Es gibt kein Leben im ewigen Eis, oder: Der Bösewicht in „Snowpiercer“ ist immernoch klüger als die Revolutionäre. Film-Freitag IV.

Snowpiercer – Ganz cooler Film, aber als Parabel auf Klassenkampf und revolutionäre Umwälzung nicht gelungen. Lieber als einfachen Actionfilm genießen. Klarstellung: Es geht hier rein um den Film, ich habe die Serie nicht gesehen und die Graphic-Novels nicht gelesen..

Will ich den Film ernst nehmen, muss ich mich ganz klar auf die Seite des Bösewichts stellen. So übel dessen „Gesellschaftsmodel“ auch sein mag. Was ist das denn für eine Revolution? Die ganze Welt ist von Eis bedeckt, es ist eindeutig etabliert, dass Leben nur an Bord dieses Zuges möglich ist. Ja, das Leben der unteren Klassen ist beschissen, und ein Aufstand, der die Hierarchien im Zug (deren Notwendigkeit sowieso nie wirklich klar wird) abschleift oder nivelliert hätte meine volle Unterstützung. Vielleicht wollte der Aufstand das auch. Bzw: Am Anfang wollte er wohl gar nichts, außer irgendetwas ändern. Absolut richtig, absolut nachvollziehbar. Doch der Böse Big Boss hat recht, dass es in der derzeitigen Situation nichts anderes geben kann, als etwas, das man im Politjargon „Reformen“ nennt. Der Boss übergibt den Staffelstab, ein Revolutionär tritt an seine stelle, und vielleicht wird es im Zug humaner zugehen. Vielleicht korrumpiert Macht aber auch.

Stattdessen lassen die Aufständischen den finalen Kampf so eskalieren, dass der gesamte Zug entgleist und, weil niemand angeschnallt ist und das Ding mit rasender Geschwindigkeit unterwegs ist, man eigentlich davon ausgehen muss, dass alle sterben. Eine Frau und ihr Kind aber überleben fast unverletzt, und wir sehen sie in die Welt hinausgehen und in der Ferne einen Eisbär entdecken. Das sind die letzten Einstellungen aus Snowpiercer.

Ich bin bereit, das pars pro toto zu nehmen. Es hat also nicht nur diese eine Frau überlebt, sondern einige Menschen an Bord. Aber sind wir ehrlich: Die meisten müssten schwer verletzt sein. Ja, ich habe durchaus mitbekommen, dass einer der Protagonisten zuvor Anzeichen entdeckt hat, dass sich das Eis zurückzieht. Aber: Zurückzieht nicht wie in den letzten realen Eiszeiten, als selbst bei der weitesten Ausdehnung immer noch weite Teile der Welt nicht von Eis bedeckt waren und die Menschen, auch die, die Jagd auf Mammuts usw. machten, nicht die ganze Zeit im ewigen Eis lebten, sondern in Steppen, wo es Pflanzen gibt und Schutz.

Was nach dem Ende von Snowpiercer passiert müsste, ist klar: Alle Insassen, ausnahmslos, sterben über kurz oder lang. Eher kurz.

Snowpiercer folgt einer ähnlichen Grundhandlung wie Matrix. Aufständische treffen auf eine scheinbar vollkommen illegitime Macht, doch dann gibt es Momente, die nahelegen, dass es doch ein paar gute Argumente für diese Macht geben könnte, wenn auch vielleicht nicht in dieser konkreten Form. Nur unterminiert Snowpiercer diese Idee dann sofort durch einige besonders barbarische Machenschaften der Macht, besonders den Missbrauch von Kindern als Arbeitssklaven. Statt unter das Ideal der dreifachen Aufhebung, wie Matrix, stellt Snowpiercer dann den Aufstand praktisch unter ein vollkommen voluntaristisches bürgerliches Freiheitsideal. Die Aufständischen in diesem Film agieren defacto wie die Querdenker derzeit in der Corona-Pandemie, nur unter tausend Mal schlechteren Voraussetzungen. Aus „gebt mir die Freiheit oder den Tod“ wird “gebt mir die Freiheit, die der sichere Tod ist”.

Ich weiß, das ist sicher nicht, was der Film erzählen wollte. Das ist aber was er erzählt. Es mag kein richtiges Leben im falschen geben, und die Gesellschaft im Zug ist definitiv eine falsche. Es gibt aber überhaupt kein Leben in einer komplett schockgefrostet Umwelt, einer Eiswüste, die nicht einmal mehr annähernd gemäßigte Zonen kennt. Vielleicht sollte man als kleine Ergänzung zur Minima Moralia ja einmal ein Kompendium solcher einfachen Wahrheiten anlegen.

Snowpiercer ist, was Darstellung und Durchdachtheit seiner Revolution betrifft, leider absolut „Style over Substance“. Für einen kurzweiligen Abend reicht das. Zu viel drüber nachdenken sollte man aber nicht.

Bild: Pixabay.

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