Literatur, die manchmal vergisst, dass sie nicht Ideenpredit sein sollte. Ted Chiangs Erzählungen (2)

Über die Schwierigkeit, Kurzgeschichtenbände zu besprechen, schrieb ich schon mehr als einmal. Man kann kaum allen Texten gerecht werden, da eine gute Kurzgeschichte ebenso viel Rezensions-Raum einnehmen sollte wie ein guter Roman. Nicht die Länge macht große Literatur. Oft sogar eher andersrum. Mann will nicht für jeden Text nur zwei, drei, Sätze verwenden, doch einzig wirklich gleichmäßige Bände kann man mit dem Herausgreifen eines einzelnen Textes oder einer Meta- Besprechung würdigen. Man könnte das Stärkste und das Schlechteste herausgreifen, doch nicht jeder Gegenstand wird durch die Extreme am besten begriffen. „Geteilt durch Null“ von Ted Chiang ist ein eher uneinheitlicher Band, sodass eine exemplarische oder eine Metabesprechung nicht wirklich funktionieren.
Deshalb möchte ich den Blick auf die ersten drei Texte widmen, die wahrscheinlich reichen dürften, bis ein Leser sich entschieden hat, ob er weiterlesen will oder nicht. Die Eröffnung, „Der Turmbau zu Babel“, ist einer der ersten veröffentlichte Texte des Autors und mithin beinahe noch ein Jugendwerk. Er liest sich aber eher als Alterswerk. Eine typische Handlung, wie man sie Neuautoren eingebläut, mit Exposition, Spannung aufbauen und Plotpoint, Durchführung, Höhepunkt und Auflösung lässt sich kaum ausmachen. Zwei Arbeiter sind auf dem Weg zum Turm von Babel und ersteigen diesen, um oben im Himmelsgewölbe Grabungen zu beginnen. Im Aufstieg und im Gespräch mit anderen entfaltet sich ein faszinierender Blick auf Philosophie, Gesellschaft und Kosmologie der Turm-Welt, die sich mittlerweile vom restlichen Babylon deutlich unterscheiden dürfte, denn Menschen werden auf dem Turm geboren, leben und sterben teils dort. Allein der Blick vom Turm verändert das Weltbild, so etwa wenn man beim Sonnenuntergang den Erdschatten als Ursache der Nacht erkennt. Obwohl das Weltbild offenkundig geozentrisch ist, könnte die Physik, soweit sie beschrieben wird, auch in unserem Weltbild funktionieren, zumindest bis die Arbeiter dann tatsächlich am Himmelsgewölbe zu graben beginnen und einer durch bricht und auf eine interessante Entdeckung stößt, die das Ende des Textes markiert.
Tatsächlich führt der ganze Text auf diese Entdeckung hin, die eine etwas platte philosophische Idee aus buchstabiert. Und normalerweise könnte man dem Auto das vorwerfen. Texte, die in erster Linie als Explikation eines Weltbildes da sind, sind meistens schlecht. Trau dich, deine Philosophie niederzuschreiben und der Kritik zu stellen, verstecke sie nicht in Literatur. Wenn du sie verstecken musst, ist sie vielleicht einfach nicht besonders gut. Aber: „Der Turmbau zu Babel“ ist ein starker Text, trotz allem. Auf relativ wenig Raum entstehen eine überzeugende Welt und überzeugende Figuren. Man sieht das Geschehen vor sich, kein Satz ist unnötig. Und innerhalb des Rahmens dieses gelungenen Textes überzeugt dann auch der Schlusspunkt. Ein seltenes Beispiel einer solchen meisterhaften Arbeit, die gegen die meisten Regeln typischen gelungenen Schreibens verstößt und trotzdem herausragt.
Die zweite Erzählung ist das absolute Gegenteil. Ein Mann nimmt an einem Hormon-Experiment teil und wird immer intelligenter. Er nutzt seine Intelligenz, um den Wissenschaftlern zu entfliehen, manipuliert die Welt, ist erfolgreich an der Börse und so weiter. Am Ende trifft er auf einen gleichwertigen bzw stärkeren Gegenspieler. Auch dieser Text enthält eigentlich nur Erzählung, nichts wird gezeigt und alle Widerstände sind so leicht zu überwinden, dass keine Spannung aufkommt. Ich spoilere auch das Ende: Der Ich-Erzähler stirbt. Ein absolutes No-Go: Wer zur Hölle erzählt die Geschichte, wenn der Erzähler tot ist? Das Ganze wirkt wie die Machtfantasie eines jungen Mannes, für den Intelligenz vor allem eine Funktion von Physiologie und Technik ist, mit einem schwachen Twist am Ende, damit überhaupt so etwas wie eine Geschichte entsteht.
Erzählung Nummer drei verleiht dem Band den Titel: „Geteilt durch Null“. Hier verzweifelt eine früh erfolgreiche Mathematikerin an dem von ihr erbrachten Beweis, dass die Arithmetik nicht widerspruchsfrei sei. Sie findet eine Formel, mit der man jede beliebige Zahl mit einer anderen gleichsetzen kann ohne dabei einen verbotenen Trick (wie etwa das Teilen durch 0) zu nutzen. Das zerrüttet auch ihre Ehe. Dieser Text findet eine spannende Balance aus hingeworfen mathematik-historischen Fakten, ultrakurzen biographischen Kapiteln, die in das Leben der Hauptfiguren zurückblicken und temporeichen Dialogen und ist damit, obwohl alles andere als eine traditionelle Kurzgeschichte, unter den drei Erzählungen zum Auftakt der traditionellste Text. Wiederum eine ganz andere Erzähleform, doch wiederum ein starker Text. Zumindest aus meiner Perspektive. Ich habe eine befreundete, ähnlich geniale Mathematikerin zu diesem Text befragt, und sie hält die Prämisse für problematisch. Aber womöglich habe ich es auch nicht geschafft, den Gedanken sauber genug wiederzugeben.
Das wechselhafte Niveau behält der Band bei, insgesamt lohnt sich die Lektüre aber durchaus. Überhaupt wiegt ja eine meisterhafte Erzählung unzählige misslungene auf, wenn man nach großer Literatur sucht und nicht einfach nur Zeit totschlagen will.

Bild: Pixa, gemeinfrei.

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