Zu hastig durch den Dracula-Park. „Die nicht sterben“ flickt zahlreiche Ideen hastig aneinander.

Die nicht sterben von Dana Grigorcea wurde bereits bei Letteratura besprochen, und ohne diese Besprechung wäre der Roman wahrscheinlich an mir vorbei gegangen.

Die Protagonistin kehrt darin als studierte und relativ erfolgreiche Künstlerin in ihr kleines Dorf B. in der Wallachei zurück. Das erste Drittel dominieren dabei Erinnerungen an Sommer in der dortigen Villa unter der Regierung Ceaușescus. Dann halten wir uns vor allem im Jetzt auf. Ein Toter wird gefunden, auf ähnliche Weise hingerichtet wie die Opfer des berühmt-berüchtigten Vlad Dracul, der den Dracula-Mythos inspirierte. Die angebliche Gruft des spätmittelalterlichen Herrschers wird nahe der Villa der Familie entdeckt und das Dorf beginnt sich, als Dracula-Touristendorf herzumachen. Nebenbei soll auch noch der Mörder gesucht werden und ein zweiter Mord geschieht.

Die Story klingt vielversprechend, die Ausführung ist eher mittelmäßig. Die nicht sterben ist ein Roman, der vieles anreißt und in hohem Tempo hintereinander stellt. Ihr wisst, ich kämpfe immer dafür, dass Verlage kurzen Texten eine Chance geben, da lange Texte ihren Autoren oft zehn Mal so viele Möglichkeiten geben ihre Stärken zu vergessen und ihre Schwächen auszuspielen. Aber hier…? Dem Roman fehlt einfach eine stringente Entwicklung. Figuren werden genannt, doch nur die wenigsten bekommen tatsächlich einen runden Charakter verpasst. Die ausführlichste Hintergrundgeschichte von allen noch erhält Yunus, der in Irak gekämpft hat. Allerdings würde ich nicht behaupten, dass Yunus als Figur wichtiger wäre als beispielsweise Ata. Der Roman springt von Moment zu Moment, und vergisst dabei zusehends, dass er eigentlich anfangs um die Frage Aufgebaut war, wer Trajan, eine Jugend- – Liebe ist vll zu viel gesagt – der Protagonistin, ermordet hat. Stattdessen spielen dann übernatürliche Ereignisse eine immer größere Rolle und die Protagonistin scheint sich in einer Weise zu verwandeln, die an Margarita in Bulgakows Meister und Margarita erinnert. Sie kann Menschen manipulieren, scheint eine Liebesnacht mit Dracula zu haben, endlich lernt sie sogar fliegen. In Meister und Margarita war das eine überzeugend in eine zwar verrückte, aber immer nachvollziehbare Entwicklung eingebettete Emanzipations-Geschichte im Stil des magischen Realismus. Hier dagegen wird das alles eher im Sinne eines „ach, übrigens: Magie!“ präsentiert und scheint mir eher ein Weg, die angerissenen Entwicklungen und Konflikte nicht wirklich ausführen zu müssen.

Zwei Dinge verwundern mich besonders. Erstens entschuldigt sich die Protagonisten im Verlauf des Romans, dass sie ihren Text in einer besonderen nicht-chronologischen Weise erzähle. Ist das ein Insiderwitz? Denn der Roman wird ja nun wirklich nicht in einer Weise unchronologisch erzählt, wie es im modernen Roman schon fast Usus geworden ist. Ja, es wird mal im Sinne einer Erinnerung zurückgeblendet und zwischendurch wird die Geschichte von Vlad Dracul rekapituliert. Aber das ist nun wirklich nichts, was sich nicht selbst Goethe bereits erlaubt hätte. Formal ist Die nicht sterben relativ traditionell.

Zweitens: Die Krimihandlung: Ich bin kein guter Krimi-Mitrater und halte es auch für absolut vernachlässigungswürdig, wenn ein Krimi ansonsten gut gearbeitet ist, ob man von selbst frühzeitig auf den Schuldigen kommen kann. Das Verrückte hier: Die nicht sterben ist als Krimi sicherlich nicht gut gearbeitet, auch mit Absicht überhaupt nicht als Krimi gearbeitet. Der Roman gibt keine Hinweise und will denke ich auch keine geben. Hier soll es um etwas anderes gehen, soll die Geschichte Rumäniens symbolisch im dörflichen Kontext behandelt werden. Und trotzdem war mir von Anfang an klar, wer es war.

Nun gut, wer eine wilde Geschichte rund um Dracula mit Krimielementen und Momenten des Magischen Realismus lesen möchte, könnte hier einmal reinschauen. Für meinen Eindruck leidet der Text ein bisschen zu sehr unter dem Versuch, so viel wie möglich unterzubringen. Das Gefühl beim Lesen erinnert an dem Besuch in einem Freizeitpark, in diesem Fall einem düsteren Freizeitpark. Von mir ein Dracula-Park. Aber man hat diese anstrengende Begleitung, die einen jedesmal, wenn man sich auf eine Szene einlassen möcht,e weiterzieht und dabei schwärmt: „komm, da vorne gibt es noch das tolle Spukhaus“. Und kaum steht man vor dem Spukhaus: „Wir müssen unbedingt noch mit dieser Achterbahn fahren!“ Aber: „Nein warte, keine Zeit. Es gibt ja gleich diesen Film im IMAX Kino…“ Am Ende hat man nichts wirklich gesehen. Mag sein, wer sich gut in rumänischer Geschichte auskennt, hat Spaß am Verbindungen herstellen. Aber ein Roman ist kein Kreuzworträtsel. Er muss auch auf anderer Ebene als der des Verweise-Ratens funktionieren.

Die nicht sterben gehört zu den Büchern, die man für eine noch genauere Bewertung mindestens noch einmal lesen müsste. Die aber nicht wirklich die Lust wecken, genau das zu tun. Ein Dilemma, das nicht wenige high concept Texte plagt.

Bild: Vlad III. Drăculea empfängt türkische Gesandte, Historiengemälde von Theodor Aman (1831–1891). Wiki, gemeinfrei.

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