Verloren zwischen Metapher und Handlung: Ling Mas Pandemie-Roman „New York Ghost“.

New York Ghost von Ling Ma versucht mehrere Dinge und ist auf keiner Ebene wirklich erfolgreich. Ich schicke mal wieder vorweg: Es ist keine langweilige Lektüre, man bewegt sich leicht durch das Buch und wird wahrscheinlich nicht das Gefühl haben, seine Zeit verschwendet zu haben.

Um einen herausragenden Text handelt es sich aber auch nicht. New York Ghost ist einerseits die Geschichte vom Ende der menschlichen Zivilisation nach einer Pandemie. Es hat etwas von einer Zombie-Geschichte: Ein aus China importierter Pilz bringt Menschen dazu, in Endlosschleifen einfachste Tätigkeiten zu vollführen, bis sie irgendwann sterben. Die Menschen bleiben in nostalgischen Schleifen und Fließbandarbeit stecken. Fast die gesamte Welt wird dahingerafft. Der Roman erzählt die Geschichte einiger Überlebender, die sich auf den Weg machen um in Chicago in einem Einkaufszentrum zu wohnen.
80 Prozent der Geschichte aber sind Rückblenden. Protagonistin Candace versucht ein New-York- Gefühl einzufangen, in dem die Menschen immer nur für den nächsten Kick, den nächsten Instagram-Post und den nächsten coolen Job leben und stellt dem die Melancholie des stillen, späteren, fast entvölkerten New York gegenüber.
Man könnte sagen, dass die Pilzinfektion nur noch forciert, wohin sich die Menschheit sowieso bewegte.

Das Problem: All das kommt nicht wirklich zusammen. Bereits die Entscheidung, die Erinnerungen an einer Survival-Geschichte aufzuhängen, ist fragwürdig. Wer ums Überleben kämpft, erinnert sich glaube ich kaum in dieser sanft plätschernden Art. Zumal Candace in derr Gruppe relativ bald in Gefahr gerät.

Wie der Pilz genau funktioniert, bleibt im Dunkeln. Aber es wird mehrfach suggeriert, dass nostalgisch veranlagte Menschen besonders anfällig sind. Der Pilz soll offenkundig als eine Metapher für die im Wiederholungszwang steckengebliebene westlich kapitalistische Gesellschaft fungieren. Darin erinnert er an die Member-Berrys aus Southpark. Aber warum wird dann zB das aufstrebende China noch viel rascher dahingerafft? In diesem Zwischenreich zwischen Metapher und realer Infektion, die alle gleichzeitig erfasst, findet der Roman nicht die richtige Balance.

Und auch der Survival-Plot lässt zu wünschen übrig. Durchaus begrüßenswert, das Autorin Ling keine klassischen Zombies erschafft. Die „Infizierten“ leben einfach weiter vor sich hin, sie schaden niemandem. Und da die Gruppe öfter Infizierte „erlöst“, also tötet, macht das deren Menschlichkeit im Angesicht der friedlichen „Zombies“ durchaus fragwürdig.
Aber diese Gruppendynamik… Wieso folgen alle so kritiklos? Welche reale Macht hat der „Boss“ der Gruppe? Wie begründet sich die kritiklose Gefolgschaft der Anderen? Warum muss man New York überhaupt verlassen, da sollte es doch massig plünderbare Geschäfte geben? Wieso tötet Candace einen Taxifahrer, den sie zudem noch von früher kennt, und insinnuiert auch noch, sie könnte sich nicht ganz sicher sein, ob er wirklich ein Infizierter war? Sollte das nicht etwas sein, das einer Figur, die sonst so sensibel angelegt ist, viel mehr zu schaffen macht? Mehr wert, als einen Nebensatz? Und die ganze Stadt sollte doch voll stehen von verlassenen Autos, in die man nur einsteigen muss!
Und so weiter, und so fort. Der Survival-Plot ist sehr dünn und keine der Figuren darin überzeugend ausgearbeitet. Sie sind eigentlich nur da, um Candace ein paar Schwierigkeiten in den Weg zu legen und Anlass für die Erinnerungen zu geben.

Auf Amazon.com wurde mehrfach von Horror-Liebhabern kritisiert, es handle sich definitiv um einen literarischen, gar poetischen Text, und daher keinen guten Horror. Ich verstehe nicht, was gemeint ist. Das hier ist nicht Night of the living dead oder 28 days later. Aber die Sprache ist relativ einfach, es gibt eigentlich keine besonders bildhaften Passagen, von Poesie würde ich also wirklich nicht sprechen. Ganz im Gegensatz zu Night of the living dead oder 28 days later, die mit ihren Mitteln durchaus versuchen, sehr bildhafte „Film-Gedichte“ zu sein.
Der Roman ist wie gesagt absolut lesbar, wirklich durchkomponiert ist der nicht. Ich bezweifle, dass man ihn ohne die Corona-Pandemie übersetz hätte. Aber wer sich aus unsrer Realität in eine schlimmere flüchten möchte, was ja durchaus heilsam sein kann, und dabei ein wenig, doch nicht zu viel, nachdenken, findet New York Ghost vielleicht genau passend.

Bild: Pixabay

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