Ghostbusters 2016 ist überraschend – gut! Kritik seriöser Kritiken an sogenannten „female Reboots“. Filmfreitag XVII

Ehe ich dazu gekommen bin, immer mehr dieser Filme dann auch zu sehen, gab es doch einige Kritiken an den derzeit häufiger auftretenden Reboots mit Twists (darunter solche mit weiblicher statt männlicher Hauptrolle), die nachvollziehbar fand. Es sind ja auch nicht alle Kritiken böswillig, sondern die besseren Stellen darauf ab, dass nicht der „genderswap“ das Problem sei, sondern die Durchführung (und nur darum soll es hier gehen, feindseliges durchsichtiges Niedermachen verdient keine inhaltliche Auseinandersetzung). Man hörte das, in unterschiedlicher Intensität, unter anderem zu Star Wars, Men in Black International, Ghostbusters 2016 und noch manchem anderen neueren Film. Die Figuren würden zu überlegen eingeführt („Mary Sue“), die Filme nehmen sich nicht mehr die Zeit, Figuren mit Schwächen zu starken Figuren zu entwickeln, es gehe eigentlich nur noch darum, eine Botschaft zu pushen usw, usf.

Und ihr wisst, ich halte Kunst, die zur Predigt tendiert, nicht nur für schlechte Kunst, sondern auch noch für ineffektiv in genau dem, was sie erreichen möchte. Denn je platter und offensichtlicher die Botschaft, desto sicherer kann ich mir sein, dass ich wieder nur zu denen spreche, die sowieso schon denken wie ich.

Zu Men in Black International gab es sogar eine überzeugend argumentierte Kritik (ich wiederhole: gesehen, bevor ich den Film gesehen habe), die die Art und Weise, wie dieser Film seine Hauptfigur aufbaut, negativ The Aeronauts Gegenüberstellt. Ein Film mit ähnlicher, quatsch, eigentlich deutlich emanzipativerer, Botschaft und Stoßrichtung und ebenfalls einer starken Actionheldin. Ich gebe gern zu: Der zweite Film ist der bessere, subtilere, intelligentere. Aber längst nicht mit dem Abstand, den man erwarten könnte. Und je mehr der so kritisierten Filme ich sehe (man muss ja irgendwie die langen Corona-Abende füllen), desto mehr beschleicht mich der Eindruck: Selbst jene Kritiken, die in der Wortwahl nicht misogyn, sondern in der Argumentation rein ästhetisch vorgehen, werden leider von einem doppelten Vorurteil gehemmt, das ein drittes zumindest impliziert.

Vorurteil I: Vorgänger und ältere Filme insgesamt werden zu positiv erinnert.

Vorurteil II: Entsprechend werden die Nachfolger zu negativ eingeordnet.

Implizites Vorurteil III: Wenn das gehäuft in Film-Reihen passiert, in denen Frauen Männer in Hauptrollen ersetzt haben, könnte eine Abneigung genau dagegen, und sei es unbewusst, durchaus auch eine Rolle spielen, auch wo das den Kritikern nicht bewusst sein mag.

Kurz: Star Wars und Men in Black.

Ich habe im Fall von Star Wars schon detaillierter ausgeführt, warum ich Rey für nicht mehr oder weniger Mary-Sue halte als zuvor Luke und Anakin. Besonders die Tatsache, dass weder Rey noch Kylo im ersten Film überhaupt besonders gut mit ihren Lichtschwertern umgehen können, wird durch den dritten Teil mittlerweile bestätigt. Alles andere: Lest es im entsprechenden Artikel nach. Außerdem scheint mir Star Wars auch ein gutes Beispiel dafür, dass eine andere Filmreihenfolge die Rezeption total umstoßen könnte. Wer mit den (leider oft stolpernden) Polit-Dramen der Prequels groß geworden ist, etwa könnte sich durchaus verarscht fühlen von sprechenden Affen und der allzu einfachen Gut-Böse-Handlung der ersten Teile Und ganz besonders den Ewoks.

