter vorzusorgen? Obwohl er das fest geplant hat? Vorzusorgen, „to prep(are)“ also, die eine Sache, die man von einem Prepper erwartet? Da wird schon sehr viel willful suspension of disbelief erwartet. Und die Acht-Jahre-Später-Handlung fügt leider ab dem ersten Drittel dem Buch wenig bedeutsames hinzu.

Persönlich finde ich es auch schade, dass der Lüge des Vaters überhaupt kein Raum gegeben wird, sich zu entfalten. Die Figur wäre sehr viel interessanter und es wäre für die Leser sicher spannender, bestünde zumindest die Möglichkeit, dass es wirklich passiert ist, dass es eine große Katastrophe gegeben hat, dass der verrückte Vater recht hatte. Und warum auch nicht? Mit jedem überschrittenen Kipppunkt, mit jedem neuen Krieg, mit jedem Schritt von Regierungen bis an die Zähne bewaffneter Staaten ins rechtsradikale Spektrum, mit jeder Verschärfnung sozialer Ungleichheit schließt sich das Fenster für vernünftige gesellschaftliche Lösungen, die Welt als lebenswerten Ort zu erhalten, schneller. Die „Verrücktheiten“ der Prepper-Szene sind nur solange verrückt, wie man nicht genau das Eintreten von Situationen, auf die diese sich vorbereitet, beschleunigt. Ein echtes was-wäre-wenn-Gedankenspiel, in dem wir zumindest eine Zeit lang glauben müssen, dass der Verrückte nun der Vernünftige ist und sich auf der anderen Seite erweisen muss, wie viel diese Prepperei am Ende tatsächlich bringt und ob sie nicht doch auch eher Selbst-Therapie einer nicht mehr ganz unberechtigten Katastrophen-Angst ist, das wäre durchaus interessant gewesen zu lesen.

Aber wie immer: Entscheidend ist, was ein Buch ist, nicht was es nicht ist. Dieses ist eine in vielem berührende Familiengeschichte mit einer als Katastrophenurlaub getarnten Entführung. Sowie einem leider nicht immer glaubwürdigen Wildnis-Plot. Ein meist interessanter lesbarer Text, allerdings wohl eher keiner für eine mehrfache Lektüre.

Bild: Eigenes.

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