Nein, Stephen King ist kein großer Literat. Wie viele Fans jemand hat sagt nichts über Qualität aus.

Es passiert einem mit schöner Regelmäßigkeit, dass einem Stephen King als das Paradebeispiel eines großartigen und dabei zugänglichen und spannenden Schriftstellers vorgesetzt wird. Von ihm selbst, der Typ schreibt immerhin Ratgeber, wie man richtig schreibe. Von Fans, ganz besonders, wenn man mal wieder etwas Anspruchsvollere es besprochen hat und einem nahegelegt wird, doch lieber mal King zu lesen. Aber auch von der Literaturwelt, die den omnipräsenten Multimillionär (oder Milliardär?) irgendwann zumindest teilweise umarmt hat, nachdem der oft genug darauf hinwies, sich einfach nicht ernst genug genommen zu fühlen.

Nein, ich werde da nicht mitmachen. Stephen King ist kein guter Schriftsteller. Und zwar weder mit Bezug auf das, was man manchmal etwas zu Unrecht „hohe Literatur“ oder „Ernste Literatur“ nennt, noch mit Bezug auf Genre-oder Spannungsliteratur. Stephen King ist ein erfolgreicher Schriftsteller. So wie Dieter Bohlen ein erfolgreicher Musiker ist. Erfolgreich und gut sind keine sich ausschließenden Kriterien. Joni Mitchell ist erfolgreich und gut. Aber aus Erfolg folgt nicht per se Qualität.

Nochmal, weil auch viele Kunstfreunde den falschen Umkehrschluss ziehen: Wie viele Fans jemand hat ist weder ein Merkmal hoher, noch geringer Qualität. Auch dass jemand von der Masse ignoriert wird, weist ein Werk nicht als große Kunst aus.

Es gibt leider nicht viele Auseinandersetzungen mit der Qualität von Kings Literatur. Eng am Text ist das auch kaum zu leisten, da die Fans einem bei jeder Einzelkritik einen neuen „Leseauftrag“ geben. King hat einfach zu viele Bücher geschrieben. Seine Freunde versuchen schon gar nicht wirklich zu begründen, wo Kings literarische Meriten liegen. Da wird dann ganz allgemein darauf hingewiesen, dass er über einfache Menschen schreibe, wie viel Gefühl darin liege, oder dass es spannend sei und zugänglich. Ich kenne genau einen guten kritischen King-Essay. Der hat allerdings die Schwäche, dass er, obwohl Autor Dwight Allen mehrfach versucht zu erklären, dass er mal ein literarischer Snob gewesen sei und das nicht mehr sein wolle, sehr snobbistisch daherkommt. Ja, die Selbstkritik und die Versuche von Nettigkeiten gegenüber King lesen sich vielleicht sogar am herablassensten. Dennoch werde ich mich bei meiner kursorischen King-Kritik daran orientieren. Denn meine Lese-Erfahrungen decken sich mit denen von Autor Allen, obschon man sie mit anderen Büchern gemacht habe. Ich werde allerdings gar nicht erst versuchen, Freundlichkeit zu simulieren. King ist auf beiden Feldern, auf denen er glänzen möchte, kein guter Autor. Er ist mit seinen Romanen stinkreich geworden, es gibt wirklich keinen Grund, auch noch sein Ego pampern zu wollen.

TLDR: Stephen King ist zu langatmig und redundant, um als Spannungsautor zu glänzen. Seine Figuren sind zu sehr auf die Bedürfnisse des Spannungs-Plots hin ausgerichtet, als dass sie als runde literarische Figuren überzeugen könnten.
Außerdem ist King eine larmoyante Heulsuse. Immer wieder treten in seinen Büchern brilliante Alter Egos auf, die gleichzeitig großartige Horrorliteratur und Pulitzer-Preis verdächtige Romane schreiben, aber einfach nicht ausreichend anerkannt werden.

Einschub: Für alle, die dennoch meinen, hier hacke ein „Bildungsbürger“ auf der Literatur der „normalen Menschen“ herum, darf sich u.a. hier, hier und hier überzeugen, dass ich sogenannter E-Literatur ihre Schwächen ebenso vorrechne.

