Ein dialektischer Roman rund im die chinesische Revolution: „Weiches Begräbnis“ von Fang Fang.

Weiches Begräbnis von Fang Fang macht es der Leserschaft zu Beginn wirklich nicht leicht. Die ersten etwa 30 Seiten über wird sich auf die Protagonistin ausschließlich durch das Personalpronomen „sie“ bezogen, und das reichlich, denn obschon aus der dritten Person, wird der Text aus der Perspektive dieser Protagonisten erzählt. Ich weiß nicht, ob sich das im Chinesischen nicht möglicherweise deutlich flüssiger liest, im Deutschen ist dieser Stil allerdings fast unmöglich ohne Krampf umzusetzen. Ich dachte mir schon: Dieses Buch war mal wieder ein Griff ins Klo. Aber: Das Ganze geschieht nicht ohne Grund.

Denn rund um Seite 30 enthüllt sich, dass es sich beim Auftakt von Weiches Begräbnis, worin die Protagonisten als junge Frau aus einem Fluss gerettet wird und zuerst aus pragmatischen Gründen den Arzt heiratet, der sie gesund gepflegt, um die Geschichte davon handelt, wie diese Frau ihren Namen bekommt. In der Folge tritt sie dann als Ding Zitao auf und ist auch nur noch eine von mehreren Figuren in einem größeren Ensemble.

Der Arzt stirbt früh und Zitao macht sich krumm dafür, dass der Sohn die Universität besuchen kann. Im Alter schenkt der ihr dafür ein schickes Landhaus. Doch die neue Umgebung lässt Zitao vom einen auf den anderen Tag in eine Art Wachkoma verfallen. Nun folgen wir den Arbeiten des Sohnes als Historiker altchinesischer Adelssitze, was zu weitreichenden Betrachtungen über die Gesellschaft vor und nach der Revolution Anlass gibt und wobei Figuren aus allen Gesellschaftsschichten zu Wort kommen. Parallel sind wir zu Gast in Träumen bzw. Erinnerungen von Ding Zitao an die Zeit vor dem Unglück, und als dann auch noch der Sohn alte Aufzeichnungen des Vaters findet, beginnen sich die Rätsel vom Anfang aufzuklären.

Weiches Begräbnis entpuppt sich dabei als sehr überzeugende Lektüre, die sich bei gelungener sprachlicher Gestaltung eine vielschichtige Betrachtung der chinesischen Gesellschaft vor und nach der kommunistischen Revolution mit Schwerpunkten auf die Bodenreform von 1949 zum Ziel gesetzt hat. Beschönigt wird nichts, doch wer sich ein typisches Dissidenten-Buch erhofft hat, wie es auch die Werbung nahelegt, dürfte auch nicht auf seine Kosten kommen. Fang Fang lenkt auch regelmäßig den Blick auf Elend und Unterdrückung im späten Kaiserreich und erzählt in erster Linie eine Geschichte in vielen Geschichten, die ganz unterschiedlich auf die großen Umwälzungen in der chinesischen Gesellschaft blicken. Sozusagen ein historisch-dialektischer Roman und definitiv eine lohnenswerte Lektüre.

Bild: Pixabay

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