Gäbe es Kunst ohne Kunstkritik? Über einen doppelt falschen Gedanken Geoff Dyers zum Jazz.

In seinem But Beautiful – Ein Buch über Jazz, führt Geoff Dyer im Nachwort eine Idee George Steiners an: Man stelle sich, so dieser, eine Welt vor, in der es keinen Kunstkritik gebe, nur Kunst. Die Kunst würde darunter nicht leiden, da jede Aufführung einer Sinfonie von Mahler ja bereits eine praktische Kritik der Vorangegangenen sei. Was fehlen würde, wären nur die Diskussionen zweiter und dritter Ordnung, die Steiner zu allem Überfluss „parasitisch“ nennt. Der Jazz, dann wiederum Dyer, sei über viele Jahre eine solche Welt gewesen.

Zu dieser Idee möchte ich erst ganz zum Schluss zurückkehren. Zuvor heißt es den gefährlichen Unsinn zertrümmern, den der Literaturkritiker bzw. Theoretiker Steiner, zumindest nach Dyer, über die Kunstkritik in die Welt setzt. Wobei die Nähe von der „parasitischen Kritik“ zum völkischen Denken mitbedacht werden sollte, aber in sich noch kein Argument ist, und Steiner im Großen und Ganzen alles andere als ein völkischer Denker.

Ja, jede Aufführung ist gewissermaßen „gelebte Kritik“. Aber: Ohne geschriebene Kritik hätte es wahrscheinlich vieles der besten kritischen Aufführungspraxis nicht gegeben. Die Kunst entwickelt sich in und mit der Kritik weiter. Und dabei meine ich noch nicht mal die heutige Zeit, in der Künstler immer seltener offen als Kritiker auftreten, in der man seinen Stiefel in irgendeiner Schule spielen lernt, und dann den Rest des Lebens herunterspielt. Die gesamte Entwicklung der neueren deutschen Literatur, sie wäre nicht denkbar gewesen ohne Herders und Wielands, später vor allem Lenzens und Goethes, noch etwas später Schillers dezidiert auch theoretisch-kritische Beschäftigung zuerst mit Shakespeare, dann mit und gegeneinander usw. usf. Das gilt natürlich international genauso.

Kritik, zumal niedergeschriebene Kritik, erleichtert das Verstehen und Durchdenken ungemein, selbst wenn sie kaum gelesen wird. Den Kern Shakespeares, so wie er sich diesen Autoren zu ihrer Zeit darstellte, herauszu arbeiten und in eine Aufführungspraxis sowie in eigene Werke zu übersetzen, das wäre kaum in ähnlicher Weise durch reines Lesen der Stücke und Drauflosdichten gelungen. Allein, wie viele lebendiger dem Kritiker im Gegensatz zum bloßen Leser die Werke im Kopf bleiben! Versucht es einmal selbst. Seit ich über fast jedes Buch, das ich gelesen habe, zumindest eine kurze Rezension verfasse, passiert es mir nicht mehr, dass ich sagen muss: „Hab ich vor fünf Jahren gelesen, keine Ahnung mehr, was drin steht.“ Von Shakespeare selbst wissen wir es nicht, aber die meisten großen Autoren verfassten Kritiken. In der englischen Literatur war das literarische Werk vom literaturkritischen oft gar nicht so scharf zu trennen, enthielten Gedichte wie Romane ganz offen essayistisch-literaturkritische Passagen.

Aber Jazz? Kam der nicht wirklich eine ganze Zeit lang ohne dieses „Geschwätz“ aus? Selbst wenn es so wäre, gehe ich fest davon aus, dass auch die Musiker der Zehner- bis Fünfzigerjahre über ihre Musik gesprochen haben, also verbalisierte Kunstkritik betrieben haben. Aber die größte Entwicklung machte der Jazz seit den 50ern durch, und die bedeutenden Motoren dieser Bewegung, Monk, Coleman, das Art Ensemble und seine Vorformen, Braxton, der aus dieser Gruppe hervor ging, sprachen und schrieben begleitend Kunstkritisch und gesellschaftskritisch über das, was sie für notwendige Weiterentwicklungen hielten. Kunstkritik ist notwendige Bedingung von Kunst, und die rein „praktische“ Kunstkritik, etwas anders zu machen als die Vorgänger, wird in der Regel nicht genügen, eine Kunstform langfristig weiter zu entwickeln. So dumm und kenntnislos heute 90% der Kunstkritik daherkommen mögen, wer gegen die Kritik an sich kämpft, kämpft immer auch gegen die Kunst.

Bild: Pixa, gemeinfrei

4 Gedanken zu “Gäbe es Kunst ohne Kunstkritik? Über einen doppelt falschen Gedanken Geoff Dyers zum Jazz.

  1. Eva Wißkirchen sagt:

    Sehr interessant!
    Es ist zwar nicht dasselbe, aber Deine Ausführungen erinnern mich an das Verhältnis von Übersetzung und Kritik: Übersetzen ist praktische Interpretation eines Werkes und es profitiert davon, wenn ein Werk literaturwissenschaftlich und literaturkritisch gut erschlossen ist.

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    1. soerenheim sagt:

      Der Unterschied ist mE, dass sich eine differenziert sich entwickelnde Kunst zumindest theoretisch ohne Übersetzungen denken lässt (zB wenn es eine Weltsprache gäbe und unsre heutigen Sprachen ausgestorben wären), wogegen ich das ohne verbalisierte Kunstkritik stark bezweifle, zumindest für Wesen, die psychisch/geistig ähnlich verfasst sind, wie heutige Menschen.

      Ich hab übrigens heut was zu deinem Kaléko-Text kommentiert… kA ob du solch weit zurückreichende Kommentare angezeigt bekommst…

      Gefällt 1 Person

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