Komplexes Werk, das mich nicht mehr wie früher packt: „Ich der Allmächtige“ von Augusto Roa Bastos.

Dieses Buch habe ich bisher dreimal gelesen. Zu Beginn meines Studiums war es eine Offenbarung, dass man so schreiben kann. Roa Bastos entfaltet ein Bild Paraguays und im erweiterten Sinne Lateinamerikas im 19. Jahrhundert aus den Zwiegesprächen des Diktators Francia mit seinem Schreiber und seinem Hund, immer wieder erscheinen die beiden sowie andere Nebencharaktere und Gegner dabei zeitweilig als Ausflüsse der Psyche des Diktators. Das ganze geschieht sprachgewaltig und unter Heranziehen fast aller relevanter philosophischer Strömungen der Zeit sowie einiger absichtlicher anachronistischer Vorgriffe. Auf diese Weise dient die Diktatur auch als Blaupause kommender, besonders der für Bastos zeitgenössischen Stroessners. Dazu trägt auch der fiktive spätere Kompilator bei, der die Äußerungen und Schriften des Diktators, die bei einem Feuer angegriffen wurden, in ihre heutige Form (also den Roman) bringt.

Die zweite Lektüre vor einigen Jahren hat das Bild bestätigt. Mit mehr Wissen lernt man die vielen Querverweise noch besser schätzen, mit der ersten Lektüre im Rücken verirrt man sich nicht mehr so leicht im Dschungel der Worte.

Beim dritten Lesen machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Kunst, die immer wieder genossen werden will, kommt ohne Schönheit nicht aus. Spätestens wenn all die Diskurse zu Diktatur und Fortschritt, Freiheit und/oder Kollektivismus usw., die postkolonialen Themenkomplexe, die Fragen zu Individuum und Gesellschaft nur noch alte Bekannte sind (und einige doch recht ausgelutscht) ist Ich, der Allmächtige dann doch streckenweise vor allem ein dialogisches Traktat. Nur in den albtraumhaften Sequenzen, die in das Dorf Tevegó oder in die Kindheit des Diktators entführen, taucht öfter mal ein brillantes Bild auf, eine Folge so genial komponierter Sätze, dass man sie fast ungeachtet des Inhaltes immer wieder lesen wollte. Sicher wird es auch zu einer vierten Lektüre von Ich der Allmächtige kommen. Aber zuvor werde ich wohl noch einige Male 100 Jahre Einsamkeit, Das grüne Haus oder auch Explosion in der Kathedrale zur Hand nehmen. Ich der Allmächtige ist sicher eines der bedeutenderen Werke der lateinamerikanischen Literatur. Aber die anderen drei (und noch einige mehr) sind doch eher ästhetische Gebilde für die Ewigkeit als dieses.

Man muss es kaum dazu sagen: Rezensionen erfolgt auf Basis der Übersetzung. Die ist, soweit ich das beurteilen kann, übrigens sehr stark. Wie eigentlich alle Übersetzungen von Elke Wehr.

Bild: Pixabay

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