Men in Black International ist zugegebenermaßen kein besonders guter Film. Ich würde ihn im unteren Spektrum des „unterhält mich halbwegs für einen Abend“ ansiedeln. Ist die Figur ein wenig overpowered für ihre Vorgeschichte? Mag sein. Ihre Schwäche ist eine andere: Sie ist eine Protokoll-Fetischistin. Eine, die die Regeln einfach zu ernst nimmt. Und damit natürlich bewusst ein Gegenbild zu Will Smith aus dem ersten Teil sowie ihrem Partner um Film. Wobei Smith übrigens auch beeindruckend schnell in seine neue Rolle hinein wächst. Dass er wert ist, ein Man in Black zu sein, beweist er, indem er einen Tisch verrückt. Hurra! Da ist das selbstironische „I look good in black“ eigentlich nur die nächste Konsequenz, die anerkennen, dass moderne Hollywood-Filme meist auf absurden Voraussetzungen basieren. Was die Motivation der Hauptfigur betrifft dagegen ist International sogar besser aufgestellt, hier gibt es ein tiefe Verbindung zum Thema Außerirdische, die im Verlauf der Handlung ihr doppeltes Payoff bekommt. Nein, es ist kein unglaublicher Film, es ist der vierte Teil einer Reihe, die niemals auf eine Reihe ausgelegt war. Aber Leute: Ihr ertragt X Marvel Filme, und dieser Film ist sicher besser als einige davon. Serialität ist die Suppe, die ihr auslöffeln müsst, weil ihr Welten wollt statt Werke, fiktive Freunde statt Figuren.

Ghostbusters 2016

Nachdem mich im Laufe der Zeit auf diese Weise mehrere Filme positiv überraschen konnten, die von Filmkritikern verrissen wurden, von denen ich sonst überzeugende und fundierte Kritiken an Filmen kenne, dich ich bereits gesehen habe, dachte ich mir: Was soll’s. Schaust du dir jetzt einfach mal den meistgehassten Film der letzten Jahre an. Vielleicht ist ja selbst Ghostbusters 2016 nicht so schlecht, wie behauptet wird (Ich habe den Film allerdings nicht wegen solcher Kritiken nicht gesehen, sondern weil mein Interesse an Filmen dieser Art (Mainstream-Action/Comedy) sowieso relativ gering ist).

Und ich muss wirklich sagen: Ich bin nicht in Erwartung eines guten Filmes da ran gegangen. Schon „gerade so unterhaltsam“ hätte mich halbwegs begeistert. Ich bin kein Ghostbusters-Fan, ich habe die alten Filme paar Mal als Kind/Jugendlicher gesehen, ich halte sie nicht für die große Filmkunst, als die sie in Kritiken des neuen Ghostbusters teilweise überhöht wurden. Aber eigentlich muss ich diese Einschränkungen gar nicht machen, um zu sagen: Ghostbusters 2016 ist ein ziemlich guter Film. Ernsthaft.

Erstens, der Film ist einfach lustig. Spätestens nach der „Can I bring my cat – Szene“ –

„Kevin : Would it be okay if I bring my cat (Mike Hat) to work sometimes? He has major anxiety problems.

Kevin : Oh, I don’t have a cat. He’s a dog. His name’s Mike Hat.

Abby : Your dog’s name is Mike Hat?

Kevin : Mike Hat.

Erin: Your dog’s name is Mike, last name Hat?

Kevin : Well, his full name is Michael Hat.

(…)“ –

muss ich jedes mal lachen, wenn ich Kevin sehe, weil dieses unglaublich dumme Wortspiel, das es auf die große Leinwand geschafft hat, sofort wieder hochkommt.

Auch diesen Film wurden die Standards vorgeworfen: Die Hauptfiguren sind overpowered und entwickeln sich nicht, der Film solle einfach nur „Frauenpower“ predigen, er mache Männer schlecht.

