„Movie“, nicht „Twirlie“. Was moderne Blugbuster so „meh“ macht, am Bsp. einer Szene aus Planet der Affen. Filmfreitag IX.

Eine Szene in den Neu-Verfilmungen von Planet der Affen zeigt perfekt, was Im modernen Blockbuster-Kino falsch läuft bzw., was diese Filme so un-erinnerlich, so austauschbar macht.

Es ist die einzige Szene, an die man sich ein paar Jahre nach dem Anschauen vielleicht überhaupt noch erinnern wird. Aber eben: Weil sie in der Ausführung so viel falsch macht, dass man vielleicht sogar unwillkürlich lacht.

Der König ist tot… mal wieder

Natürlich spreche ich von der Sterbeszene Koba. Die Figur ist eigentlich ziemlich interessant: Kein typischer Bösewicht, sondern einer, dessen Weg zum unerbittlichen Kriegsführer sehr nachvollziehbar ist. So nachvollziehbar, dass man angesichts des Zustandes der Menschheit sich durchaus auf die Seite Kobas schlagen könnte, der überzeugt ist, es könne keinen Frieden geben zwischen Menschen und Affen.

Die Inszenierung von Kobas Tod ist nichts Neues: Er ist gestürzt, hat sich aber retten können. Sein Widersacher Caesar tritt an den Abgrund, reicht Koba die Hand. Ringt eine Moment mit sich und lässt ihn dann doch abstürzen. Ich habe mich sofort an Mufasas Tod in König der Löwen erinnert gefühlt, auch wenn hier natürlich die Rollen vertauscht sind. Auch Luke Skywalkers freiwilliger Sprung in Das Imperium schlägt zurück verläuft relativ ähnlich. Aber sicher gibt es noch zahlreiche Varianten.

Auch wenn das Ganze nicht neu ist, es besteht hier die Chance für eine erinnerungswürdige Einstellung. Die zwei Hauptfiguren. Der Abgrund. Der Sturz ins Nichts. In Der König der Löwen ist das perfekt ausgeführt. Es ist eine bedeutungschwangere und zugleich einfache Szene. Und sie funktioniert, weil sie einfach ist. Was aber macht Der Planet der Affen daraus? Koba stürzt. Aber nicht weit. Da schlägt er mit dem Rücken auf ein gespanntes Seil, dotzt wie ein Flummy und setzt dabei einen schweren Kranhaken in Bewegung. Nun kracht er auf eine Brücke. Dann der Kranhaken ebenso. Die Brücke wird erst durch Kobas Sturz erschüttert, dann durch den Kranhaken. Erst dadurch, durch den zweiten Schlag, stürzt die Brücke. Und nicht in gerader Linie. Sondern sie schlägt noch einmal an der Wand an. Endlich, endlich erlösen uns Brücke, Kranhaken und Koba. Ganz ehrlich: An dieser Stelle habe ich schon fast vergessen, wer unser Antagonist ist. Der Affe? Dieses Stück Kran? Oder doch die Brücke? Egal, Hauptsache weg! Doch leider ist das Ganze noch immer nicht vorbei. Es braucht ein weiteres nachschwingendes Seil, um uns zu erklären, dass hier tatsächlich etwas hochbedeutendes passiert ist. Den Zuschauer mit dem Abgrund allein lassen? Das geht nicht. Stille ist zu vermeiden. Noch der nachdenklichste Moment muss mit Action gefüllt werden.

Das alles ist so unglaublich… Mir fällt kein besseres Wort ein … Kindisch. Es gibt diese klare Raumaufteilung unten/oben – Antagonist/Protagonist. Wir wissen alle, was passieren wird, schwanken höchstens noch ein wenig: Er wird seinen Feind doch nicht tatsächlich verschonen? Dann folgt der Sturz. Und statt nun der Einfachheit großer Vorbilder zu folgen und den Antagonisten mit einer gewissen Grazie ins Nichts stürzen zu lassen, Schreit die Szene innerhalb der wenigen Sekunden, in denen das oben Berichtete geschieht, wieder und wieder: Seht her, ist das nicht großartig, sieht das nicht wichtig aus? Und wirkt dadurch eher wie aus einem schlechten Zeichentrick.

