Ästhetisiertes Erinnern 3. Eigene Literatur: „Italienische Reise“ aus „Kleinstadtminiaturen“

Mehr zur Serie im vorangegangenen Teil.

Dieser Text erschien 2016 in Kleinstadtminiaturen, wurde verfasst irgendwann zwischen 2006 und ’15.

V -Italienische Reise

Nach Italien, um in das weit aufgerissene Maul eines Hippopotamus zu blicken. Erst mit der alten Blindschleiche bis Rimini, sollte Dijon werden, ein besetztes Haus dort, und Bekannte von früher. Dann 20 Kilometer schwitzend die Strände lang unter sengender Sonne, stehen bleiben kostet, und endlich doch mit dem Zug bis Fano, Palmen und palmbewehrte Schrebergärten,und Bier, schnell schales, in Plastik.

Bis zur Schweizer Grenze waren sie schlecht vorangekommen. Zwei junge Revolutionäre mit Träumen, die in Deutschland nichts angestellt hatten und dennoch glaubten fliehen zu müssen. Hatten eng umschlungen in blassdüstrer Junikälte bei Basel genächtigt, dann endlich gelernt, dass das Wohl und Wehe des Tramps an die Autobahn gefesselt ist. Italienische Reise! Und Fano, welch ein Idyll. Ein Glücksbrunnen und mehr als 30 Kirchen, Kapellen, umhegt von flachdachigen sandfarbenen Häusern mit bunten Markisen. Restaurants, Cafés, Lädchen für Krimskrams. Das wieder umhegt von der römischen, wuchtigen Mauer. Ein wenig kitschig gar die Carabinieri auf Vespas, mit ihren Brustpanzern und Maschinenpistolen. Idyll-Enklave. Erst zum Strand hin Hotels, wo die Preise sich doppelten, Strandkörbe, und wieder einer der abkassierte.

Doch wer brauchte Hotels? Man nächtigte, eng umschlungen schon nicht mehr, unter Sternen. Am nächsten Tag standen sie vor dem fleischigen Schlund. Drin wuchtige knochige Hauer. Eine Zunge wie Kalkstein, die alles aufleckte, was rundum ineinander gelaufen war. Tollende Kinder mit Stöcken und Reifen. Bärtige Männer in verschwitzten Shirts, die Stahlstangen trugen. Eine bärtige Frau. Es gastierte der Zirkus in Fano. Und sie blickten in das weit aufgerissene Maul eines Hippopotamus, in den, doch sie wussten es nicht, geheimsten Grund ihres Hiersein.

Unter Zirkusleuten verlebten sie eine flüchtige gute Zeit. Doch war der Zirkus die Vorhut nur, bald wuchs rund um Fano eine weitere Stadt, eine Stadt aus Gestänge, aus Benzin und aus kehligem Gesang. Hier gaben sich die Aussteller edler Karossen, Staubsaugervertreter und Postenjäger die Klinke in die Hand, süffiger Wein floss in Strömen, man genoss Trüffel. So wussten unter Hammer und Sichel die Socialisti Italiani zu feiern.

Zwei junge Revolutionäre mit Träumen schliefen, ein jeder für sich, im Straßengraben. Erst einige Zeit nach ihrer Rückkehr erfuhr Er, dass Sie einen Freund habe, lang habe gehabt. Nun wolle man daraus was Festes machen. Sie erfuhr nie, wie hart ihn das anging…

Wenn zwei gealterte Bürger ohne Träume heute zurück an die Italienische Reise denken, ist da das weit aufgerissene Maul eines Hippopotamus.

Und irgendein – doch kaum greifbares – Sehnen.

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