„Idoru“ – Etwas zu absurd für die Bridge-Trilogie.

Idoru hat von allen Romanen William Gibsons wohl die verrückteste Prämisse. An sich geschieht ähnliches wie am Ende von Neuromancer, was die Nachfolgeromanen dann zu voller Blüte treiben: Eine künstliche Intelligenz wird selbstbewusst und testet aus, was es heißt zu leben. Nur: Die künstliche Intelligenz ist ein Idoru, ein zu Entertainmentzwecken geschaffenes Pop Idol. Und Sänger Rez der Kultgruppe Low/Rez verliebt sich in sie und will sie heiraten. Das führt verschiedene Charaktere in Tokyoter Nachtklubs und finsteren Straßen zusammen. Die Präsidentin des Low/Rez Fanclubs aus den Vereinigten Staaten, Chia Pet McKenzie, soll untersuchen, ob an den Heirats-Gerüchten etwas dran ist. Ihre Recherchen führen sie unter anderem nach Kowloon Walled City, einem Online-Nachbau der berühmten dichtesten Siedlung der Welt. Colin Laney derweil besitzt die Fähigkeit, intuitiv Informationsknoten der virtuellen Welt wahrzunehmen und auszulesen, er wird auf Idoru angesetzt, beginnt aber bald auch den Ursprüngen der eigenen Fähigkeit nachzuspüren, was im dritten Roman der Serie entwickelt wird (Idoru und Virtual Light teilen sich Welt und Themen, sind aber im gegensatz zu All Tomorrows Parties jeweils ohne Kenntnis der gesamten Trilogie lesbar). So klassisch Gibson Idoru ist und so routiniert der das Ganze sprachlich bearbeitet, das Ergebnis muss man als durchwachsen bezeichnen. Was als Zuspitzung heutigen bzw. damaligen Starkultes gedacht ist hat einfach zu viele satirische Momente, um in einer so ernsthaft entworfenen Welt zu funktionieren und ist auf der anderen Seite nicht satirisch genug bearbeitet, um etwa in der Art von Pynchon abgedreht-witzig zu sein. Idoru liest sich erstmals und einmalig im Werk Gibsons deutlich zu sehr als kulturpessimistischer Kommentar. Dennoch liest der Roman sich, auch als einzelner, sehr kurzweilig und ist vor allem immer noch sauberer durchkomponiert als die beiden Fortsetzungen von Neuromancer.

Bild: Pixabay

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