Die vielen Schwächen des Stephen King

1: Stephen King ist nicht „spannend“. Im Gegenteil: Er ist lang-weilig im wahrsten Sinne des Wortes. Mag sein, er ist dann und wann brutal oder Furcht erregend. Doch niemals spannend. konträr zu dem, was ihm zugeschrieben wird und was man von einem Autor erwartet, der als einer der spannendsten Romanschriftsteller gilt, dauert es stets eine lange lange Weile, bis die Handlung überhaupt einmal vom Fleck kommt. Bei einigen kürzeren Werke hält sich das Problem in Grenzen.

Aber selbst Friedhof der Kuscheltiere, der gemeinhin als eines der großen Meisterwerke Kings gilt, braucht gut 200 Seiten, bis überhaupt einmal etwas passiert. Und das ist dann nur die Wiedererweckung der Katze. Bis zur großen „Transgression“, der Wiedererweckung des Sohnes, dauert es gut 500 von knapp 700 Seiten. Und dabei sprechen wir von einem Ereignis, das durch Klappentext und das Lazarus-Zitat vom Anfang vollkommen voraus gedeutet ist. Es gibt also auch keinen Moment der Überraschung in dem Roman. Nichts, worauf man hinfiebern müsste. Wir wissen von Anfang an genau, was passieren wird. Wir können voraussehen, wie es passieren wird. Wir haben z.b. überhaupt keinen Grund, die Rückkehr der Frau des Protagonisten, die aufgrund einer diffusen Warnung Angst um ihn hat, gespannt zu erleben. Wir wissen was passiert. Es ist bereits passiert. Auf der Ebene des Plots enthält der Friedhof Material für vielleicht 100, im besten Fall 200 Seiten. Die siebenhundert Seiten sind einfach unerträglich ausgewalzt. Und die Figuren (s.u.) tragen das Werk nicht abseits des Spannungs-Plots.

Nebenbei: Die meisten King-Leser, die ich kenne, die den Friedhof schon lange nicht mehr gelesen haben, erinnern sich an ihn als ein kurzes Buch. Er wurde mir mehrfach als kurzer Einstieg empfohlen, um zu beweisen, dass King auch knackig und spannend kann. Anscheinend haben diese Leser das ganze Geschwätz verdrängt.

Als kurzer Einstieg, weil ich gern das ebenfalls sehr hoch gehandelte, 1200 Seiten lange, Das letzte Gefecht in den Mittelpunkt meiner Langatmigkeits-Kritik stelle. Da dauert es fast 20 Kapitel, bis wir überhaupt zu dem Event kommen, das die Handlung in Gang setzen soll. Davor ohne Ende quälend lange Charakter-Kapitel, durch die sich zu wühlen hat, wer auf die Pandemie/Apokalypse- Handlung wartet. Allen berichtet ganz ähnliche Probleme von seiner Lang-Lektüre 11/22/63. Aber gut, das wäre an sich ja gar kein Einwand gegen King, gelte nicht

2 King ist kein Charakter-Schriftsteller. Seine Figuren sind nicht nur „einfach“ in dem Sinne, als dass sie manchmal aus unteren Gesellschaftsschichten kommen (was sowieso selbst ein Stereotyp ist. Es gibt überall komplexe Menschen). Sie sind vor allem auch sehr einfach gestrickt. Abziehbilder der immer gleichen Situationen, mehr Klischees als Figuren. Ja, ein Roman von Dostojewski braucht keinen Plot, der von der ersten Seite an Tempo aufnimmt, weil die Charaktere, die Spannungsverhältnisse der Figuren untereinander, das reichhaltige Ensemble dieser Figuren in einer sehr detailliert gezeichneten Welt, das eigentlich Spannende ist. Die wird transportiert durch Sprechhabitus, Einrichtungsgegenstände, Gesten, und was man sich sonst nicht noch alles vorstellen könnte. Und sorry, auf dieses Repertoire kann King einfach nicht zurückgreifen. Wenn bei ihm gerade keine Bedrohungslage existiert, hat man alle Gründe als Leser, abzuschalten.

Die auffälligsten Schwächen von Kings Figurengestaltung sind diese:

– Es tritt immer wieder die gleiche Hand voll Stereotype auf. Das mag in einem einzelnen Werk noch nicht allzu sehr stören. Über mehrere Bücher verteilt ist es einfach nur noch zum Gähnen.

