Ruhige reflektierende Nachtfahrt. Etwas sehr Gedankenlastig. „Die Kanadische Nacht“ von Jörg Magenau.

„Die Kanadische Nacht“ von Jörg Magenau habe ich aufgrund der Empfehlung von Saša Stanišic gelesen:

„Jörg Magenau hat einen modernen, einen klugen Künstlerroman geschrieben, einen Roman einer unruhigen Biografie in einer unruhigen Familie.“

Und aufgrund des Covers, das so eine melancholisch-meditative Ruhe ausstrahlt.

Zusammengenommen beschreibt beides das Buch recht gut. Ein mittelalter Schriftsteller ist auf dem Weg zu seinem sterbenden Vater, der sich in Kanada zurückgezogen hat. Die Nachtfahrt gibt Anlass zu allerlei Überlegungen. Zu dem Buch, dass er im Auftrag einer Malerin über einen wenig bekannten Dichter schreibt, und in dem diese immer wieder herumfuhrwerkt und schließlich das ganze Projekt gecancelt hat.
Zum Verhältnis zum Vater, zur Bedeutung von Abwesenheit (abwesende Väter und andere Bezugspersonen spielen in vielen Beziehungen, die im Buch gestreift werden, eine Rolle), und ob räumliche Distanz wirklich so schlimm ist.
Dazu ob und wie Sprache den Blick auf die Realität verändert oder sogar selbst Realitäten schafft.
Zu Hölderlin, der für Vater wie Sohn jeweils eine besondere eigene Bedeutung angenommen hat. Das liest sich tatsächlich gut, ist in einem schönen nachdenklichen Tonfall verfasst, der wiederum auch recht passend wirkt für Grübeleien, mit denen man sich nachts auf einer leeren Straße im Auto herum schlägt.
Auf der anderen Seite handelt es sich natürlich um eines dieser Bücher, die manchmal wirken als habe jemand vor allem ein Handlungsgerüst gesucht, an dem er ein paar philosophische Gedanken aufhängen kann, von denen er zugleich weiß, dass sie ein Sachbuch eher nicht tragen würden.
Ja, es gibt eine bzw. mehrere Geschichten, aber regelmäßig treten die doch weit hinter das Theoretisieren zurück. Wer sich davon eher genervt fühlt wird an „Die Kanadische Nacht“ wenig Freude haben.

„Die Kanadische Nacht“ ist innerhalb dieses Untertypus des Romans einer der besser gearbeiteten, gleichzeitig aber wohl kein Text, den ich ein zweites Mal lesen werde. Kein Buch, dass sich absolut aufdrängt, aber auch keines, mit dem man, wenn man gern etwas Nachdenkliches liest und von doch sehr typischen Bildungsbürger-Problemen nicht genervt ist, etwas falsch macht.

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