Informativer Kunstkatalog: Spätgotik: Aufbruch in die Neuzeit.

Kunstausstellungen haben oft einen positiven Nebeneffekt. Sie bieten Gelegenheit, Bücher über Kunst zu veröffentlichen, die nicht gezwungen sind, mit besonders marktschreierischen Thesen, seien es Dekonstruktionen bestehender Geschichtsbilder oder Revisionen gegen einen vermeintlich zu dekonstruktiven Zeitgeist, von sich reden zu machen. Werke, die tatsächlich vor allem über Kunst sprechen und weniger über sich selbst und das Weltbild der Autoren. Klar, ganz ausklammern lässt sich das nicht, aber ich empfinde Begleitbücher zu Ausstellungen oft als besonders informativ.

Das gilt auch wieder für „Spätgotik“, das allerdings schon eine sehr detailreiche Lektüre darstellt. Es ist ein Begleitband zu einer Ausstellung in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Berlin. Hier wird die späte Gotik, vor allem auf dem Feld der Malerei, nicht nur als das Ende einer Epoche, des sogenannten Mittelalters, vorgestellt, sondern auch als eine Zeit, in der vieles, was wir später der Renaissance zuschreiben schon angelegt war bzw. teilweise sogar bereits zu breiter Blüte gelangt. Nicht neu, wie gesagt, das steht bereits bei Gombrich. Aber eben sehr breit ausgearbeitet. Der Sammelband wartet mit zahlreichen Essays auf, die etwa die Entwicklung der Malerei in der Folge des Durchbruchs behandeln, als der die Gestaltung des Genter Altars erschien, und die aufzeigen, wie besonders deutsche Maler an die Techniken van Eycks anschlossen. Auch das Werkstattwesen und die damit verbundene Schwierigkeit, Werke einem einzelnen Maler zuzuordnen (auch noch, als es langsam Usus wurde, Werke zu zeichnen), wird ausführlich beleuchtet. Ein weiterer Essay untersucht die Wege, die die mittelalterliche Kunst nahm, um überhaupt im „modernen“ Bewusstsein als solche wahrgenommen zu werden. Sozusagen von der Kirche ins Museum. Spätere Texte Folgen etwa der Entwicklung der Stile nach van Eyck, etwa im Zusammenhang mit Rogier van der Weyden oder beschäftigen sich mit der Bedeutung von Druckgrafiken und noch später dem Buchdruck für die Wahrnehmung von Kunst.

Wer sich also mit der für die Entwicklung der europäischen Kunst so wichtigen Epoche der späten Gotik beschäftigen möchte, findet hier viel Material, klug aufbereitet. Ein bisschen schade finde ich, dass der Schwerpunkt doch ich würde sagen etwa im Verhältnis von 80 zu 20 auf der Malerei gegenüber den weiteren Künsten liegt (natürlich liegt das an der Ausstellung, die den Anlass zum Band bildet). Denn zumindest für den laienhaften Betrachter tut sich zwischen Malerei, Architektur und Skulptur in der Spätgotik so etwas wie eine Schere auf, wobei die Architektur und die Skulptur im Großen und Ganzen noch deutlich mittelalterlicher anmuten als die Malerei, deren sehr modern wirkende Entwicklung ab Anfang des 15. Jahrhunderts wohl die Wenigsten leugnen würden. Woran liegt das? Sind in der Architektur die Beharrungskräfte größer, weil so viel mehr Geld in ein einzelnes Werk investiert werden muss? Oder vielleicht liegt es an den Zeitspannen, in denen große spätmittelalterliche Werke entstanden sind, die ja oftmals bereits im Hochmittelalter begonnen wurden? Oder hat es nicht auch etwas mit den Produktionsmitteln zu tun, die in der Malerei weiter fortgeschritten waren und leichter zu beherrschen, so dass dort bereits eine Filigranität erreicht werden konnte, die im bildhauerischen Werk einfach noch nicht ganz so zur Geltung kam? Auch wenn ich mir von dem Buch nicht unbedingt Antworten auf solche Fragen gewünscht hätte, so doch zumindest, dass die anderen Künste noch etwas mehr Gewicht bekommen und nicht meist quasi nebenbei abgehandelt würden.

Zuletzt ist zu bemerken, dass den einzelnen Ausstellungsstücken wirklich sehr viel Raum gegeben wird. Das liest man anfangs noch mit viel Begeisterung, all diese detaillierten Bildbeschreibungen und Analysen. Aber mit der Zeit kämpft man sich, will man das Buch wirklich von vorne bis hinten durchlesen, durch diese Passagen und wartet nur darauf, dass endlich der nächste Essay beginnt, der tatsächlich die Zeit im Kontext beleuchtet. Nun ist „Spätgotik“ eben ein Ausstellungskatalog in Buchform, und dann macht das natürlich absolut Sinn. Da das Ganze aber auch unabhängig davon als Buch veröffentlicht ist, seien Leser gewarnt, die einfach ein gutes Buch über die späte Gotik lesen wollen: Dieses hier macht zumindest eine chronologisch Lektüre nicht ganz einfach. Aber man kann es wunderbar für die Essays lesen und dann für einzelne Werke zum Nachschlagen konsultieren.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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