„Die Struktur und das finstere Zentrum der Buddenbrooks“. Von Tony, Wahnsinn und Kolonialverbrechen.

Ich hatte schon einmal kurz darauf hingewiesen, dass ich Buddenbrooks für Thomas Manns am besten strukturiertes Werk halte. Eine virtuose Komposition: Aufgespannt vom Gebet der kleinen Tony im Familienkreis über die einzelnen Familienmitglieder hinweg, mit „drei Ehen“ (ihren beiden eigenen und der der kleinen Erika) bis zum Schluss, wo Tony als eine der letzten aus der ersten Szene noch am Leben ist und zwar nicht selbst das letzte Wort hat, doch ihre Erzieherin und mütterliche Freundin Sesemi Weichbrodt, die sich Tonys negativem, ja, sogar das Ewige Leben in Frage stellenden Rückblick auf die Familiengeschichte und die vielen Tode entgegenstellt:

Da aber kam Sesemi Weichbrodt am Tische in die Höhe, so hoch sie nur irgend konnte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte den Hals, pochte auf die Platte, und die Haube zitterte auf ihrem Kopfe. „Es ist so!“ sagte sie mit ihrer ganzen Kraft und blickte Alle herausfordernd an.

Sie stand da, eine Siegerin in dem guten Streite, den sie während der Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von Seiten ihrer Leherinnenvernunft geführt hatte, bucklig, winzig und bebend vor Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin.

Tony

Wenn Buddenbrooks eine „Protagonistin“ hat, eine zentrale Figur, dann ist das nicht Tom, auf den sich die meisten Leser konzentrieren dürften, sondern Tony. Sie hält die Geschichte zusammen. Und sie ist eine wirklich herausragende Figur der Literaturgeschichte. Eine Frau mit eigenem Kopf, aber nicht einfach eine Projektionsfläche. Eine mit dem Willen, eigene Ziele und dynastisches Bewusstsein, das Telos der Familie, in eine Balance zu bringen. Und genau daran, bzw. darin, dass aus ihr selbst heraus das dynastische Bewusstsein immer wieder das Übergewicht gewinnt, scheitert sie. Geht erst auf sanften Druck der Familie diese schreckliche Ehe mit Grünlich ein, dann aus eigenem Antrieb die etwas hoffnungsvollere mit dem unschönen Ende mit Permaneder. Aber scheitert sie eigentlich wirklich? Denn was ist das – Scheitern? Tony lebt ein langes Leben voller bewegender Momente. Sie verbittert, doch schöpfen neue Kraft aus der Verbitterung. Sie erweitert, wenn auch nicht systematisch, ihren Horizont. Und dass sie wie eine Gescheiterte wirkt, liegt letztlich auch an ihrer Langlebigkeit. Ihr ist es nicht vergönnt, abzutreten, als die Familie noch auf dem Höhepunkt ihrer Kraft ist. Und ein Mensch alleine kann den Karren nicht aus dem Dreck ziehen, zumal die Familie ja selbst pars pro toto für eine Zeit des bürgerlichen Wirtschaftens steht, die vor größeren Kapital-Konzentrationen im Niedergang begriffen ist. Man sollte Tony Buddenbrook nicht nur als Spielball der Kräfte lesen und als ein armes Hascherl, das von allen Seiten auf die Nase bekommt. Tony ist das Zentrum einer großen Geschichte und selbst sehr aktiv im Weiterweben dieser Geschichte. Das Urteil darüber spricht, s.o., die alte Erzieherin.

Als Schullektüre ist dieses Buch ein Verbrechen

Ich gebe zu, in der Schule habe ich dieses Buch gehasst. Die Größe von Literatur wertschätzen, die weit über den eigenen Horizont hinausgeht – man muss es lernen wie man den Geschmack von Bier und Wein, wie man Rosenkohl schmecken lernt. Und Mann tut Lesern nicht den Gefallen, ihnen zu geben, wonach zumindest die Jugend (aber auch unsere heutige gesellschaftliche Dauerpubertät) verlangt: Eine Figur zum sich Identifizieren. Tony ist nicht modern genug, Tom zu geschäftlich, bei Christian, der in einem romantischen Roman diese Rolle spielen könnte, werden die Schwächen zu stark in den Vordergrund gestellt, bis hin zur Lächerlichkeit. Ja, ich halte es für gemeingefährlich, wenn andere als ausschließlich die besten Lehrer überhaupt einen der großen Romane Manns mit ihren SchülerInnen lesen. Meist wird ein ganz großer Autor damit auf Dauer ruiniert. Denn die wenigsten haben die Größe, ein jugendliches Fehlurteil zu revidieren. Leider haben auch die wenigsten Lehrer die Größe, einzugestehen, dass sie Mann nicht gewachsen sind.