– Die Figuren stehen in Beziehung nur zueinander. Große literarische Charaktere werden in sehr vielschichtiger Weise gezeichnet. Wir bekommen ihre Gefühle durch die stilistische Gestaltung ihrer Gedankenströme zu spüren. Wir erleben Sie, und sei es auch nur andeutungsweise, immer wieder mannigfaltig im Verhältnis zur Welt. Das heißt vor allem auch zu Figuren, die nicht selbst zum Haupt-Ensemble des Romans gehören. Kings Figuren (und Schauplätze) wirken dagegen regelmäßig wie aus einem alten Point-and-Click-Adventure, in dem wirklich nur das modelliert wird, was es braucht, um das Spiel durchzuspielen. New York besteht dann vielleicht aus 20 Screens, einigen Haupt und 20 Nebenfiguren. Was für einem King Roman schon viel ist. Und auch das wiederum könnte natürlich für einen reinen Spannungstext ganz gut funktionieren. Aber es funktioniert eben nicht, denn (gehe zurück zu 1)

– Die Figuren sagen immer das, was der Schriftsteller uns mitteilen möchte. Ich habe bei King wirklich wenige „natürlich“ wirkende Aussagen gelesen. Wenn der Autor über den Tod dozieren möchte, wie zB sehr ausgiebig im Friedhof der Kuscheltiere, dann machen die Personen das. Sie sprechen kleine stereotype Essays vor sich hin, darüber wie schade es sei, dass jeder sterben müsse, aber dass eben jeder sterben müsse und deshalb sei es gar nicht so schlimm und so weiter und so fort. Aus den Figuren spricht aber immer, wie ein Lehrer, King. Essays übrigens, die man sich schon in der Mittelstufe nicht mehr trauen würde, so abzugeben. Schrecklich. Was das betrifft ist Kings Literatur tatsächlich Horror.

– Alle Figuren klingen gleich. Die einzige sprachliche Variation, die King seinen Texten erlaubt, sind kindische Falschaussprachen, die dann vehement wiederholt werden oder einzelne Sätze in dialektaler Schreibweise, die dann ebenfalls als schlechtes Leitmotiv immer wieder wiederholt werden.

3 King ist strukturlos. Es gibt viele Wege ein literarisches Werk zu strukturieren. Große Literatur wurde in ineinandergreifenden Zirkeln verfasst, rein über die Sprechmelodie strukturiert, eine große Meisterin springt von Kopf zu Kopf ihrer Figuren und lässt so am Ende das Bild einer ganzen Stadt entstehen. Wer das nicht kann bzw. nicht will, weil das Material es nicht verlangt, hat ein einfaches Schema, auf das er zurückgreifen kann: Das aller Hollywood Drehbücher. Das stellt sicher, dass ein Hook sehr früh platziert wird, ein Inciting Incident die Handlung in Bewegung setzt, der Plot Point 1 den Konflikt definiert und uns in den zweiten Akt entlässt, wo mehrere Widerstände überwunden werden müssen, ehe (fakultativ) eine Mittel Klimax den Konflikt möglicherweise noch einmal radikal wendet. Dann treibt alles auf die Auflösung zu, der ein offenes oder geschlossenes Ende folgt.

Ich denke, die meisten Leser werden mir zustimmen, dass King nicht gerade ein Auto ist, der über Sprachmelodie, Leitmotive usw. einen vielschichtigen poetischen Text so zu strukturieren vermag, dass er tatsächlich durch hunderte Seiten trägt. Aber das muss kein Problem sein. Ich sage es immer wieder: Viele Autoren, die glauben, sie könnten so etwas, können es nicht. Deshalb ist der Großteil der modernen „ernsthaften“ Literatur so absolut unlesbar. Und gegen einen guten Spannungstext nach Schema H(ollywood) ist nichts einzuwenden. Manche Meister ihres Fachs, Chandler etwa, Gibson, Le Guin, Morrison, waren dann und wann fähig, beides zu verbinden.

