Dichte poetische Dystopie mit Momenten der Hoffnung: „Vertraute Welt“ von Hwang Sok-Yong.

„Vertraute Welt“ von Hwang Sok-Yong ist ein atmosphärischer unglaublich dichter Roman, den man leicht in einem Rutsch herunter lesen möchte. Das ist bei den nicht ganz 200 Seiten auch durchaus möglich.

„Glubschauge“ zieht mit seiner alleinerziehenden Mutter vom Berghang-Slum auf die Blumeninsel. Das klingt wunderschön und ist für die Familie auch tatsächlich ein Fortschritt, doch nicht so, wie man es sich vorstellen könnte. Im Slum hat man sich gerade so durchs Leben geschlagen, doch der Vater ist immer wieder im Gefängnis gelandet und jetzt langfristig in einem Umerziehungslager. Die Blumeninsel trägt einen herrlichen Namen, dessen Herkunft wir noch erfahren werden. Doch es handelt sich um eine gigantische Müllhalde, rund um die sich Baracken kopieren, in denen die Menschen vor allem vom Sortieren und Verkaufen des Mülls Leben. Das Ganze ist im besten Fall halblegal organisiert und der Chef der Organisation wird von Glubschauge nach einem bekannten Bösewicht „Der Baron“ genannt. Der Baron wird zum Geliebten der Mutter, was Glubschauge nicht gefällt, doch einige Vorteile mit sich bringt, z.b. Freizeit. Und in der erkundet Glubschauge mit dem Sohn des Barons, „Glatzfleck“, die Gegend.

Mit der Zeit lernt der Neue durch diesen Freund eine Welt neben der Müllhalde kennen. Eine halbwahnsinnige Hundemama und den alten Höker-Opa, der sich Sorgen macht, wenn die mal wieder auf Reisen in die „andere Welt“ geht. Und schließlich eine Familie von Geistern, die am gleichen Ort existiert doch allem Anschein nach in einer Zeit, als die Blumeninsel noch Blumen trägt, als man von Landwirtschaft lebt und der Prozess, der die Region in diesem dystopischen Slum verwandelt, gerade erst am Anfang steht.

„Vertraute Welt“ erinnert an „Die Siliziuminsel“ von Chen Qiufan. In beiden Fällen geht es um den Abfall der Welt und wie er in Ostasien landet und dort einen großen informellen Sektor der Müllsortierung hervorbringt. Hwang Sok-Yongs Roman ist aber ein gutes Stück konzentrierter als Chens wildes SciFi-Cyberpunk-Stück. Jenes hat große Schwierigkeiten, das Setting in der zweiten Hälfte zu einem überzeugenden Plot zu entwickeln und entscheidet sich für ein generisches Rettet-die-Welt-Ende mit drastischem Showdown. „Vertraute Welt“ ist dagegen deutlich persönlicher, bleibt auf der Ebene der einfachen Menschen, die auch die erste Hälfte von „Die Siliziuminsel“ so überzeugend gemacht hat. Der Blick durch die Augen des Kindes fügt den beiden Ebenen, die auch „Die Siliziuminsel“ prägen, eine dritte hinzu. Ja, die Situation ist schrecklich (Ebene 1). Aber ohne die Müllsortierung, fiele das ganze von einem auf den anderen Tag weg, wäre den ArbeiterInnen dort auch nicht geholfen (Ebene 2). Die dritte Perspektive, die Kindliche, erlebt das Ganze dann als großes Abenteuer. Sie kann in die Vergangenheit schauen und sich für die alte Welt faszinieren aber ebenso Super Mario in einem Müllhaufen entdecken und sich für diese Entdeckung begeistern. Natürlich wird jedes Abenteuer immer wieder von der Bedrohlichkeit des Alltags eingeholt.

Einer der stärkeren Romane des Jahres. Laut Klappentext spielt der Roman im Jetzt am Rande der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Ich konnte allerdings im Text keine Stelle finden, die das für mich verifiziert. Auf Lokalitäten wird nur angespielt. Vielleicht ist die Sache für südkoreanische LeserInnen aufgrund von landschaftlichen Gegebenheiten oder Ähnlichem klar. Was mich irritiert sind die Umerziehungslager. In einer kurzen Recherche habe ich zwar etwas über Umerziehungslager für Flüchtlinge aus Nordkorea gefunden, aber nichts über solche Lager für Südkoreaner selbst.

Bild: Pixabay.

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