„Igel im Nebel“, „Die Geschichte der Geschichten“ und das Warten auf den Mantel. Norsteins Animationskunst. Movie Monday X.

Wer meinen Artikel über Feeling from Mountain and Water als den schönsten Animationsfilme überhaupt gelesen hat, wird vielleicht, wie ich beim Schreiben, gleich noch an zwei weitere Filme gedacht haben, die zumindest Anspruch auf diesen Titel anmelden. Dem längeren der beiden wurde er sogar bereits mehrfach zuerkannt, zB 1984 zur Olympiade der Animation. Es sind die beiden Sojusmultfilm-Produktionen Igel im Nebel und Die Geschichte der Geschichten (jeweils Links zu Youtube), beide entstanden unter der Führung von Yuri Norstein, der nun seit etwa 40 Jahren an seiner Verfilmung von Gogols Mantel arbeitet, die einfach nicht fertig wird. Auch diese beiden Filme bieten überwältigende, künstlerisch anspruchsvolle Bilder, dicht erzählte Geschichten, die mit wenig Musik und einer passenden Soundkulisse erzählt werden und fast ohne Worte auskommen.

Igel im Nebel folgt dem kleinen Igel, der seinen Freund den Bär besuchen will und ihm Marmelade mitbringt. Ein weißes Pferd lenkt ihn ab und die Jagd nach diesem vielfältig ausdeutbaren Symbol führt den Igel in allerlei fantastische Gefilde, ehe er seinen Weg wiederfindet und den Freund besuchen kann. Ein Film über die Bedeutung der Freundschaft? Eine sanftere Version der Ikarus- Fabel mit gutem Ende? Oder eine etwas konservative „Zu Hause ist es doch am schönsten“ – Geschichte? Dagegen spricht allerdings, wie zum Schluss des weiße Pferd noch einmal aufscheint…

Der 10-minütige Kurzfilm wird in Norsteins charakteristischer Mischung aus Zeichentrick, Cut Up- Techniken und dem Filmen durch mehrere halbtransparente bewegliche Platten (wohl eine Variante der auch von Disney bekannten Multi-Panel-Animation) realisiert und gewinnt so eine Ästhetik, die man ganz klar nur diesem Regisseur/Animator zuordnen kann.

Das gilt ebenso für Die Geschichte der Geschichten. Einzelne Szenen hier sind optisch noch überwältigender. Der Hauseingang, aus dem das goldene Licht fällt. Die Laubbäume vor den alten Hütten. Das tanzende goldene Blatt im Schwarz, das sich dann ins Wasser senkt. Mehr assoziativ als chronologisch verarbeitet Die Geschichte der Geschichten Ereignisse und das Leiden der Bevölkerung rund um den Zweiten Weltkrieg aus russischer Perspektive. Der Film ist reich an musikalischen und bildlichen Leitmotiven, denen einzeln nachzugehen den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

Warum es sich mE nicht
um den „größten Animationsfilm aller Zeiten“ handelt.

Beide Filme sind offensichtlich mit großem Kunstwollen gestaltet und vom Anspruch her eher in den Sphären von The feeling of mountain and water oder Belladonna of sadness anzusiedeln als in denen von Bernard und Bianca, In einem Land vor unserer Zeit oder selbst noch High-Brow-Massenkino wie Ghost in the Shell. Was mir Schwierigkeiten macht, die beiden Filme ähnlich hoch zu schätzen wie die beiden Erstgenannten ist das folgende: Igel im Nebel ist zwar größtenteils eine gelungene einheitliche Vision, aber ohne diese ganz große Kraft, die zb Feelings innewohnt. Der Film ist nett, hübsch, putzig mit einem gewissen „mehr“. Aber das putzige überwiegt. Die Geschichte der Geschichten ist kraftvoller, auf der anderen Seite aber sehr uneinheitlich gestaltet. Dieser Film enthält auch ein paar höchstens durchschnittliches Szenen, die eher an Bilder aus einem Kinderbuch erinnern, etwa die Menschen im Schnee und den Apfel essenden Jungen. Und es gibt ein paar Momente, die wirklich schlecht gealtert sind. Die Montage des grauen Wolfes vor dem Realfilm rasender Autos z.B. Die Modellautos vor den gezeichneten Hütten. An solchen Stellen beißen sich die Ebenen. Nicht hilfreich auch, dass man die Schnittlinien an den Figuren manchmal all zu deutlich sieht, was durch einen Blur-Effekt eher noch verstärkt wird. Auch der Igel hat dieses Problem, in Maßen: In der vorletzten Szene, auf dem Fluss, bricht der vorherige Stil ohne inneren Grund, einfach weil sich das Ganze mit echtem Wasser wohl leichter drehen ließ. Dadurch aber erkennt man den Igel jetzt penetrant als Cut-out, der durch eine Kulisse gezogen wird. Keine Brechtsche, sondern eine rein budgettechnische Verfremdung. In einem Land vor unserer Zeit dagegen z.b. ist natürlich von Anfang an viel gefälliger intendiert, Die Geschichte der Geschichten und auch Igel möchten ganz große Kunst sein. Aber ersterer erreicht sein ästhetisches Ziel immer. Die Geschichte der Geschichten dagegen fällt manchmal tierisch auf die Nase. Die Szene mit den marschierenden Soldaten etwa. Erst in der dritten Einstellung wird deutlich, dass, was rechts im Bild wie Matsch aussieht, der auf die Linse geklebt wurde, eigentlich Bäume sein sollen. Und nein, ich glaube, das ist keine Absicht. Die Geschichte der Geschichten ist beeindruckend, für sich und noch einmal besonders, wenn man bedenkt, welche Produktionsmittel Norstein zur Verfügung hatte und welche der westlichen Konkurrenz. Aber: Die Technik ist Teil des Animationsprozesses und wenn man auch Die Geschichte der Geschichten sicher unter die besten Animationsfilme zählen sollte – Es gibt einige, die im Ganzen gelungener sind. Noch bleibt die Hoffnung auf den Mantel, dessen bisher veröffentlichte zweieinhalb Minuten unglaublich vielversprechend aussehen. Aber Yuri Norstein ist über 80 Jahre alt und ich zweifle, dass der Film im Ganzen noch das Licht der Welt erblickt. Ich hoffe sehr wir bekommen irgendwann wenigstens die angeblich produzierten 25 bis 30 Minuten zu sehen.

Bild: Pixabay

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