Faszinierender Kunst-„Krimi“ mit generischem Beginn und frustrierendem Schluss. „Alle Farben weiß“ von Christa Ludwig.

„Alle Farben weiß“ von Christa Ludwig beginnt mit einer Dreiecks- oder Vierecks-WG-Geschichte im Kunststudentischen Milieu. Selina liebt Niklas, aber geht mit Stefan ins Bett, Stefan geht mit zwei Mitbewohnerinnen ins Bett, und natürlich sorgt das alles für Enttäuschung. Große Überraschung. So wirklich Lust hatte ich auf den Rest des Buches nach diesem generischen Offene- Beziehungs-Teil eigentlich nicht mehr. Selina hat parallel auch noch Probleme mit ihrem Kunststudium, weil sie zwar unglaublich präzise malen kann aber keine eigene Inspiration hat. Naaaah. Auch nicht so prickelnd. Ich glaube nicht an „Inspiration“, und wer unglaublich präzise malen kann hat den meisten zeitgenössischen Künstlern und ihren in die Landschaft gestellten Comicfiguren, Raketen aus Körperteilen, Klettergerüsten mit Spruchbändern und chinesischen Multimillionären, die sich in Fötushaltung an den Strand legen und was es da sonst noch so alles gibt Definitiv schon einiges voraus.

Anyhow. Selina wird schwanger von Stefan, verlässt die WG, wechselt in ein Studium als Restauratorin, bekommt einen Job in einem Kloster, wo sie ein altes Gemälde unter einem neueren freilegen soll und plötzlich wird die Geschichte richtig spannend. Das spricht für Autorin Ludwig: Jetzt geht es tatsächlich und Kunst und man will den Roman gar nicht mehr beiseite legen. Auch wenn das Werk unter dem neueren anfangs nicht viel bemerkenswerter wirkt als das, mit dem es übermalt wurde, stößt Selina darauf, dass es sich um einen alten Meister handeln könnte. Eine Schwester, die darüber mit der Oberin etwas im Clinch liegt, sieht in dem unteren Werk eine Botschaft, die es vor dem Neuen zu retten gilt. Und Selina entdeckt, dass eigentlich beide Werke in einem malerischen Dialog miteinander stehen und würde am liebsten diesen Dialog in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. So gerät die Restauration zu einem Mix aus Christologie, Gesellschafts- bzw. Geschichtskritik und der Frage nach dem „richtigen“ Umgang mit „problematischer“ Kunst.

Die Enthüllung, was das untere Werk zeigt und die Spekulationen darüber, wer es gemalt haben könnte, ist tatsächlich spannender und lädt stärker zum Mitraten ein als mancher klassische Krimi. Allerdings: Wer sich durch das Fehlen einer eindeutigen Antwort frustrieren lässt, könnte sehr frustriert aus diesem Buch heraus gehen. Der Maler wird nicht enthüllt.

Insgesamt überzeugt mich „Alle Farben Weiß“ weniger als „Ein Bündel Wegerich“ von der gleichen Autorin (Besprechung folgt). Ja, die Dreiecksgeschichte vom Beginn bekommt noch ein bisschen Bedeutung, da das Aufwachsen des Sohnes zwischendurch immer mal wieder eine Rolle spielt und auch noch eine weitere Begegnung mit Stefan ansteht. Trotzdem hätte ich mir eine stärkere Ausarbeitung des Kunst-Krimis gewünscht, der relativ einzigartig ist, während der Auftakt des Buches auch in 50 anderen so stehen könnte. Und die Nicht-Enthüllung des großen Geheimnisses, um das so ein Aufwasch gemacht wird? Ja, das ist sicher typisch „hohe Literatur“ und vielleicht könnte ein größerer Kunstkenner als ich selbst auf die Antwort kommen. Wobei ich nach den Beschreibungen im Roman auch niemals auf die Idee gekommen wäre, dass das untere Bild, wie die Autorin in einem kurzen Nachwort verrät, an Grünewalds „Verspottung Christi“ angelehnt sein soll.
Aber: Einen Genre-Autor würde man in erbarmungslos verreißen, wenn er einen Krimi abbrechen würde und die zentralen Fragen ungeklärt lassen. Und letztlich ist es genau das, was Ludwig macht, nur eben unter dem Schutzmantel der „hohen Literatur“, bei der man gewohnt ist jede Unklarheit zu ihrem Vorteil auszulegen.

„Alle Farben weiß“ ist wie schon „Ein Bündel Wegerich“ schön geschrieben und erzählt eine interessante Geschichte. Aber wie gesagt: Wer erwartet, dass eine „Krimi“-Geschichte auch ein erklärendes Ende hat, könnte dieses Buch sehr frustriert beenden.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.