King dagegen hält sich mit schöner Konsistenz immer wieder von beidem fern. Seine Stories kommen nicht in Bewegung. Wenn wir dann endlich doch beim Hauptkonflikt angekommen sind, wird der ohne Variationen ewig und ewig weitergeführt. Und Deus Ex Machina aufgelöst. Mag sein, dass man King-Romane findet, bei denen das nicht so ist, immerhin hat dieser Autor mittlerweile so viel produziert wie die sprichwörtlichen Affen mit der Schreibmaschine, aber prinzipiell kann man sagen: Gerade in den sogenannten Meisterwerken, den großen fetten Schinken, die so offenkundig mehr sein wollen als reine Spannungsliteratur, setzt der Autor sich in negativer Weise zwischen alle Stühle. Ihm fehlen der Sinn fürs Detail und die geschliffene Sprache, um pointiert gesellschaftliche Situationen zu schildern, gleichzeitig steht der Wille, auch eine Art Social Novel zu schreiben, der Spannung heftig im Wege. Denn King ist eben kein Social-Novelist. King verarbeitet immer wieder Klischee-Situationen: Klein gegen Groß, Unten gegen Oben, Gut gegen Böse. Er ist kaum ein Freund von Zwischentönen.

Exkurs zu Love/Lisey’s Story

Ich erlaube mir hier noch einen Exkurs zu dem Buch, das King selbst als sein bestes bezeichnet. Lisey’s Story oder auf deutsch Love. Ich habe mich bei der Lektüre dieses Romans, der von einer Frau handelt, die um den Tod ihres erfolgreichen Schriftsteller-Ehemanns trauert, tatsächlich regelmäßig gefragt ob der Autor mich oder seine Fans verarschen möchte. Das Ganze liest sich geradezu wie Selbstparodie.

Natürlich gibt es wieder lange Passagen darüber, wie dumm die Literaturkritik doch sei und wie viel wichtiger, dass man von den Massen der einfachen Leser geliebt werde (paradox: Denn dieser Autor, der im Roman, ist eben auch bei der Literaturkritik sehr erfolgreich, dabei schreibt er genau die Romane, von denen King glaubt, er schreibe sie. Hochkomplex, geschliffen, spannend. Eher ausversehen als Horror kategorisiert).

Es ist schlimm genug, wenn Autoren in Interviews mit Fan-Quantität ihre Qualität zu begründen suchen. Als seien Masse und Geschmack Synonyme. Als sei die Hälfte der Vereinigten Staaten nicht bis Anfang dieses Jahres einem verrückten orangenen Mann hinterher gerannt, der dann auch immer wieder genau dieses Massen-Argument genutzt hat, um seine Politik zu verteidigen. Aber lasst den Scheiß doch wenigstens in euren Interviews stehen, und tragt ihn nicht in eurer Romane! Gott, wir hätten uns dann wenigstens 50 Seiten eines unerträglichen Buches gespart.

Der Text ist voll von Versatzstücken einer irgendwie süß klingen sollenden Sprache. Die Familie des Schriftstellers ist auf diffuse Weise mit einer bösen Macht verbunden. Wenn diese Macht von einer Figur Besitz ergreift, dann wird diese Figur ernsthaft, Achtung: “Bösmüllig” („bad-gunky“). „Bool“ nennt die Familie eine Art Schnitzeljagd, aber auch, wenn man sich blutig schneidet, um die Bösmülligkeit zu vertreiben. Der tote Schriftsteller schickt seine Frau auf eine solche Schnitzeljagd und relativ früh erinnert die sich an den Satz “Dir steht ein Blutbool bevor. Als Belohnung wirst du ein Getränkt erhalten” (Ich zitiere aus dem Gedächtnis, da ich das Hörbuch angehört habe).

