Wie (Robert) Walser oder Lasker Schüler. Aber mit mehr Formbewusstsein. „Fern von hier“ von Adelheid Duvanel.

Ich schrieb es bereits in einer Besprechung von Derborence von Charles Ferdinand Ramuz. Es gibt Bücher, da muss man nur wenige Seiten, ja, nur wenige Zeilen lesen, um zu wissen: Das ist etwas ganz Besonderes. Ja, eigentlich gilt das für fast alle große Kunst. Selten wird ein Werk im Verlauf schlechter. Manchmal besser. Doch ein großes Werk ist immer auf der Höhe, der kleinste Teil trägt bereits das Ganze in sich. Folgendermaßen beginnt “Der Dichter”, die erste Erzählung in Fern von hier, Adelheid Duvanels gerade im Limmat Verlag erschienenen gesammelten Werken:

„Noch vor einigen Monaten bemühte ich mich, gesellig zu sein. Ich lockte fremde Menschen in mein Haus; wie blutige Blumen leuchtete der Wein aus den Gläsern, die ich ihnen reichte. Am frühen Morgen liefen die Augen der jungen Frauen und Männer aus, sickerten warm über ihre Hälse, hüpften über die Schlüsselbeine und rannen tiefer. Ich aber saß nüchtern wie Cellophan im zerschlissenen Sessel neben der Zentralheizung und beobachtete ihre Tänze; sie lösten sich von den Mauern, an denen sie sich festgekrallt hatten, und flatterten wie Efeu im Wind.“

Da klingt Robert Walser an, ein Vergleich, mit dem ich sicher nicht als erster komme, vielleicht auch Else Lasker Schüler. Duvanel verfasst durchwegs kurze bzw. kürzeste Erzählungen, Prosadichtungen auf einer bis wenige Seiten. Etwa 800 Seiten umfasst die Werksausgabe, es finden sich darin mehrere hundert Texte. Was sicher ins Auge springt ist eine größere Konzentriertheit als bei den genannten möglichen Vorbildern. Insbesondere bei Walser hat man ja doch oft das Gefühl, dass er die kleine Form nicht zu Ende denkt, dass seine Texte mal im Nichts beginnen, mal aufhören, gar nicht als durchkomponiertes Kunstwerk gedacht sind. Auch Lasker Schüler profitiert so oft von ihrem Enthusiasmus, wie sie darüber stolpert. Das ist anders bei Duvanel. Ihr Werk kommt nicht durch Zufall mal zusammen und mal nicht. Es wirkt, aller Verträumtheit der Sprache zum Trotz, sehr bewusst angelegt. Überhaupt ist das Schwelgerisch nur die eine Seite. Duvanel gelingt ebenso der rasche und nahtlose Tonwechsel etwa ins bitter Humoristische. Aus der gleichen Erzählung:

„Meine Schwester verließ den Vater früher als ich, aber als ich dann aus der Kälte meines Elternhauses fortging in die Kälte der Welt, war ich noch nicht flügge. Ich verrannte mich, blieb hängen, wurde zum Spielball und fiel tief; ja, ich heiratete beinah.“

Das ist gerade für diese Art von Texten eminent wichtig, denn jeweils ein oder zwei Seiten mit schwelgerischen Wortgirlanden zu füllen lässt sich leicht lernen und die Fallgrube des Kitsches ist auf dem Gipfel der Schönheit besonders nah. Doch Duvanel kommt damit spielend zurecht, durchwirkt das Edelste mit Düsternis und lässt etwa, ohne dass die beiden sich beißen, in eine melancholische Stadtszene ihre Hauptfigur im Mantel der sanften Groteske treten (“Der Flügel”):

„Im sich schließenden Kelch des Himmels schimmert wie ein Wassertropfen der Mond; das Lied einer Amsel schlingt Girlanden aus Duft um die Stadt. Dunkel kauern Bäume in den Gärten, der Lärm einiger Autos und Motorräder fällt vorbei und löst sich auf in der Finsternis am Ende der Straße. Werner, ein rundlicher Mann mit einem Faultiergesicht, sitzt auf dem Bett in der Ecke – knapp einen Meter vom glänzenden Flügel entfernt – und erinnert sich: Im Saal der Musikschule, wo es nach Bodenwichse riecht und die Luft abgestanden ist wie im Theatersaal eines Mädcheninternats (die Schülerinnen sprechen dort, zwischen den Stuhlreihen am Boden kniend, ihre Abendgebete), gab Esther ihr Diplomkonzert.“

Ich sagte ebenfalls bereits in meiner Besprechung von Derborence: Wie schade, dass man heute meist tot sein muss, um solche Texte für ein etwas größeres Publikum gedruckt zu sehen. Immerhin, der Limmat Verlag, bei dem auch Derborence erschienen ist, hat jetzt bereits zwei AutorInnen solch wahrhafter Literatur zu neuen Auflagen verholfen. Vielleicht steht da ja noch mehr in den Startlöchern und vielleicht kommen auch Lebende zum Zug. Es ist ja nicht zwingend, dass wir die Schönheit den Toten überlassen, während wir an die Lebenden das Pamphlet in Romanform und die Unterhaltung des „Wer hat wen getötet?“ und „Wer geht mit wem ins Bett?“ delegieren.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.