Filmfreitag II – „I am Mother“ – Missverstandenes Sci-Fi-Meisterwerk

Die negativen Rezensionen zu dem Film I am Mother zu lesen, schmerzt. Warum stellen sich Menschen so dumm? Besonders die, die sich für so klug halten? Diese prätentiösen Filme-Gucker, die irgendwann mal Fightclub und Matrix so geil deep fanden, und nicht darüber hinaus wuchsen? Warum suchen sie immer nach „philosophischer Tiefe“ und regen sich dann auf, dass sie das nicht finden? Und warum verlangen selbst Menschen, die keinen geraden Satz schreiben können, philosophische Tiefe? Was soll das eigentlich sein? Konsistenz, Richtigkeit, überzeugende Argumente? Ach leckt mich doch. Wenn ihr das wollt, lest philosophische Monografien. Aber Fuck, das meint ihr ja gar nicht. Wenn ihr „Philosophie“ sagt, meint ihr doch sowieso meist einfache Alltagspsychologie, heruntergebrochen auf etwas, das den Menschen angeblich in seiner Essenz ausmache. Gern garniert mit etwas Mystizismus.
I am Mother ist ein richtig richtig guter Science-Fiction-Film. Nicht, weil er „philosophisch“, oder am Ende sogar „philosophisch richtig“ oder „tief“ wäre, was immer genau das für einen Film heißen könnte, der ja nun gerade kein argumentatives Werk ist. Sondern weil er von Anfang bis Ende auf die Geschichte hin, die er erzählt, konsequent durchgearbeitet ist. Weil die Geschichte, obschon ihre Grundideen nicht neu sind, interessant und spannend ist. Und zuletzt, weil das ganze auch filmisch stark umgesetzt ist.

Ein Mädchen, scheinbar die letzte ihrer Art, wird von einer KI aufgezogen und umfassend gebildet. Irgendwann taucht ein weiterer Mensch auf und säht Zweifel am Wohlwollen der KI, der „Mutter“. Wie die „Tochter“ feststellt, durchaus berechtigte Zweifel. Sie ist nur eine in einer langen Reihe von Töchtern, die letzten wurden irgendwann auf dem Entwicklungsweg umgebracht, weil sie den Erwartungen nicht entsprachen. Die Frau von außen schafft es, die Tochter zum Fliehen zu überreden. Aber die Außenwelt ist nicht wie erwartet, am Ende kehrt die Tochter zurück, zerstört den Mutter-Roboter und setzt sich selbst an die Stelle der Mutter. Doch das scheint Teil des Planes der Mutter gewesen. Die letzte Szene faded zum Titel-Screen: „I am Mother“. Genial: Das I des Titels, den wir von Anfang an kennen, bekommt jetzt eine neue Bedeutung. Es reflektiert den letzten Akt der Tochter, ihre neue Rolle anzunehmen.
Nein, hier werden nicht auf hochabstrakter Ebene zwei Erziehungsmodelle (kühl-berechnend-umfassend vs. menschlich-fehlerhaft-warm) gegeneinander gestellt, wie es die erfolgreichste deutsche Amazon-Rezension behauptet. Denn die Frau von außen hat überhaupt kein Erziehungsmodell. Sie sucht auch nicht eine Tochter, sondern eine Gefährtin. Und sie war die ganze Zeit Teil des großen Spiels der KI, dass die Tochter testet.

Hier wird auch nicht ein „freundlicher“ Autoritarismus gegen individuelle Freiheit gestellt. Die Situation ist ja viel zu speziell, um daran breite politische Konzepte aufzuhängen. Es gibt keine individuelle Freiheit in einer Welt, die allein vom Zwang wegzulaufen, sich zu verstecken und dazwischen etwas zu essen zu finden bestimmt ist. Politik ist vorbei im Szenario von „I am Mother“. Politik ist, was verhindern könnte und sollte, dass es überhaupt je so weit kommt. Aber in dieser Situation ist der Autoritarismus der Mutter von Anfang an überlegen und die Tochter trifft am Ende nicht mal die „richtige“ Wahl, sondern die einzige. Nur ist die Mutter damit noch lange nicht „im Recht“ (denn es gibt auch kein Recht mehr – Recht ist gesellschaftlich, diese Welt kennt keine Gesellschaft) bzw. moralisch untadelhaft. Nicht die Menschheit hat sich selbst ausgelöscht, sondern die KI die Menschheit, weil sie davon ausging, dass die Menschen immer weitermachen werden mit dem sich gegenseitig Morden. Das ist die große Transgression, durch die die Realität des Filmes erst geschaffen wurde. Gefolgt von vielen kleineren des Aussortierens „lebensunwerter“ Töchter.
Kann die menschliche Tochter, die nun die Aufgabe der Mutter übernimmt, aus Reagenzgläsern eine Menschheit heranzuziehen, die weniger gewalttätig ist, damit überhaupt erfolgreich sein? Zumal die KI ja nicht tot ist, sondern in allem steckt, was diese Welt bearbeitet und für die Wiederkunft der Menschenfamilie herrichtet? War es dann am Ende sogar richtig, dass die Mutter die Menschheit ausgelöscht hat und derart rigoros ihre Töchter selektiert?
Das Sind Fragen, die der Film nicht stellt und auch nicht stellen will. Zum Glück. Geistreiche Filme sollten nicht immer neue Varianten das Trolley-Problemst und ähnlicher Techniken sein, zu versuchen, „Menschsein“ über Extremsituationen zu ergründen. Sondern: I am Mother schafft eine Situation, in der sich eine spannende Geschichte erzählen lässt, die man natürlich auch psychologisch und moralphilosophisch durchdenkt. Aber nicht mit dem Ziel, Antworten auf die oben gestellten Fragen zu geben, mit denen wohl auch die meisten Menschen an diesen Film herangehen. Die „richtige“ Antwort auf all diese Fragen wäre sowieso immer: Die Menschheit darf es niemals so weit kommen lassen, dass diese Fragen sich stellen. Sobald allein Extremsituationen das Menschsein bestimmen, ist das Reich der Philosophie beendet. Wenn solche Fragen sich stellen, ist die Welt sowieso eine so ganz andere, dass wir mit unserer Moral, die ja immer eine gesellschaftlich gewordene und auf gesellschaftliches Verhalten ausgerichtete ist, sie gar nicht beantworten können.

I am Mother ist ein verdammt starker Science-Fiction-Film. Fast perfekt durchkomponiert in der Handlung, perfekt durchkomponiert in der Bildsprache. Allein, wie ab der zweiten Hälfte den sterilen Gängen des Bunkers die halbzerstörte Außenwelt mit ihren toten Bäumen im Nebel, ihren Maisfeldern und diesem wie eingefrorenen havarierten Schiff am Meer gegenübergestellt wird: herausragend.
Ist I am Mother die Phänomenologie des Geistes, die Kritik der reinen Vernunft oder auch nur ein gutes Handbuch über Erziehungsstile? Nein. Es ist ein klug aufgebauter Film, den man vollkommen falsch rezipiert, wenn man meint darin unmittelbare Antworten auf moralphilosophische und Erziehungsfragen einer Menschheit finden zu können, die eben derzeit das noch ist: Menschheit. Und damit von der Welt von I am Mother so radikal verschieden, dass man durchaus behaupten kann, dass die beiden „menschlichen“ Figuren des Films mit uns nur noch äußere Ähnlichkeiten teilen. Und vielleicht ein paar physiologisch bedingte Triebe.

Bild: Pixabay.

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