Heimeliger Horror als christliche Propaganda. Warum „Insidious“ und „The Conjuring“ nicht gut sind, aber ihren Zweck erfüllen – Movie Monday 1.

Ich habe bereits darüber geschrieben, was guten Horror ausmacht, heute möchte ich über schlechten schreiben. Und die wirklich mit großem Abstand schlechtesten Horrorfilme, die ich gesehen habe, sind die Filme der gefeierten Reihen Insidious und The Conjuring.

Nein, Filme müssen nicht immer unglaublich subtil sein. Und während richtig guter Horror immer mindestens noch eine zweite Ebene hat und nicht allein darauf abzielt, Zuschauer zu erschrecken, kann es ordentlichen Horror geben, der genau das tut. Was aber zwingend notwendig ist, damit man Horror noch als ordentlich bewerten kann: das Unheimliche muss wirklich unheimlich sein.

Es wurden schon viele Gedanken auf die Silbe „heim“ im Unheimlichen verwendet. Und auch wenn es nicht für alle Sprachen so gut funktioniert wie fürs Deutsche: Ich denke, man kann sagen, dass das Unheimliche funktioniert, weil man sich in ihm gerade nicht zu Hause fühlt, obwohl etwas vom Heimeligen immer mit anwesen ist. Man ist da und kommt nicht an. Ein Moment des Unsicheren bleibt immer. Das Unheimliche ist also gerade nicht einfach das Bedrohliche, das Böse, dass sobald es klar identifizierbar ist zwar noch furchterregend sein mag, wie der Tiger, der plötzlichen Wald vor mir steht. Der aber ist dann nicht mehr unheimlich. Er ist gefährlich, er ist das Andere, er aktiviert einfache Freund-Feind-Muster, basalen Selbstschutz. Wenn man auch von gelungenem Horror sonst nichts erwarten mag: Er sollte doch möglichst lang damit spielen, den Moment des umschlagen vom Unheimlichen ins rein Furchterregende oder Feindliche hinauszuzögern.

Und das ist, was beiden Reihen in tatsächlich furchterregender Weise fehlt. Am schlimmsten treibt es der erste Teil von The Conjuring. Okay, ein paar Minuten lang spukt es wie in einem klassischen Haunted House – Film. Nichts Besonderes, aber da darf man noch Hoffnung haben. Dann werden die beiden Geisterjäger eingeschaltet und ab diesem Moment ist der Film defacto kein Horrorfilm mehr. Alle wissen, dass es spukt. Es wird noch die ultralangweilige Erklärung eingeschoben, dass es sich bei Spuk normalerweise nicht um Geister, sondern um Dämonen handelt. Warum langweilig?

Faustregel: Geister sind interessant, Dämonen sind langweilig.

Warum? Weil hinter dem Spuk von Geistern normalerweise etwas steckt. Ein Grund, der sie an einen Ort oder eine Person bindet, vielleicht sogar ein Ziel, das den Spuk beendet, wenn es erreicht ist. Geister sind etwas, das für unsere Vergangenheit stehen kann, und/oder für unser problematisches Verhältnis zum Tod. Dämonen, zumindest so verstanden wie in The Conjuring, sind einfach „böse“. In der Folge geht es dann nur noch darum: Den Spuk so auf Kamera festzuhalten, dass die katholische Kirche überzeugt wird, einen Exorzismus durchzuführen. Denn dafür braucht es Beweise. The Conjuring ist damit weniger ein Horrorfilm als die Propaganda eines relativ platt verstanden untheologischen Christentums Im Gewand eines schwachen Kriminalfilms. Die Ermittler stellen vor allem Kameras auf und schreien manchmal laut. Der Spuk wird behandelt wie klassische Bösewichte, die gefangen und bekämpft werden müssen. Sie sind einfach da und das ist alles.

Der zweite Teil funktioniert etwas besser, weil er die Enthüllung der Realität des Spuks etwas länger hinauszögert, krankt aber an den gleichen Problemen. Nach etwas mehr als einer halben Stunde ist der Spuk unzweifelhaft und es geht nur noch um das Sammeln von Beweisen. Die Beziehung zwischen Lorrain und Ed Warren ist etwas spannender gestaltet, aber das war es auch schon. Wie viele Möglichkeiten dieser Film verschenkt, etwas mehr in die Tiefe zu gehen! Die Tochter der bespukten Familie hat offenkundig gewisse Schwierigkeiten in der Schule, überhaupt hat die Familie Probleme, die sich um Spuk reflektieren könnten. Wie genial gelingt das etwa Véronica! Aber nein: Dämonen sind böse, und es braucht aufrechte Christen, um sie zu bekämpfen. Ein Low-Budget Superhelden-Film, der sich als Horror tarnt.

