Drei verrückte Filme aus dem Umfeld meiner Bahnhof-Zoo-Recherchen. Movie Monday III.

Zwei Filme, die gar nicht mal so uninteressant sind und die ich aufgrund meiner Recherchen für die beiden Bahnhof-Zoo-Artikel entdeckt habe, weil dort Christiane Felscherinow mitspielt. Und einer, der ähnlich ist, aber deutlich besser:

I

Neoncity ist ein studentischer Episodenfilm. In fünf Kurzfilmen erzählt er größtenteils aus dem Münchner Nachtleben. Dabei fasziniert vor allem das deutliche Kunstwollen und auch -Gelingen in der Kameraführung, beim Licht, also überhaupt auf der visuellen Seite. Das wiederum stößt sich in einer Weise, dass man gar nicht wegschauen kann, mit den Dialogen der absolut talentlosen Laiendarsteller, denen man fast unterstellen möchte, für den Verfremdungseffekte absichtlich schlecht zu spielen.

Der Film, wegen dem das Ganze in Erinnerung bleibt, ist der erste. Rund um eine Kneipe aus der Münchner Punkszene werden mehrere Geschichten von Liebe und Begehren erzählt. Und tatsächlich: Gut erzählt. Überzeugend und einfach verknüpft, nachvollziehbar in wenigen Szenen und auf dem papier glaubhaften Dialogen. Tja, wenn halt die unterirdischen Performances nicht währen.

Der zweite Film ist sicher der Beste. Eine ältere Frau macht sich vor dem Spiegel schick und geht aus. Eine schreckliche Szene der Isolation in einem gehobenen Club/Restaurant: Alle an Einzeltischen, die Frau wie ein bunter Pfau in der Mitte. Dann geht sie in die Nacht hinein und jemand folgt ihr. Die Frau bekommt es mit der Angst zu tun. Es entspinnt sich eine stumme Flucht vor genau dem, was sie wohl auch gesucht hatte: Interesse an ihrer Person. Der Film funktioniert weit besser als die anderen, weil praktisch nicht gesprochen wird. Tatsächlich ein rundum ziemlich starker Kurzfilm.

Der Rest lässt sich wieder eher unter kurios verbuchen. Dass immer wieder die gleichen Schauspieler auftauchen, verleiht dem Ganzen noch einen gewissen Zusammenhalt. Tauchten sie immer wieder in den gleichen Rollen auf, könnte man sogar von einem richtig starken Filmwerk sprechen, dem tatsächlichen nur die Laiendarsteller im Wege stehen. Aber auch nicht ganz. Denn natürlich ist das Groteske zumindest zum Teil wohl auch wirklich gewollt. Davon sprechen schon die überzogenen Überleitungen, in denen wechselte Figuren den Refrain von „Paul ist tot“ (Fehlfarben) singen:

“Was ich haben will, das krieg' ich nicht
Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht
Was ich haben will, das krieg' ich nicht
Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht”

II

Decoder ist ein Spielfilm in voller Länge. Er leidet an oder profitiert von dem gleichen Zusammenstoß von Kunstwollen und faszinierend schlechtem Spiel von Laiendarstellern. Lest die genaue Story auf Wikipedia nach. Im Großen und Ganzen geht es um Musik, die Menschen zu Aggressivität oder Entspannung manipuliert, das Machtstreben einer Burger Kette, geheimnisvolle Kräfte der Nachtclub-Tänzerin Christiana (gespielt von Christiane F.), und das erst berufliche, dann private Interesse eines abgehalfterten Geheimdienstmitarbeiters an dieser Tänzerin. Überraschung: Obwohl der Film in erster Linie darauf aus scheint, Bilder und Avangarde-Musik zu kombinieren, ist die Geschichte so erzählt, dass man ihr folgen kann. Also halbwegs traditionell mit Exposition, Mittelklimax, Schlussklimax und Epilog. Und noch nicht mal schlecht erzählt. Sondern einfach nur: Bekloppt. Und es gibt wirklich Momente in Decoder, in denen man im guten Sinne nicht wegschauen kann. Besonders die Szene, in der Christiana mit dem kopflosen Mann durch ein wüstes Land geht, während das Bild leicht flackert und der Mann eine Gedicht oder zumindest eine Art Gedicht in einem Tonfall vorträgt, der an TS Eliot erinnert. Ich denke so sollte man Decoder aufnehmen: Als ein Avante-Garde-Bild-Musik-Gedicht mit verrückter Filmhandlung. Allerdings: Noch stärker als die Kurzfilme aus Neoncity wird das natürlich von der unterirdischen Performance der Laiendarsteller unterminiert. Trotzdem großes Lob: Die Protagonisten haben sich nicht damit abspeisen lassen, dass Filmemachen schwer sei und man überhaupt zig Regeln befolgen müsse, sondern für die Ewigkeit gebannt, was sie schaffen wollten. Und Decoder wird wohl immer eine kleine Anhängerschaft haben, die das Werk weiter trägt, wenn mancher 08/15 Hollywood-Streifen lang vergessen ist.

III

Liquid Sky zuletzt ist noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Das Konzept erinnert an Decoder, in den YouTube-Kommentaren dort wurde der Film auch empfohlen.

Wieder wird eine total verrückte Geschichte erzählt, die diesmal klassischer im Drogenmilieu spielt. Der Film beginnt hart mit einer Vergewaltigung und driftet dann bald ins Übernatürliche ab, als enthüllt wird, dass winzige Aliens in New York gelandet sind und die Protagonistin entdeckt, dass Geschlechtsverkehr mit ihr tödlich ist. Wer wissen will, warum, und was das mit den Aliens zu tun hat, lese auch das bei Wikipedia nach. Im Großen und Ganzen eine überzogene, aber metaphorisch stimmige Erzählung über sexuelle Ausbeutung und Selbstausbeutung, die Gefahren des Absturzes dort, wo man sich unantastbar fühlt und die hoffnungslose Suche nach einem ewigen Rauschzustand.

Was Liquid Sky von den anderen Filmen abhebt ist einerseits das Schauspiel: Die meisten Haupt- und Nebendarsteller können das tatsächlich ganz gut und haben es wohl auch gelernt. Nur der deutsche Alienforscher wirkt, als habe er sich aus Decoder nach New York verirrt. Und auch die optische Seite ist noch einmal konsequenter gearbeitet. Der Film ist ästhetisch extravagant, doch in seiner Ästhetik aus einem Guss. Dabei verschmelzen auch hier Musik und radikale, oft in bunten Fehlfarben gedrehte Einstellungen zu einem Ganzen, das deutlich über das Bestreben herausragt, einfach eine Geschichte von A nach B zu bringen. Auch Liquid Sky merkt man das geringe Budget an, doch diesen Film werde ich mir mit großer Wahrscheinlichkeit noch mehr als einmal anschauen. Ein nicht perfektes, doch ambitioniertes Werk, das daran erinnert, dass Film viel mehr kann als nur Geschichten erzählen.

Bild: Pixabay

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