Zwei der stärksten Kapitel der neueren Literatur. Dann durchwachsen. „Das Gewicht aller Dinge“.

Das Positive zuerst: Die ersten beiden Kapitel von Das Gewicht aller Dinge von Britta Röder gehören zu dem Besten, was ich an zeitgenössischer Literatur in den letzten Jahren gelesen habe. Zuerst erleben wir mit, wie Rolf und Sybille auf einer Urlaubs/Verlobungsreise verunglücken. Rund um die Minuten des Unfalls werden in kurzen temporeich montierten Szenen die Liebe und der zentrale Konflikt des Paars skizziert. Es ist nicht immer ganz leicht zu folgen, aber diese Montage ist große Kunst. Es folgt eine Großstadtszene aus einem Frankfurter Morgen. Ein namenloses junges Mädchen streift durch die frühen Morgenstunden. Sie bekommt hier und da ein wenig Hilfe, ehe eine etwas ältere Frau sie auf einer Brücke auf liest, von der sie glaubt, dass die andere springen wollte. Die Ältere schüttet der Jüngeren ihr Herz aus und erzählt ihre Lebensgeschichte, in der es eine ähnliche Flucht von zu Hause gab, wie sie sie bei der Jüngeren vermutet. Dieses Kapitel ist ebenso gut gearbeitet wie das erste und der Ton des Romans wirkt sehr verlockend: Tempo, Großstadt, verkrachte Existenzen. Auch das dritte Kapitel nährt diese Hoffnung noch, als die junge Frau, die sich mittlerweile als Sprachtalent mit Amnesie entpuppt hat, im Putzdienst einer größeren Firma zu arbeiten beginnt und ihr Talent zum Zuhören dazu führt, dass zahlreiche Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Migrationshintergrund sich ihr rasch öffnen und Fragmente ganz diverser Lebensgeschichten in die Romanhandlung drängen.

Und dann erfolgt der Cut. Die Frau, die sich jetzt Angelica nennt, wird ihren Mitarbeitern unheimlich. Nicht nur, weil sie anscheinend jede Sprache spricht, sondern unter anderem verfügt sie anscheinend auch über sehr ungewöhnliche Talente der Wundheilung. Der Chef hilft ihr, eine Stelle auf dem Land zu finden. Überraschung: Rolf ist in die gleiche Ortschaft gezogen, um über den Tod der Frau hinwegzukommen. Nun beginnt sich, trotz insgesamt nicht einmal 200 Seiten, die Handlung zu ziehen. Man sollte einem Werk nicht vorwerfen, dass es nicht den Weg geht, den man für es erhofft hat. Aber was nach dem 3 Eingangskapiteln bleibt, ist einfach nicht mal mehr ansatzweise so gut. Angelica bleibt die tolle Zuhörerin. Das gibt der Autorin den Vorwand, in sehr traditioneller Erzählweise eine klassische Deutsche retten Juden vor Nazis Geschichte zu erzählen und nebenbei noch eine kleinere Liebesgeschichte. Erzählerin sind die beiden einzigen Putz-Kundinnen Angelicas, die wir besser kennenlernen. Außerdem fängt Angelika an, bei Rolf zu putzen, und der verliebt sich in sie. Ausgerechnet das interessanteste Thema, das dem Roman trotz der Verlegung ins Dorf noch blieb, bleibt praktisch ausgespart: Was ist eigentlich mit Angelica? Wo kommt sie her? Es wird zwar noch ein oder zweimal eingestreut, dass sie solche Dinge wie Liebe nicht wirklich nachvollziehen kann, also für sich, gefühlsmäßig, aber was das für einen Menschen eigentlich bedeuten könnte, ohne Erinnerung und emotionale Bindung in eine Welt geschmissen zu sein in der man nun mit Engelsgeduld sich die Probleme anderer anhört – das wird nicht Thema.

Stattdessen wird kurz vor Schluss eine Erklärung aus dem Hut gezaubert, die der Name der Protagonistin schon aufdrängt, die aber entweder, wenn sie ernst gemeint ist, im Wortsinne als deus ex machina daherkommt, oder, was als Lesart durchaus möglich wäre, wenn sie nur das Selbstbild Angelicas darstellt, wiederum eigentlich verlangen würde, dass genau dieses Selbstbild im Roman auch ergründet wird.

Wirklich schade. Ich gebe unumwunden zu, ich hätte viel lieber das Buch gelesen, das die ersten drei Kapitel hätten werden können, hätte man die Großstadt nicht verlassen, als den gefühlt fünfzigsten Dorfroman jüngerer Zeit. Aber auch, wenn man das dem Buch nicht vorwirft, gibt es einfach gelungenere Dorfromane, in denen das Dorf nicht vor allem Kulisse bleibt. Die Vergangenheitsbewältigungs-Geschichte, die sich für den Großteil des Romans deutlich vor die beiden Figuren schiebt, die uns anfangs doch als Hauptfiguren vorgestellt wurden, fügt dem Thema zudem überhaupt nichts Neues hinzu. Auch über den Nationalsozialismus wurde schon mit mehr Kunstfertigkeit und Einsicht geschrieben. Ich sage es noch mal: Schade. Die ersten zwei, vielleicht auch drei Kapitel gehören zum Besten der neueren deutschsprachigen Literatur. Und so etwas sage ich nicht häufig. Den Rest kann man lesen, aber ich möchte nicht behaupten, dass es einen besonders guten Grund gibt, dieses Buch statt irgendeines anderen zur Hand zu nehmen.

Bild: Pixabay

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