Immerhin ein wenig stärker treten die Insidious-Filme auf. Hier wird es wenigstens im Gegensatz zur Conjuring-Reihe unterlassen, von Anfang an zu definieren, wer der Feind ist und dass dieser verdammt noch mal real ist. Zumindest eine Zeit lang wird jeweils relativ ordentlicher rätselhafter Horror mit den klassischen Manövern des Genres geliefert, bis dann auch hier Geisterjägerin Elise allzuviel zu den Hintergründen aufklärt und ans Werk schreitet.

Insidious 1 bricht in diesem Moment total zusammen. Denn die Reise des Protagonisten in die Welt der Geister und Dämonen („The Further“ – das wird ein Motiv aller Filme werden) ist a) viel zu lang und b) von solch schlecht gemachten Special-Effects begleitet, dass ich mich ernsthaft mehrfach kaputtlachen musste. Der Haupt-Dämon ist eine unglaubliche Witzfigur, eine billigere Version (dass das möglich ist!) von Darth Maul. Immerhin, die Geisterjägerin überzeugt menschlich als Figur und der Film scheint seine Schwächen hier und da mit Humor zu reflektieren. Das gilt auch für die beiden Fortsetzungen. Besser als The Conjuring, aber ausgerechnet, wenn der Konflikt auf seinen Höhepunkt zutreibt kann man regelmäßig abschalten, da nichts unheimliches mehr bleibt.

Warum aber sind beide Reihen so erfolgreich, wo sie doch offenkundig schlechten Horror darstellen? Ich denke: Gerade deswegen. Nicht einfach, weil die Menschheit dumm ist. Sondern weil Insidious und The Conjuring an ein anderes Bedürfnis andocken. An das, rechtschaffende Menschen im Kampf mit dem Bösen zu sehen. Sich klar auf eine Seite schlagen zu können. Gerade das verwehrt Horror oft, und das macht sein verstörendes Moment aus. Aber es macht es oft auch verdammt schwer, einen Film bis zum Ende zu „ertragen“. Insidious und The Conjuring erlauben es, einerseits Filme, die alle Anzeichen des Horrors tragen von Anfang bis Ende zu sehen, und andererseits immer mit beiden Füßen auf festem Boden zu stehen. Es sind all den Schock-Effekten zum Trotz strukturell heimelige Horrorfilme.Und es ist sicher kein Zufall, dass ein platt verstandenes Volks-Christentum, wie es besonders unter zeitgenössischen Evangelikalen verbreitet ist, darin, in der einen Reihe mehr, der andere weniger, den mythologischen Unterbau bildet. Diese Filme bedienen ein Bedürfnis, das mit Horror relativ wenig zu tun hat. Und darin scheinen sie gut zu sein. Das aber macht sie nicht zu guten Filmen.

10 Gedanken zu “Heimeliger Horror als christliche Propaganda. Warum „Insidious“ und „The Conjuring“ nicht gut sind, aber ihren Zweck erfüllen – Movie Monday 1.

  1. nomadenseele sagt:

    Danke für diesen Post. Mich konnten beide Filme / Reihen nie wirklich überzeugen, ohne dass ich greifbar machen konnte, wieso.
    Vermutlich, weil ich die Qualität solcher Filme nach Jumpscares bemesse und selbst da kann ich nur sagen: Es gab welche, aber mit nicht genug tiefgehender Wirkung und nicht genug.

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    1. soerenheim sagt:

      Jumpscares gibt es ja einige, denke mehr als in besseren Horrorfilmen. Nur haben die halt keine tiefere Bedeutung. Wie wenn der Kumpel dir immer wieder seine stinkende Schürfwunde zeigt. Beim ersten Mal ist es vll noch eklig, dann nur noch nervig & wenn er nicht aufhört, hängt man halt mit jemand andrem ab.
      The Others dagegen hat zB genau einen „Jumpscare“, wenn man es so nennen will. Als das Mädchen plötzlich eine alte Frau ist. Aber der ist effektiv, weil er mit einem Mal die ganze Story dreht, wie sehr versteht man dann vll erst beim zweiten Sehen…

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      1. nomadenseele sagt:

        Jetzt hast du mich so neugierig auf das Conjuring-Universum gemacht, dass ich die Filme chronologisch sehen werde. Inklusive der Anweisung „Sehe Annabelle 2 bis kurz vorm Ende, dann The Nun und dann Annabelle 2 fertig“. Das wird irre.

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  2. nomadenseele sagt:

    Ich habe nun zwei Teile aus dem Conjuring-Universum gesehen, ich sehe sie in chronologischer Reihenfolge, erst The Nun und dann Annabelle 2, und es stimmt wirklich: Man könnte sie als christliche Propaganda betrachten. Ich bin gespannt, wie es mit der Reihe weitergeht.

    Beide Male brauchte es ernsthafte Katholiken, um mit dem Dämonen fertig zu werden.

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