Ein total unpunkiges Punkbuch

Was mich an Punk-Romanen schon immer gestört hat, ist ihre formale Spießigkeit. Mein früherer Mitbewohner und besonders dessen Bruder besaßen verschiedene Punk-Romane, die meist eher eine Anekdotensammlung, kaum fiktionalisierte Jugenderinnerungen, waren. Und der Stil erinnerte mich schon damals an den von Elke Heidenreich. Anekdoten aus dem alltäglichen Leben, gern etwas mit Adjektiven übersättigt, und betont auf lustig gedreht. Klar, es geht da öfter ums trinken und ums Erbrechen (ich versuche derbe Ausrücke zu vermeiden, sonst wird der Text am Ende auf Amazon blockiert und ich schreibe so ungern doppel), aber das sind Marginalien. Erzählt wird formal wie aus dem Herzen des Spießbürgertums, dem, wie jeder weiß, der schonmal auf einer Dorfkerb war, im Trinken und sich Erbrechen so schnell ja auch niemand was vormacht. Nachdem ich einmal mehr an den Romanen des Beat und dem „Nachgedanken“ „The Electric Kool-Aid Acid-Test“ großen Genuss gefunden habe, wollte ich dann dennoch wenigstens auch einmal den gefeiertsten deutschen Punkroman „Vorkriegsjugend“ anschauen. Immerhin, es muss doch irgend einen Grund haben, dass das Buch in der Szene bis heute Legendenstatus hat.

Doch schockierender Weise ist dieses zentrale Werk der Punkliteratur in Deutschland noch spießiger als alles, was ich in meinen WG-Tagen gelesen habe. Das beginnt schon bei diesem unglaublich herablassenden Vorwort, das sich vor allem darüber lustig macht, wie billig Punks sich ihre Rebellion abholen, dass es eigentlich keine echten Kämpfe auszufechten gebe, usw usf. Am Ende versucht das Vorwort noch die Kurve zu kriegen, indem es jungen Punks trotzdem ein wenig Daseinsberechtigung zuspricht, doch der Ton für den Rest des Stückes ist vorgegeben. Off schreibt weder thematisch, noch formal, jemals aus der Bewegung heraus. Was „On The Road“ und „The Electric Kool-Aid Acid-Test“ literarisch so gelungen macht, ist die Art und Weise, wie Sprachgebrauch und Denken des Beat bzw. der Proto-Hippies um Kesey aufgegriffen werden, ebenso musikalische Mittel der angesagten Bands und Wirkweisen der angesagten Rauschmittel, und überführt in eine literarische Form, die zumindest etwas von der Stimmung spürbar macht, die diese Zeit des Aufbruchs durchzog. Das kann natürlich nur in (fingierter) Null-Distanz gelingen. Kerouac wie Wolfe inszenieren ihr Buch jeweils, als sei es aus der kollektiven Psyche der Bewegung geschrieben, kritische Gedanken muss der Leser sich schon selbst machen. Die inneren Widersprüche der Bewegung geben dazu reichlich Anlass.

Off dagegen schreibt wie einer, der sein Thema von Anfang an etwas lächerlich findet. Von jeder Punker-Dummheit wird sich bereits im Buch distanziert, dazu kommt ein Sprachstil, der klingt wie der eines Gymnasiasten, der mit ein bisschen Mann und Goethe gequält wurde, und jetzt sein aus Schulaufsätzen wie „Mein spannendes Wochenende mit Mama und Papa am See“ entwickeltes Alltagsschreiben auf einen „literarischen“ Stil aufpolieren möchte. Man liest also regelmäßig überzogene Metaphern und Vergleiche, und Worte, die absolut quer zur beschriebenen Subkultur stehen. Bsp:

„Zurück im Park, ging es dann in zügigem Gleichtakt an die Defloration der erbeuteten Flaschen. Und das war sie dann auch schon, die Freizeitbeschäftigung der aufsässigen deutschen Jugend. Sicher, hin und wieder wurden Passanten lautstark lautstark daran erinnert, daß es in ihrer vermeintlich klinischen Umwelt auch noch so etwas wie Fäkalsprache gab. Manchmal kamen Polizeibeamte auf einen Sprung vorbei, die den ein oder anderen nach seinem Personalausweis fragten oder die gesamte Mannschaft zwangen, den Gehweg zu säubern. Aber das waren die seltenen Höhepunkte.“

Dabei wird nie so wirklich deutlich, was eigentlich die Faszination des gemeinsamen Abhängens in irgendwelchen tristen Stadtzentren, des Trinkens und Pogens in heruntergekommenen Jugendräumen, des Gruppenbesäufnisses in wechselnden versifften WGs, ausmachen könnte. Und verdammt noch mal, das kann ja eine verdammt coole Zeit sein! Off macht nichts davon spürbar. Des weiteren fehlt jeglicher politischer Anspruch, und mag sein, die Punks der 80er bzw. Offs Szenekontakte hatten den nicht… aber zumindest rund um die Chaostage von ’85 hätte man doch die Bedeutung der damals angelegten Punkerkartei ein wenig genauer beleuchten können. Das war nämlich wirklich keine Kleinigkeit.

Schlussgedanke:

Warum wirken Punkbücher immer so spießig? Nun ja, vielleicht, weil die Protagonisten der Bewegung sich tatsächlich wenig Gedanken um Form gemacht haben. Die Klamotten sind gewissermaßen zerstörte Bürgerklamotten plus bunte Haare, die Musik ist zerstörte Mainstreammusik. Man legt die gleichen Akkordfolgen zu Grunde, die gleichen Harmonieschemen, nach denen auch Steppenwolf und Gitte Henning arbeiteten. Nur halt sehr reduziert und weniger professionell ausgeführt. Das funktioniert in Kleidung und Musik, weil Lockerheit und Nachlässigkeit gepart mit einem heftigen Widerspruchgeist wie von selbst ihre eigene Ästhetik produzieren. Um aber diese Ästhetik in der Literatur zu reproduzieren, braucht es dummerweise weit mehr literarisches Handwerkszeug als in der Musik, es reicht nicht, das Üben schleifen zu lassen, im Gegenteil. Denn ein Roman, den man angeht wie einen ordentlichen Punksong, wird meist einfach nicht fertig. Und so besinnen sich die, die es trotzdem versucht haben (zumindest in Deutschland) auf das, was sie in der Schule gelernt haben. Und das sind dann eben Aufsätze über „Mein spannendes Wochenende mit Mama und Papa am See“, und ein bisschen schlecht verdauter Goethe. Dessen formale Zerhackung des bürgerlichen Romans und des Theaters im zweiten Faust und Wilhelm Meister war übrigens mehr „macht kaputt was euch kaputt mach“ als so ein ultrazahmer Punk-Roman…

Bild: Pixa, gemeinfrei

2 Gedanken zu “Ein total unpunkiges Punkbuch

    1. soerenheim sagt:

      Also der Name Peter Pank sagt mir noch was. Allerdings waren die Hauptbücher meines Kumpels irgend eine Serie, und nach kurzer Recherche ist es das eher nicht, auch wenn es wohl noch ein Nachfolgebuch gibt… Ich hab nicht alles aus seiner Bibliothek gelesen.
      Wirklich an Titel erinnere ich mich tatsächlich nicht, denn zugegebener Maßen war ich in der WG-Zeit selten nüchtern.

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