Erdrichs bisher stärkster Roman? Pulitzer-Prize-Träger „Der Nachtwächter“

„Der Nachtwächter“ von Louise Erdrich ist einer dieser Romane, die es Lesern am Anfang nicht leicht machen. In kurzen Kapiteln wird ein großes Ensemble von Figuren dreier Generationen innerhalb der Turtle Mountain Reservation vorgestellt und es kristallisiert sich nicht wirklich heraus, wer die Hauptfiguren sein könnten bzw. auf wen man die Konzentration fokussieren sollte. Und so aufmerksam man lesen möchte: man fokussiert die Konzentration doch immer bei der ersten Lektüre. Ein allumfassendes Aufpassen beim ersten Lesen ist meines Erachtens fast unmöglich.

Nach etwa einem Sechstel des Textes beginnen sich zwei Plots als dominant herauszuschälen, und es ist noch nicht einmal der, der in Werbung und Interviews in den Mittelpunkt gestellt wird und der die historische Relevanz des Romans begründet: Der Kampf des nach Erdrichs Großvater gemodelten Thomas Wazhushk, der als Nachtwächter arbeitet gegen einen Versuch der Legislative, die Chippewa von ihrem Land zu vertreiben. Sondern: Die Geschichte des Boxers Wood Mountain und seiner Kämpfe, sowie die Suche der jungen Patrice nach ihrer Schwester und deren Kind, die im nahen Minneapolis verschollen sind. Dieses Abenteuer bildet den Schwerpunkt der zweiten Hälfte der ersten Hälfte des Romans und bringt auch Patrice und Wood näher zusammen. Für die Leser schärft es gerade rechtzeitig den Fokus, so dass man nicht sich im komplizierten Beziehungsgeflecht der Turtle Mountain Reservation verliert. Doch gleichzeitig baut Erdrich nun keinen einfachen Abenteuer-Plot, sondern löst diesen Strang vorerst, man könnte sagen, mit einem Zwischenstand auf, und führt uns zurück in die vielstimmige Turtle Mountain Reservation, wo nun Thomas Versuche, die Bevölkerung gegen das neue Gesetz in Stellung zu bringen, Fahrt gewinnen. Mehr muss ich, denke ich, von der Handlung nicht verraten, denn der Roman ist wirklich lesenswert und ihr solltet ihn einfach selbst lesen.

Erdrich gehört nicht nur zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der sogenannten zweiten Welle der Native American Renaissance, ich denke es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sie zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen überhaupt gehört. Ich sagte es bereits in anderen Besprechungen: An dieser Autorin beeindruckt die hohe Konstanz, mit der sie herausragende Texte produziert. Wahrscheinlich kein Meisterwerk, das es in meine Top Ten oder Top Twenty der größten Romane aller Zeiten schaffen würde, dafür aber ein unglaublich breites Werk auf fast durchweg gleichbleibend hohem Niveau, das zudem einen immer breiter werdenden, teils explizit, teils implizit, zusammenhängenden, Kosmos der Gesellschaft der Punkt Anishinabe, denen Erdrich mütterlicherseits angehört, bzw. vielleicht besser der multikulturellen Verflechtungen im ländlichen und städtischen Minnesota, entfaltet. Erdrich ist dabei eine sehr nüchterne Autorin, die Traditionen und Geschichte lebendig werden lässt, aber niemals romantisch überhöht, und die versucht, allen Figuren in ihrer Welt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Selbst die Verwaltungsmitarbeiter und die Mormonen, die gegen die Interessen von Thomas und seiner Mitstreiter arbeiten, erscheinen in „Der Nachtwächter“ niemals als Bösewichte und stets als Menschen mit eigenen, durchaus nachvollziehbaren, Interessen und persönlichen Problemen und Konflikten. Nüchternheit will damit nicht meinen Langeweile. Erdrich hat auch immer wieder ein Gefühl dafür, wann die Sprache sich erheben muss, wann es starke Bilder braucht, dieses Mehr, das Literatur über die Sphäre dessen hinaus hebt, was man fiktionales Sachbuch oder von mir aus Reportage-Roman nennen könnte.

Es gibt etwas, dass ich Recency-Bias nennt, also die Gefahr, das kürzlich entdeckte zu hoch einzuschätzen, und deshalb zögere ich, „Der Nachtwächter“ als den bisher stärksten unter den starken Romanen Erdrichs bezeichnen. Denn bis heute habe ich keinen der Texte zweimal gelesen, was es mindestens bräuchte, um ein abschließendes Urteil zu fällen. Im Moment aber ist das mein Eindruck, und in jedem Fall kann man sich festlegen: Den Pulitzer-Preis 2021, den dieser Roman verliehen bekam, den bekam er mit Recht.

Bild: Pixabay.

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