Die Buddenbrooks ist ein Monument der Balance. Das macht den Roman so schwer zugänglich. Denn wir sind von Literatur gewohnt, große Effekte zu erwarten, noch mehr in einer Zeit, in der der Hollywood-Blockbuster die narrative leitkunst ist. Die Buddenbrooks aber wirken wie eine durchkomponierte Symphonie oder ein großes sSngstück, in dem die wichtigsten Stimmen sich immer wieder abwechseln, durchkreuzen oder ergänzen. Heraus fallen aus dieser balancierten Oberflächenstruktur nur drei Momente, auf die ich zum Schluss eingehen möchte. Ansonsten aber gilt: Ob es aufwärts geht mit der Familie oder abwärts, ob Wirtschaftskrise, Tod oder gar eine kleine Revolution drohen: Die Contenance wird bewahrt, von den Buddenbrooks ebenso wie vom Roman im Ganzen: „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können“.

Ich spreche von der Oberflächenstruktur. Doch das allein würde wahrscheinlich nicht ausreichen, um einen Text, der auf den ersten Blick so schwer zugänglich ist, bis heute immer wieder relevant zu machen, einen Text, gegen dessen Lektüre die Schulen aktiv arbeiten, indem sie viel zu junge Leser mit wenig Hilfe dazu zwingen, mit seinen 1000 Seiten zu ringen, zu ermöglichen, doch immer wieder neue Leserschichten zu erschließen.

Die Buddenbrooks und die Kolonien – Das finstere Zentrum.

Doch die Symphonie der Buddenbrooks entfaltet sich rund um ein schwarzes Loch. Es gibt eine Seite des internationalen Handels, mit dem die Buddenbrooks letztendliche Geld verdienen, über die im Roman nicht gesprochen wird, allerdings auch nicht nicht gesprochen wird. Der Kolonialismus. Die ursprüngliche Akkumulation in den Kolonien. Das Blut, das am gesamten Aufstieg des Westens über das 18./19. und Teile des 20. Jahrhunderts klebte.

In diesem schwarzen Loch erst kommt Christian Buddenbrook zu seinem Recht als eine Figur, die hinausweist über die Figur des Lebemanns, dessen Genie nicht reicht um jene eine Rolle auszuüben, in der seine Eigenschaften im Lübecker Großbürgertum akzeptabel wären: Die des Künstlers. Denn beim Betrachten des geistigen Weges Christians vom überschwänglichen Jugendlichen über den unsteten Arbeiter in der Firma bis hin zum Hypochonder und letztlich in die Anstalt, wird gern darüber hinweg gegangen, wohin sein physischer Weg ihn führt. Nämlich, ein interessanter Kontrast, den ich schon in meiner Gegenüberstellung von Goethe und Lenz aufgemacht habe, in die „echte“ Welt.

Die Familie Buddenbrook wirtschaftet lange in einer kleinen Welt, die relativ abgeschottet wirkt vom Hauen und Stechen auf den Weltmärkten. Klar, man ist mit denen in Verbindung, doch immer nur über Mittelsmänner. In Lübeck kann man mit Arbeitern scherzen und Revolten verpuffen in Gelächter. Man kann großzügig sein und sich selbst durchaus glaubhaft als ehrbaren Kaufmann wahrnehmen. Christian aber zieht es zuerst ins Mutterland des Imperialismus. Er lernt sein Handwerk in Großbritannien und geht, als er es weder dort noch in der Heimat weiter aushält, den Weg so vieler junger Männer im 19 Jahrhundert, wenn Sie ein Abenteuer suchen: In die sogenannte neue Welt. Nach Valparaiso in Chile. Wo zwar nicht genau während Christians Aufenthalt, aber in den Dekaden rundherum, mehrere blutige Bürgerkriege gefochten werden. Wo er sich mit einem „Johnny Thunderstorm“ anfreundet, dessen Name darauf hinweist, dass Christian in Chile jenen Roman erlebt oder zumindest aus zweiter Hand erlebt, den viele junge Leser Manns vielleicht lieber gelesen hätten. Jene Mischung aus Jules Verne, Robert Louis Stevenson und Karl May, die junge Herzen zu begeistern vermag. Und immer wieder befinden sich die Kolonisten auch noch in Kleinkriegen mit den ursprünglichen Einwohnern dieser Landstriche. Man handelt unter anderem mit Tabak, einer sehr blutigen Ware. Wenig davon wird ausgesprochen, doch aus Chile bringt Christian jenen Ausruf des Schreckens mit, den er dann immer wieder zu passenden und unpassenden Gelegenheiten anbringt: „Ach du lieber Gott!“ Er hat fortan das Gefühl, dass die Nerven auf einer Seite seines Körpers verkürzt seien.

