Das größte (halbe) christliche Kunstwerk des 20. Jahrhunderts und allerlei Stückwerk. Disneys Fantasia am Movie Monday.

Fantasia – Man kann über künstlerisch anspruchsvollen (und ansprechenden) Animationsfilm nicht reden, ohne Disneys Fantasia (1941) zumindest zu erwähnen. Der zweistündige wortlose Musikfilm in sieben Stücken war ein Pionier der anspruchsvollen Animation. Aber handelt es sich auch um ein gelungenes Kunstwerk?

Als Ganzes? Klares Nein. Historische Bedeutung =/ künstlerische Qualität. Dieser Film weiß einfach nicht, was er sein will, versucht von allem ein Bisschen. Wort/Bildkunstwerk? Silly Symphony? Bildungsfernsehen (!). Kaum zwei der sieben Einzelfilme würde man, sähe man sie einzeln, überhaupt dem selben Gesamtwerk zuordnen.

Dabei leidet das Ganze zusätzlich daran, dass ausgerechnet das Hauptstück, Der Zauberlehrling, gegenüber den konsequenteren Arbeiten deutlich abfällt und seine Herkunft als Silly Symphony einfach nicht verhehlen kann. Micky passt nicht wirklich in das Design der Hintergründe, die Optik ist insgesamt nur leicht überdurchschnittlich und allein, dass in der zweiten Hälfte mit diesem lächerlichen Griechenbaby-Zuckerkitsch und dem Tanz der Tiere noch zwei deutlich schwächere silly-symphony-artige Passagen folgen, „rettet“ Micky (Auch The Rites of Spring enttäuscht mit seinen globigen Dinosauriern).

Etwas schwieriger wird das Urteil, löst man einzelne Kurzfilme aus dem Ganzen und vergleicht sie mit anderen Shorts. Die Toccata und Fuge besticht tatsächlich durch eine durchgehende künstlerische Idee. Allerdings sind die schönsten Passagen streng genommen keine Animation, sondern Schattenspiele des Orchesters aus Fleisch und Blut. Und die animierten Passagen erinnern an einen aufwendigen Bildschirmschoner. Sie machen eben nichts anderes, als Töne nachzuzeichnen, sie eröffnen keine weitere Ebene.

Noch einmal eine Schippe drauf legt die Nussknacker Suite. Hier gibt es nun wirklich Bilderwelten, die mindestens an das herankommen, was bis heute Prunkstücke klassischer Animation ausmacht. Aber wie Fantasia im Ganzen fehlt auch diesem Einzelstück wieder die einheitliche Linie. Die Tanzszenen der Pilze und der Blumen etwa brechen den Stil komplett. Lebte das Ganze bisher von weich gezeichneten Hintergründen, aus denen bewegliche Figuren sich auch nur weich herauslösen, dominierten nun der harte Stil typischer witziger Disney-Shorts gegen schwarze oder anders einfarbige Hintergründe. Vielleicht hätte man konsequent sein sollen und für diese Sequenzen Tschaikowsky für ein oder zwei Minuten mit einfacher Line-Dance-Country-Music ersetzen.

Das mit der fehlenden Einheitlichkeit gilt auch für das Schlussstück Night on Bald Mountain and Ave Maria. Hier kommt auf dem Friedhof und später im Dorf die Multipanel-Cam zu beeindrucken Einsätzen und die Geister und später die Geisterreiter mit ihren Transparenzeffekten wirken ernsthaft gruselig-geisterhaft. Auch der Oberteufel mit seiner rustikalen, dennoch eleganten Silhouette gefällt. Aber die kleinen Teufel wirken wieder, als hätten sie sich aus dem lustigen Taschenbuch oder ähnlichen Produktionen verirrt. Das Feuer, die Berge – mehhh.
Schade. Denn ab dem Moment, in dem der Oberteufel sich in seine Flügel hüllt, um zu schlafen, sanfter Frühnebel aufzieht und eine Lichter-Prozession zum Ave Maria über Brücken, gespiegelt im Wasser, durch einen Wald zieht, der dann und wann durch geschicktes Verschmelzen der Vordergrund/Hintergrund-Ebenen Züge einer gotischen Kathedrale annimmt, ab diesem Moment beginnt tatsächlich die schönste Sequenz in ganz Fantasia und eine Sequenz, die sich nicht nur mit anderen Höhepunkten der Kunst der Disney-Studios (Kutschfahrt und Tanz aus Cinderella, verschiedene Momente aus Sleeping Beauty, Intro und Flug aus Bernhard und Bianca) messen kann, sondern wenn sie ein Ganzes wäre, auf Augenhöhe stünde mit The Feeling from Mountain and Water.

Ich zögere nicht, diese Sequenz als einen Baustein zum größten christlichen Kunstwerk des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen, denn sie vereint Schönheit und Zugänglichkeit in genau der Weise, die auch ältere große sakrale Kunst ausmachte. Doch leider gewönne sie ihre ganze Kraft eben erst als hoffnungsvolle Antwort auf den Geisterspuk aus der Vornacht. Schade, dass der nicht auf dem gleichen ästhetischen Niveau ist und sich derart zieht, dass die beiden Häften des Konzepts einfach nicht zusammen kommen. Trotzdem empfehle ich absolut, sich diese Sequenz (s.o.) anzuschauen, sie ist wunderschön! Leider fehlt bei diesem Link der Beginn mit dem Berg und die Bildqualität ist etwas mau. Es gibt ein digitales Remake, das nicht ohne Reiz ist, aber das handgezeichnete Original kann das nicht ersetzen.

Bild: Pixabay.

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