Einer der besten Kurzgeschichtenbände überhaupt. Ben Okris „Stars of the New Curfew“.

Im namenlosen Dorf trinken drei Soldaten Palmwein. Seit sieben Tagen streift eine alte Frau durch die Gassen, von der die Kinder sagen sie habe keinen Schatten. Im alten Grundig-Radio, dass der Vater von einer Familie, die die ferne Stadt wegen des Krieges verlassen musste, billig gekauft hat, hört Omovo von einer nahen Sonnenfinsternis. Dann kämen die Toten aus ihren Gräbern, so der Vater. Das Kind solle nicht vor die Tür gehen. Der Vater geht Besorgungen machen, Omovo folgt der Alten. Die Bitte der Soldaten, ein wenig zu spionieren, bei der Frau handele es sich um eine Verräterin, schlägt er aus. Er nennt sich „Heclips“, nach der nahen Sonnenfinsternis.

In the Shadow of War aus Stars of the New Curfew ist eine von Ben Okris früheren Kurzgeschichten und eines der dichtesten nur denkbaren Prosawerke. Während Omovo hinter der Alten in den Wald vordringt schlucken ihn nicht nur die Büsche, auch die knappe Sprache, die wie nebenbei gestreuten Symbole, Cola-Dosen, eine Schlange, weggeworfene Noten entwerteter Währungen, schmiegen sich geradezu an seine Wahrnehmung. Es wird eng. Und hinter der magisch realistisch, wie verträumt wirkenden Szenerie wird plötzlich eine Realität ganz ohne Magie sichtbar: Die Alte ist kein geheimnisvolles Wesen aus anderen Welten, sondern eine entstellte Versehrte. Sie versorgt – Geflüchtete? Rebellen? – im Wald. Die Tierkadaver im Fluss sind Menschen. Die drei Soldaten fangen die Alte ab und erschießen sie vor Omovos Augen, der in Ohnmacht fällt. Als Omovo erwacht sitzen die drei Soldaten mit seinem Vater im Dorf und Trinken Palmwein…

Derart intensive Szenerien zeichnet Okri in allen 5 Erzählungen des schmalen Bändchens. In The City of Red Dust etwa folgt der Leser dem jungen arbeitslosen Emokhai wie eine Kamera durch eine wieder namenlose Großstadt. Eine Parade zum Geburtstag des Governors steht an, doch Emokhai, und sein zunehmend wahnsinniger werdender Kumpel Marjomi haben vor allem daran zu knabbern, wie sie finanziell über den Tag kommen. Zwischen Spiel, Schnaps, Blutspenden, Prostitution und dem ein oder anderen Diebstahl wird der Begriff der Arbeit auf alle Tätigkeiten, die zum nackten Überleben beitragen, ausgedehnt, während der titelgebende Staub wie eine Glocke über der Stadt liegt, in alle Ritzen und selbst noch in die Menschen dringt und macht, dass es heftig im Getriebe knirscht. Geschehen bekommt, wie oft in Okris Erzählungen, eine zweite, zeichenhafte Bedeutung, ein Netz von Symbolen legt sich über den Text, ohne dass dieser prophetisch überladen wirkte:

„They passed the High Court, with its bronze statues of the old Empire. They went down roads where ancient statues, symbols of authority, disintegrated beneath the sun and under the onslaught of the sand and wind. They passed an area which used to be a market where slaves were sold a hundred years before. As they went Emokhai felt his nose and lungs getting clogged by the dust and the fumes of the air (…) Emokhai shuffled along, staring at the buildings. Behind him Marjomi muttered something about finding attachments. The noise of music from record shops and from the rooms of unemployed bachelors, the panic of the sirens, and the dehydrating heat followed them all the way to the hospital. Emokhai waited under the branches of a barren orange tree, a few yards from the hospital gate, while Marjomi caught up with him.Marjomi, devious, and absent-minded, stumbled down the street with quick movements that didn’t seem to get him very far (…)“

In einfacher wie hypnothisch fließender Sprache konstruiert Okri die Stadt als Bewegt- und Sinnbild, wobei all die staubigen Straßen letzlich nirgendwo hinführen als ins immergleiche Elend. Jenes wird dennoch nicht als Conditio Humana gedacht, als unhintergehbares Schicksal, sondern als gemachtes, was durch die Engführung der Storylines mit der Geburtstagsparade regelmäßig in Erinnerung gerufen wird. So verweisen denn, worauf Derek White hinweist, auch die symbolischen Ereignisse in Okris Frühwerk wieder auf Gesellschaftliches, etwa die regelmäßigen Stromausfälle, die neben The City of Red Dust in fast allen Erzählungen eine Rolle spielen:

„These „blackouts“ (from power) are potrayed as if they were collective blackouts (of the psychological or drug-induced kind) of the city, where all the citizens slip collectively into a common dream.“

Stars of the New Curfew bietet einen guten, wenn nicht gar den besten Einstieg in das umfangreiche Werk Ben Okris. Es handelt sich bis heute wahrscheinlich um seine konzentriertesten Erzählungen. Wo bereits Die Hungrige Straße bei allem Einfallsreichtum manchem Leser etwas langatmig vorkommen mag, und neuere Texte in nahezu ausschließlich mythisch-märchenhafte Gefilde entführen, begeistert Okri durch einen pointierten scheinbaren Naturalismus, dessen doppelter Boden nur nach und nach fühlbar wird. Dabei wiederholt sich mehrfach Okris beklemmender Kunstgriff aus In the Shadows of War: Nicht das „Andere“ fantastischer Albtraumwelten ist, was die Atmosphäre der versammelten Erzählungen so verdüstert, sondern die „Realität“, ebenso finster wie die Träume, der gleichzeitig alles Heroische abgeht, das dem Traum noch innewohnen mag.

Dennoch ist Stars of the New Curfew keine rein deprimierende Lektüre, sondern ein wilder Ritt durch ein künstlerisch wohlorganisiertes Chaos, dessen Protagonisten trotz allem versuchen etwas aus ihrem Leben zu machen.

Um so trauriger, dass dieses faszinierende Werk noch immer keine deutsche Übersetzung spendiert bekommen hat. Ein Verlust für Leser, die im Englischen nicht sicher sind. Immerhin, ein eBook gibt es mittlerweile, nachdem die alten Druckausgaben zuletzt nicht immer einfach zu bekommen waren.

Bild: Pixabay

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