Quer durch die „Menschliche Komödie“. Balzac-Lektüre 7: Zwei sehr zerfahrene Romane.

Der Dorfpfarrer beginnt als lebendige Szenencollage aus dem Kleinstadtleben, bewegt sich dann eine Zeit lang auf das Terrain des Kriminalromans, wobei das Schicksal eines Verurteilten vor allem wiederum zum Anstoß dient, die Protagonistin des Romans dazu zu motivieren, ihr Leben unglücklichen und armen Menschen zu widmen. Der Kontakt mit einem früheren Verbrecher auf ihrem Landgut stößt sie weiter in diese Richtung. Dabei ist Der Dorfpfarrer einerseits weiterhin sehr lebendig erzählt, andererseits fehlt einmal wieder der rote Faden. Es wirkt mehrfach, als beginne eigentlich eine neue Geschichte, die nur noch von einigen Momenten der letzten motiviert ist. Kann man lesen, begeistert aber nicht wirklich. Ich bekomme langsam das Gefühl, dass sich hier eine Tendenz abzeichnet: Während die großen Pariser Romane tatsächlich auch meist relativ stringent ausgeführt sind und viel Arbeit auf die Komposition des Ganzen verwendet wurde, lässt der Autor auf dem Land immer wieder die Zügel schleifen. Das ergibt hier und da hübsche Szenen, doch selten einen Text, der wirklich lang im Gedächtnis bleibt. Da ich meine Rezensionen nicht immer direkt im Anschluss an die Lektüre schreiben kann, wirkt sich das auch auf diese aus. Die Großstadt-Romane bleiben präsent, bei den Land-Romanen muss ich regelmäßig im französischen Wikipedia noch mal nachlesen.

Auch Die Frau von Dreißig Jahren ist leider ein sehr zerfahrener Roman. Das Ganze beginnt wie eine typische Balzacsche Liebesgeschichte. Eine junge Frau verliebt sich in einen etwas älteren Soldaten, der Vater warnt sie noch, doch sie heiratet und zieht an die schöne Loire.

Die Ehe bleibt nicht lange glücklich, was für Balzac die Norm zu sein scheint. Bald leben die beiden nur noch nebeneinander her, was der Erzähler als die typische Form der Scheidung in der höheren Gesellschaft kommentiert. Die Dame hat eine Art „Liebhaber“, wobei die beiden allerdings nur reden. Dennoch geht dieser an der Geschichte zugrunde und stirbt. Dann folgt ein drastischer Zeitsprung, ein Mörder sucht Asyl im Haus und die jüngste Tochter der Familie entscheidet sich, mit dem Mörder zu gehen. Das ganze hebt an wie ein vollkommen neuer Roman.

Schade um einiges, was in diesem Text einmal wirklich gelungen ist: Balzac lässt tatsächlich die Charaktere handeln und sprechen, statt immer nur zu erzählen, was als nächstes geschieht und zum ersten Mal finde ich wirklich schön Beschreibungen von Szenerie, die man gerne ein zweites oder drittes Mal lesen würde, etwa:

Auf der weiten, vom frischen Morgenwind leichtgekräuselten Wasserfläche, die dieser majestätische Fluß entfaltet, werden die Sonnenstrahlen von unzähligen Facetten gebrochen. Wie die Edelsteine eines Halsbandes reihen sich hier und da grünende Inseln auf den schier unendlichen Wassern. Auf der anderen Seite des Flusses breiten die schönsten Landschaften der Touraine, soweit das Auge reicht, ihre Herrlichkeit aus. In der Ferne ist der Blick nur von den Hügeln des Cher begrenzt, dessen Gipfel sich zu dieser Stunde in leuchtenden Konturen von dem durchsichtigen Blau des Himmels abhoben. Durch das zarte Laubwerk der Inseln gesehen, scheint Tours, im Hintergrund des Bildes, sich wie Venedig aus dem Schoß des Wassers zu heben. Die Glockentürme seiner alten Kathedrale ragten in die phantastischen Gebilde eines weißlichen Gewölks hinein.”

Der Roman gehört allerdings ganz klar zu den schwächeren und kann nicht wirklich empfohlen werden.

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