Berührende Liebesgeschichte, deren zentraler Konflikt früh implodiert: „Im Wasser sind wir schwerelos“ von Tomasz Jedrowski.

Ludwik wächst im Polen der 80er Jahre auf. Die Familie ist jüdisch, doch verheimlicht das. Warum, wird Ludwik klar, als der beste Freund plötzlich verschwindet. Diese jüdische Familie hat den Antisemitismus in der Gesellschaft nicht mehr ausgehalten und ist nach Israel ausgewandert. Über Nacht. Eine Unsicherheit allerdings bleibt: Könnte der Zeitpunkt des Verschwindens auch etwas damit zu tun haben, dass Ludwik kurz zuvor etwas „zu viel“ Intimität mit dem Freund geteilt hat? „Zu viel“ im Sinne des gesellschaftlich Tolerierten.

Denn Ludwik hat noch ein weiteres Geheimnis, das er erst für sich selbst entdeckt und dann auch vor den Eltern und den meisten Freunden verbirgt. Seine Homosexualität, der er da selbst noch keinen „Namen“ zu geben vermag (offiziell existiert so etwas im Polen des Romans nicht).
Die Liebesgeschichte zwischen Ludwik und Janusz, die ihren Anfang an einem besonderen Sommer (gem)einsam am See nimmt, bildet das Zentrum des Romans. Verglichen wird der, vor allem zu Werbezwecken wohl, mit Ocean Vuongs „Auf Erden sind wir kurz grandios“. Man mag neben der sexuellen Orientierung der Hauptcharaktere noch ein paar weitere Ähnlichkeiten sehen. Vor allem der Hang zu einer bilderreichen Sprache. Aber: „Im Wasser sind wir schwerelos“ von Tomasz Jedrowski ist ein gutes Stück klassischer erzählt, stringenter in der Handlung und mit weniger Erinnerungs-Montage.

Neben der Gefahr, wegen seiner Sexualität enttarnt zu werden, die in Polen zwar nicht offiziell verboten war aber laut Roman dennoch genutzt wurde, um eine Person vielfältig unter Druck zu setzen, ist es vor allem der zentrale Konflikt zwischen den beiden Liebenden, der den Roman narrativ tragen soll. Ludwig spielt früh mit Gedanken an Auswanderung, die immer intensiver werden. Janusz ist dem Sozialismus treu ergeben und beginnt, für die Zensurbehörde zu arbeiten.

Leider implodiert genau dieser zentrale Konflikt ziemlich früh. Wenn ein Roman um einen solchen Widerstreit herum aufgebaut ist, müssen zumindest i m R o m a n beide Perspektiven als ähnlich valide erfahrbar sein. Das gelingt etwa einem so konservativen Autor wie Dostojewski immer wieder mit seinen Sozialisten und Anarchisten, die manchen Leser je nach Haltung wahrscheinlich eher gewinnen können als die näher an Dostojewski stehenden religiösen Figuren. In „Im Wasser sind wir schwerelos“ klappt das nicht. Ludwig sagt all die Sachen, die heutzutage noch täglich in der Zeitung stehen, die wir in der Schule lernen und die ganze Handlung stützt ihn dabei. Westen gut, Osten schlecht. Janusz bringt zwar durchaus einige Gründe vor, etwa dass er als Arbeiterkind ohne jegliche Mittel dank des Staates habe studieren können. Aber er steht von Anfang an auf verlorenem Posten. Schon allein, weil er als Mensch, der sein Begehren vor dem Staatsapparat verbergen muss, in seiner Verteidigung des Sozialismus absurd wirkt.

Das mag man nun politisch ganz richtig finden und sagen: Ludwig hat halt recht, Janusz Unrecht. Aber für einen Roman, für dessen Narrativ ein solcher Konflikt die zentrale Stütze ist, ist das natürlich Gift.

„Im Wasser sind wir schwerelos“ ist trotzdem eine interessante, sprachlich oft eine schöne, Lektüre. Und die Figuren berühren. Nur das Zentrum, das trägt nicht wirklich.

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