Man verstehe mich nicht falsch. Ich behaupte nicht, dass Thomas Mann absichtsvoll die Brutalität des Kolonialismus in Christians Psyche eingeschrieben hat. Doch solche Dinge, ohne die die Geschichte der Buddenbrooks ja nicht komplett wäre, finden ihren Weg. Christian ist Kraft seines Lebensweges mehr als nur ein individueller Stachel im Fleisch der bürgerlichen Fortschrittserzählung. Mann wird in der Zukunft jenen Stachel zuspitzen, die Krankheit, in der das Verdrängte der Gesellschaft wiederkehrt in der Form des Barbarischen wie des Genialen, im Zauberberg und im Faustus deutlicher als offen kritisches Moment entwickeln. Doch diese Entwicklung – sie ist in Christian bereits angelegt und in durchaus effektiver, gerade weil sehr subtiler, wahrscheinlich unbewusster, Weise.

Addendum:

Die drei Unwuchten.

Hanno: Die ganze Hanno-Geschichte als tragisches Ende dieses großen Familienromans funktioniert nicht wirklich. Alles wirkt, als sei diese Figur nur ins Leben gerufen worden, damit der Autor sie möglichst schrecklich dahinmartern kann. Fast schon ein bisschen komisch. Während alle anderen Figuren organisch eingeführt werden, wird um Hanno großes Tamtam gemacht. Der Roman setzt praktisch neu an. Wird im Ton plötzlich ein auf eine einzelne Figur zentrierter Entwicklungsroman wie etwa Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Und das alles nur um aus dem Leser ein paar Tränen herauszuprügeln? Es spricht für den Rest des Romans, dass diese wirklich dilettantisch entwickelte Handlung, die eher zu General Hospital oder ähnlichen Soaps passen würde, das Ganze nicht total desavouiert. Trotzdem: Wenn es schon sein muss hätte ein Drittel der Hanno-Handlung gereicht. Eine Geburt, ein paar Schlaglichter auf die Jugend, ein schneller schmerzloser Tod. Goodbye Hanno.

– Tonys Grünlich-Ehe. Die ist essentiell, hätte aber glaubhafter aufgebaut werden können: Es kommt mir unplausibel vor, dass die so auf „comme il faut“ bedachten Buddenbrooks für ihre wohl ziemlich attraktive Tochter, die sich selbst anfangs dagegen verwährt, sich so auf diesen halbseidenen Typen kaprizieren, der bei Verschmähung mit Selbstmord droht. Grünlich scheint ein recht erfolgreicher, aber nicht bemerkenswerter Kaufmann. Es ist einfach von Anfang an klar, dass dieser Jammerlappen kein Buddenbrooks-Format hat. Und spätestens der Zusammenbruch sollte ihn beim Konsul eigentlich unmöglich machen.

Erika. Selbst die kleineren Nebenfiguren, männlich und weiblich, gestaltet Mann sehr detailverliebt. Erika, immerhin Tonys Tochter (und wenn Buddenbrooks eine „Hauptfigur“ hat, s.o., ist das eben Tony, hat gar kein Profil. Weder als Kind (wie Hanno), noch als Erwachsene, bekommt sie Träume, Ziele, oder gar eigene Entwicklung. Selbst der Prozess ihres Mannes wird nur durch Tony erlebbar gemacht.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

2 Gedanken zu “„Die Struktur und das finstere Zentrum der Buddenbrooks“. Von Tony, Wahnsinn und Kolonialverbrechen.

  1. Wolfgang Brosche sagt:

    Das hast Du selten schön geschrieben mit einer Übersicht über Manns Gesamtwerk, die stupend ist. Danke – und die Verderbnis, die erzwungene Schullektüre für die Literatur bringt, hast Du präzise benannt. – Ich hab´den „Tod“ in der Mittelstufe gelesen „and was hooked!“ Es geht also auch anders – ich kam in die Welt des Zauberers, deren Zauber sich bis zu dreimaligen Lektüre des „Zauberbergs“ erweiterte.

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