Ich habe nicht mitgezählt, wie oft im Verlauf des Romans man diesen Satz zu lesen bekommt. Stephen King mag das für den geschickten Einsatz eines Leitmotivs halten. Reality Check: Das ist es nicht. Es ist eine unerträgliche Wiederholung. King ist an keiner Stelle fähig, es mal bei einer Anspielung zu belassen. Den Leser eine Verbindung selbst herstellen zu lassen. Wenn die Protagonistin zB vor einem Brunnen steht, wiederholt sie: ““Dir steht ein Blutbool bevor. Als belohnung wirst du ein Getränkt erhalten”, hatte Scott (ihr Mann) gesagt.“ Und bis dahin hat man den Satz schon mindestens 20 mal gelesen. Wörtlich. Es gibt noch mehrere solche Sätze im Roman, die immer wieder wiederholt werden. Und nicht nur Sätze. Ganze Passagen. Manchmal dachte ich, das Hörbuch hätte einen Fehler. Und insgesamt scheint King zu glauben, das seieine tolle literarische Technik. Selbst beim Friedhof der Kuscheltiere dreht man doch irgendwann einfach nur noch durch, wenn man zum X-ten Mal hört, wie sich ein Protagonist erinnert “Smucky: Er war gehoasam”. Und das ist wirklich alles, was King an sprachlicher Gestaltung bringt. Wenn am Anfang des Romans ein Satz fällt wie “Ich bin Toney, Ich werd über Sie schreim” (wieder: Aus der Erinnerung zitiert), kann man sicher sein, dass man ihn noch wird unzählige Male lesen müssen. Ja, das scheint eine King-Regel zu sein: Wenn irgendwo der Versuch gemacht wird, Umgangssprache, besonders fehlerhafte Umgangssprache, nachzuahmen, muss man sich auf eine vielfache Wiederholung des umgangssprachlichen Satzes einstellen.

Und natürlich kommt auch die Handlung wieder ewig nicht von der Stelle, die Entwicklungsfortschritte sind komplett willkürlich und es gibt niemals irgendeinen Moment der Spannung. Tatsächlich bringt King gegen Ende noch eine lange Rückblende in die Kindheit des Autors, in der Ereignisse ausgewalzt werden, die wir schon kennen, weil bereits unzählige Male im Text davon gesprochen wurde, aber da die Klimax da schon längst durch ist (die kommt nämlich verdammt früh), soll das wohl so eine Art Enthüllung sein.

Klassische Techniken des Horrors, etwa das in die Irre führen der Leser, die Verknüpfung von Horror-Elementen mit Figurenpsychologie oder auch einfach nur das schrittweise Steigern der Bedrohlichkeit der Situation: Sie kommen bei King nicht vor. Für King ist Horror das Schreiben einer oberflächlichen Familiengeschichte, in der die Protagonisten irgendwann irgendetwas Bösem bedroht werden, das stärker wird. Das in einer Weise zu gestalten, dass man sich auch als erwachsener Mensch noch gruseln kann, scheint King irrelevant. Liebes Böses, das hier ist Herr King. Er werd über Sie schreim.

Aber wieso verkauft der sich?

Wahrscheinlich kommt jetzt unweigerlich der Aufschrei: Wie kann das sein? Wie kannst du das sagen? King hat so viele Fans, die können doch nicht alle Idioten sein.

Ich habe auch nicht gesagt, dass das alles Idioten sind. Ich z.b. höre manchmal gerne die französische Discomusik, zu der ich als Teen die Sommer durchtanzt habe. Musikalisch gibt es definitiv besseres, aber es weckt schöne Erinnerungen und berührt mich. Das macht mich nicht zum Idioten. Ein Idiot wäre ich, würde ich in die internationale Presse drängen und behaupten, „Alexandrie, Alexandra“ bekomme viel zu wenig Aufmerksamkeit in den Zirkel der neuen klassischen Musik und unter Lyrikfreunden. Und dabei ist der Refrain dieses Songs noch immer literarisch hochwertiger als alles, was ich King bisher gelesen habe:

Les sirènes du port d’Alexandrie

Chantent encore la même mélodie

La lumière du phare d’Alexandrie

Fait naufrager les papillons de ma jeunesse”