Was für ein unglaublicher Bullshit! Ich habe lange nicht mehr vier so herrlich kaputte Hauptfiguren in einem Film gesehen. Erin ist als Physikerin ein karrieristisches Duckmäuserchen und gleichzeitig den ganzen Film über unfähig, ihre Geilheit auf Kevin auch nur halbwegs in Zaum zu halten. Abby ist ein manipulatives A******** (kein Witz, das Diktierprogramm zensiert Schimpfworte!), das ihre Freundin den Job kostet für ein mehr als fragwürdiges Unterfangen. Patty ist impulsiv und Holtzmann ist meines Erachtens eine ziemlich coole Version des „Mad Scientist“, voller Hybris aber auch voller interessanter Ideen und von Kate McKinnon unglaublich stark rübergebracht. Neben ihren Charakterschwächen sind die vier anfangs auch einfach nicht sonderlich gut in ihrem Job. Klar. Muss alles noch entwickelt werden. Aber ernsthaft: Dass der ganze Scheiß tatsächlich halbwegs zusammen läuft, ist doch wirklich erst im Finale der Fall. Vorher geht schief, was nur schief gehen könnte, und das oft genug aus eigenem Verschulden. Wie viel fehlerhafter sollen Hauptfiguren denn noch sein? Sollen die sich so präsentieren wie die deutsche Fußballnationalmannschaft seit 2018? Dann gibt es aber keine Filme mit Happy End mehr…

Achja – Ist Kevin etwa ein Standin für alle Männer? Nein, er ist ein Standin für das Klischee der „hübschen Sekretärin“, die zu sonst nix gebraucht wird. Was kein Schwein stören würde, würde es sich um eine Frau handeln.Aber eigentlich sollte man den Film nicht einfach nur gegen Vorwürfe verteidigen. Es ist ein guter Film:

Die Exposition ist stark. Sie nimmt sich Zeit für alle vier Figuren, zeigt sie mit alltäglichen Problemen und arbeitet die wachsende Bedrohung durch anfangs unverbunden wirkende Geisterbegegnungen überzeugend ein.

Die Figuren selbst sind stark, doch das sagte ich oben schon. Der Umgang miteinander ist auf eine überdrehte Art überzeugend, die Dialoge sind glaubhaft, sie machen die Figuren lebendig, von den jeweiligen Soziolekten bis zur Artikulation.

Die Cinematografie ist nichts besonderes, aber da stechen heute wahrscheinlich wirklich nur noch Indy-Filme hervor. Sie ist aber sehr ordentlich.

Die Story ist whacky, Aber warum nicht. Innerhalb des Universums funktioniert sie und bleibt spannend bis zum großen Finale. Das dauert viel zu lang und enthält zuviel „Action“, was es natürlich langweilig macht. Aber das gilt für jeden einzelnen Mainstream Hollywood Film.

Ich habe weder bei Men in Black International noch bei Men in Black einmal ernsthaft gelacht (auch das wurde International vorgeworfen, man lache nicht, obwohl es eine Komödie sei. Sorry, ich lache auch über I nicht). Über Ghostbusters 2016 habe ich mehrfach laut gelacht. Nicht wie beim ersten Mal Seinfeld schauen, oder Golden Girls oder Blackbooks oder was auch immer. Aber der Film ist lustig.

Ich glaube, noch mehr als an einer Unterbewertung aktueller Hollywood-Produkte leidet der Diskurs an einer Überbewertung vergangener. Man tendiert dazu, was man als Kind oder Jugendlicher toll gefunden hat, mit der Zeit zu überhöhen, auch um womöglich das eigene nagende kritische Bewusstsein abzuwehren.

Ich meine, was da alles an Argumenten für reine Unterhaltungs-Produkte aufgefahren wird. Komplexe Charaktere, perfektes Erzähltempo und so weiter und so fort. Ja, in manchen seltenen Fällen passt alles zusammen. Ein Film wie beispielsweise Der weiße Hai weiß zu unterhalten, überzeugt mit einfachen Figuren, die dennoch sehr glaubhaft wirken und gleichzeitig legt er seinen Finger geradezu unheimlich auf die Defizite des Krisenmanagements im Kapitalismus, wenn man um Profite fürchtet. Zwischen Der weiße Hai und die westliche Corona-Politik geht kaum ein Blatt. Und es gibt durchaus noch ein paar weitere Beispiele. Ältere wie neuere. Im gehobenen Indy- Sektor ebenso wie in Hollywood abseits des Blockbuster-Kinos. Ja, Ghostbusters 2016 ist nicht I am Mother oder The other side of the wind. Aber verdammt noch mal, Ghostbusters (Original) war das auch nicht. Sondern überdrehter, spaßiger Klamauk. Superman mit Christopher Reeves ist nicht gerade ein Paradebeispiel für Tiefe vielschichtige Figurenzeichnung. Indiana Jones hat ein paar bestimmende Eigenschaften und dann wird ge-abenteuert. Wirklich viel Charakterentwicklung oder gar Lerneffekte gibt es da auch nicht.

