Der Kampf gegen den Hausmeister-Willie-Akzent: Scotts „Heart of Midlothian“

Scotts Heart of Midlothian ist wirklich ein Kampf. Große Teile der Dialoge in diesem Buch sind in Lowland Scotts verfasst, was sich als deutschsprachiger Leser mit moderner Sozialisation eigentlich nur flüssig lesen lässt, wenn man sich die ganze Zeit im Geiste so eine Hausmeister-Willie-Spur darüber legt. Ich muss zugeben, dass ich mir bei Dialekttranskriptionen, besonders solch krassen, nie ganz sicher bin, ob man die als gelungen betrachten kann. Autoren schreiben das halt so nieder, wie sie es sich gerade denken, aber ein wirkliches System scheint es oft nicht zu geben. Und im Englischen ist es besonders schwer: Die Phonetik dieser Sprache folgt ja keinen einheitlichen Regeln, gleiche Buchstabenkombinationen werden in unterschiedlichen Wörtern ganz anders ausgesprochen. So dass Leser in Dialektpassagen eigentlich keine Ahnung haben können, wie die Fantasieschreibweisen dann tatsächlich gesprochen werden.

Heart of Midlothian geht von den Porteous-Riots aus, einem Aufstand Anfang des 18. Jahrhunderts rund um eine Exekution. Und folgt dann der Geschichte der Schwestern Jeannie und Effie Deans. Effie soll ein Kind bekommen und davon niemandem etwas verraten haben, wobei das Kind starb. Das gilt nach den damaligen Landesgesetzen als Mord, auch wenn die Tötung nicht intendiert war. Das Schweigen über die Schwangerschaft wurde als billigende Inkaufnahme angesehen. Jeannie könnte die Schwester retten, wenn sie vor Gericht aussagt, diese habe sich ihr offenbart, doch das geht gegen Jeannies Überzeugungen. Stattdessen machte sie sich auf zu einer über Reisen nach London, wo sie versucht, eine Begnadidung zu erwirken. Die Haupthandlung ist im Großen und Ganzen melodramatisch, doch die prominente Local Colour liefert dazu ein ganz gutes Gegengewicht.

Vielfach wird kritisiert, dass der Roman, nachdem die Begnadigung erwirkt wird, noch zu lange weitergehe. Einerseits trifft das vom heutigen Standpunkt zu, andererseits fällt Scott noch nicht wirklich unter den Geltungsbereich moderner Ästhetik. Literatur, besonders Prosa, nahm noch lang eine Zwischentellung ein zwischen Kunst, Historienschreibung der einfachen Bevölkerung, Laienethnographie und nicht zuletzt auch politischem Organ. Insofern stört es nicht wirklich, dass Scott sich Zeit nimmt, lose Enden zu verknüpfen, die Entwicklung der Figuren über das Moment der Auflösung der Spannung weiter zu betrachten, und noch weitere anstrengende Dialoge in Lowland-Scotts auszubreiten. Ich glaube kaum, dass ich Heart of Midlothian noch einmal lesen werde. Dennoch dürfte die Kombination aus sprachlicher Gestaltung und Überzeichnung von Handlung und Charakteren einen der stärkeren Eindrücke meiner Leser-Karriere zurücklassen. Sehr wünschenswert und dann vielleicht auch häufigerer Begleiter wäre ein Hörbuch, das die Dialektpassagen tatsächlich überzeugend überbringt. Damit ich nicht bei allen Figuren immer Hausmeister Willie im Ohr habe.

Bild: Der Titel bezieht sich auf das Gefängnis „Old Tolbooth“. Wiki, gemeinfrei

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