King ist aus den gleichen Gründen beliebt wie manche populistische Politiker (weltanschaulich neutral gemeint, egal ob links, mittig oder rechts). Oder die BILD. Weil er einem breiten Publikum das gibt, was es will. Das ist: einfache Figuren, mit denen die Leser sich identifizieren können. Oft mit einem Touch von Außenseitertum, egal ob das jetzt abgehalfterte mittelalte Männer sind, Jugendliche mit Affinitäten zur Nerdkultur oder Farmer im Mittleren Westen. Einfache Konflikte, bei denen klar ist, wer die Guten sind und dass die einfachen Figuren mit ihrem sympathischen Außenseitertum fest auf der Seite dieser Guten stehen. Und am Allerwichtigsten: Horror, der auf diese Weise leicht verdaulich wird. Der eben nicht wirklich unheimlich ist, weil man sich immer heimisch fühlen kann auf der Seite des Guten. Furchterregend aufgrund von graphischen Passagen? Vielleicht. Aber niemals ernsthaft Gewissheiten erschütternd. Wenn King einmal versucht, seinen Horror psychologisch stärker rückzukoppeln, wie in 1913 oder Raum 1408, geht es grandios schief. Entweder ist von Anfang an klar, was für den Horror verantwortlich ist (1913) oder es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, dass genau diese Örtlichkeit an die Psyche der Hauptfigur gekoppelt ist. so gesehen schreibt Stephen King Kinderbücher für Erwachsene und Bücher für all die, die ihn der Pubertät entdeckt haben und dann nie losgelassen. Das ist auch das Niveau der redundanten Diskurse über Gott und den Tod, die überlang ausbuchstabiert werden.

Es stimmt: In der Pubertät kann King eine Entdeckung sein. Ich habe auch zu denen gehört, die irgendwann mit 15 oder so Das letzte Gefecht aus dem elterlichen Bücherschrank gefischt hatten, und dann ihren Freunden, die noch „Jugendbücher“ lassen, damit auf die Nerven gingen: Das sei mal ein echter Roman. Mit Erwachsenenthemen, mit einer so unglaublich tiefschürfend Symbolik (Die „Guten“ stehen am Ende auf der Seite Gottes und die „Bösen“ auf der Seite des Teufels. Wirklich tief). King dockt da entwicklungspsychologisch geschickt an ein Bedürfnis an: Krasse, erwachsene, tiefe Literatur lesen zu wollen, ohne dass man dabei gezwungen würde in einem alles andere als oberflächlichen Sinne sicheren Grund zu verlassen. Und das gewinnt ihm eine enorme Leserbasis. Mögen auch viele mit der Zeit gehen, viele bleiben. Wahrscheinlich aus den gleichen Gründen, aus denen ich manchmal französische Discomusik höre.

Stephen King ist vielfacher Millionär, wenn nicht noch reicher. Er hat mehr Erfolg, als die meisten Schriftsteller sich überhaupt träumen lassen können. Es gibt keinen Grund, ihn aufgrund irgend eines schlechten Gewissens der „literarischen“ Literaturszene zu einem großen Schriftsteller zu adeln. Wenn man, wie ich, überzeugt ist, das sogenannte „Genreliteratur“ und Literatur-Literatur voneinander einiges lernen können, dann schießt man sich mit King ins Knie. Es gibt einige GenreschriftstellerInnen, die große Kunst schaffen, und viele andere, die gut geplottete, spannende Unterhaltung verfassen. Ein 08/15 Fantasy-Noir Text wie Ork City ist besser gearbeitet und hat plausiblere Figuren, als die vier King-Meisterwerke, durch die ich mich für diesen Text noch einmal gequält habe (ich habe das vierte, The Shining, nicht für Beispiele herangezogen, da es den Rahmen sprengen würde. Auf Kapitel 7 gibt es eine Besprechung, der ich mich anschließen kann. Es ist besser als die hier besprochenen Texte, mehr aber auch nicht). Wenn ihr für unbeachtete AutorInnen kämpfen wollt, kämpft nicht für King. Schaut nach den wirklich wenig bekannten, ob sie Avantgarde-Experimente im Selbstverlag herausbringen oder Fantasy in kleinen Ein-Frau-Verlagshäusern.

Bild: Pixabay

Ein Gedanke zu “Nein, Stephen King ist kein großer Literat. Wie viele Fans jemand hat sagt nichts über Qualität aus.

  1. nettebuecherkiste sagt:

    Ich kann dazu nichts sagen, ich habe als Teenager genau drei Bücher von King gelesen (Es, Brennen muss Salem, Die Augen des Drachen (das zumindest mochte ich sehr)) und seither nichts. Ehrlich gesagt, die Bücher interessieren mich nicht. Aber was ich sagen muss, ist, dass ich ihn auf Twitter abonniert habe und dass das, was er da so sagt, ihn mir recht sympathisch macht.

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