Links oben unten rundherum…

Wenn ich auf den Punkt bringen möchte, was viele moderne Blockbuster so unerträglich austauschbar macht, ist es dies: Zu viel Bewegung. Das mag kontraintuitiv wirken, nennt man diese Dinger auf Englisch doch movies, Da steckt die Bewegung bereits im Begriff. Andererseits: Man nennt sie eben nicht Shakies oder Twirlies.

Bei neueren Filme muss alles ständig in Bewegung sein. Das gilt etwa für die ganze Planet der Affen Reihe. Bis auf wenige stille Momente zwischen Mensch und Affe bewegt bereits der ziemlich gute erste Teil meist alles und gleichzeitig. Der Affe springt, Menschen rennen, die Kamera fährt rundherum, aufwärts, abwärts. In Kampfszenen moderner Superhelden-Filme oder anderer Actionfilme kreisen die Kontrahenten umeinander, während die Kamera in die Gegenrichtung kreist. Finden die Kämpfe in der Luft statt, wird es noch unübersichtlicher. Die Protagonisten Kreisen rechts/links, aufwärts/abwärts, sausen durch die Szenerie und die Kamera kennt überhaupt kein Halten mehr. Das hat übrigens noch den problematischen Nebeneffekt, dass man nicht mehr das Gefühl hat, dass den Figuren Gewicht innewohnt, im ganz physischen Sinne. Das, nicht das CGI an sich lässt zeitgenössische Kampfszenen so komisch entkoppelt vom Rest der Handlung wirken.

Ich behaupte: Sehr wenig von diesen hyperbewegten neueren Filmen wird tatsächlich optisch in Erinnerung bleiben. Denn um Bewegung Bedeutung zu verleihen, braucht es Ruhe. Ein herausragendes Beispiel dafür, mit wie wenig Bewegung ein Film auskommen kann, habe ich hier in der Besprechung von Belladonna of Sadness beschrieben. Natürlich zugleich ein Extremfall. Aber das Gespräch der Journalisten in Citizen Kane mit seinem gemächlichen Licht- und Schattenspiel, die berühmte Balkonszene in Blade Runner sowie noch einige andere Einstellung aus dem gleichen Film oder auch die balancierten beinahe Standbilder von Affen und Menschen in der Wüste im Film von 1968 (warum nenne ich nicht die Schlussszene? Dazu mehr in einem kommenden Artikel): Diese und die Masse weiterer klassische Szenen, die sich zu Recht tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben, kommen gerade mit relativ wenig Bewegung aus. Und klassische Meisterwerke sind voll von solchen stillen Momenten.Sie gewinnen dabei so viele Möglichkeiten, Bedeutung zu schaffen. Die Stille selbst kann bedeutend sein, oder sie kann die Ruhe vor dem Sturm markieren und damit Folgendes mit Bedeutung aufladen.Wenn es dann aber wirklich wild zugeht und alles in Bewegung ist, wissen Zuschauer: Das ist jetzt ein außergewöhnlicher Moment. Aufpassen. Heute dagegen kann es passieren, dass sogar das morgendliches Zähneputzen als actionreiche Kamerafahrt inszeniert ist, ohne dass das satirisch gemeint ist (ich übertreibe nur ein wenig).

Zurück zur Planet der Affen Reihe. Diese Reihe wartet tatsächlich mit vielen beeindruckenden Bildern auf. Aber ich fürchte, außer Kobas Tod wird mir tatsächlich nichts davon wirklich in Erinnerung bleiben. Es fehlt der Regie einfach der Mut, sich auf die Kraft der Bilder auch einzulassen. Dialektik des Popcorn-Kinos: Zu viele Wows sind keine Wows.

Bild: Pixabay

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