In vielen Fällen hat die Ablehnung neue Hauptfiguren, auch wenn es sich um weibliche handelt, wahrscheinlich noch nicht einmal prinzipiell etwas mit der Ablehnung weiblicher Hauptfiguren zu tun. Ich erinnere an die mittlere Krise, die ein blonder Bond einst ausgelöst hat. In einer Reihe, die ständig die Schauspieler wechselt. Heute wird James Blond für den frischen Wind gefeiert, den er gebracht hat.

Das traurige ist: Fans tendieren sehr schnell dazu, zu vergessen, dass ihr Produkt tatsächlich immer genau das war: Ein Produkt, um möglichst viel Geld zu machen. Und dass dieses Produkt Veränderungen und Neuauflagen braucht, um sich weiter zu rentieren. Stattdessen ist man davon überzeugt, es gebe so etwas wie einen festen Kanon, es stünde also wirklich eine Welt hinter dem Produkt, die nicht verändert werden darf und wenn muss um jeden Hügel gekämpft werden. Natürlich nur, bis die Veränderungen lang genug Zeit hatten, um einzusinken, und man sich dann auf die nächste Neuerung stürzen kann.

Ernsthaft: Mike Hat (s.o.), offenkundig ein rein für den Witz erfundener Hund, hat jetzt einen Eintrag im Ghostbusters Wiki. Und wenn Kevin in 10 Jahren dann in einem Film ohne Hund gezeigt wird, wird es am Ende wieder einen Aufruhr geben…

Warum spricht niemand über MIB 2 und 3?

Natürlich: längst nicht alle Fans. Wahrscheinlich sogar nur eine besonders aktive Minderheit. Aber wer Laut schlägt, wird gehört. Auch das lässt sich wohl kaum ändern. Hinzu kommt, dass es in sicher weit über 90 Prozent aller Fälle tatsächlich und beinahe notwendig einen qualitativen Unterschied gibt zwischen dem ersten, oft als einzelnes Werk gemeinten Film und den Nachfolgern einer Serie oder auch den Reboots. Auch wenn ein Film stets mit mehr Blick auf die kommerzialisierbarkeit entstehen muss als etwa etwa ein Roman, den man zur Not neben der Lohnarbeit schreiben kann, entsteht das erste Werk einer späteren Serie für gewöhnlich noch unter vergleichsweise starken ästhetischen Gesichtspunkten. Was dann folgt, wird knallhart kalkuliert: Bei soundsoviel Einsatz vom Original-Budget mache ich bei so und so viel Umsatz im Vergleich mit dem Vorgänger soundsoviel Gewinn. Filme mit Zahlen im Titel sind selten wirklich gut. Ich meine… Erinnert ihr euch an die Matrix-Filme? An die Jurassic-Park-Fortsetzungen?

Aber dass selbst manche meist sehr vernünftigen Kritiker, denen es sehr wichtig ist, nicht als frauenfeindlich wahrgenommen zu werden, dann immer wieder im Falle solcher sogenannter „female Reboots“ dem oben angeführten doppelten (vielleicht dreifachen) Vorurteil derart erliegen, das sollte eben schon zu Denken geben. Beispielsweise, und damit möchte ich schließen:

Wieso wird Men in Black international so negativ wahrgenommen, während niemand darüber spricht, dass Men in Black zuvor schon zwei Nachfolger hatte. Und die waren wirklich nicht toll. Der zweite war neben Scary Movie 3 (?) damals ein Grund für mich, nicht mehr ins Kino zu gehen und solches Geld lieber anderweitig zu verwenden.

Könnte das nicht doch daran liegen, dass Scheiß-Sequels nicht der Rede wert, denn die gibt’s wie Sand am Meer. Aber ein Sequel mit weiblicher Hauptrolle, besonders mit weiblicher Action Hauptrolle, sehr viel genauer auf seine Fehler abgeklopft wird?

Bild: Pixabay.

PS: Man sollte auch nicht übersehen, dass Ghostbusters 2016 dem Eindruck aus der Kontroverse zum Trotz bei IMDB ein gut bewerteter Film ist, 0.1 Punkter vor Ghostbusters 2 und nur 1.0 hinter Ghostbusters.

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