Noch stark, doch mit Anzeichen, die Sorge bereiten. Der 2. Teil von Esther Rochons Vrénalik-Zyklus.

Vor einigen Jahren habe ich in meiner Serie Fantastische Reise das hervorragende Der Träumer in der Zitadelle von Esther Rochon besprochen. Das Buch ist der erste Teil eines Zyklus, der ansonsten nur auf Französisch vorliegt. Deshalb hat es einige Zeit gedauert, bis ich mich des Nachfolgers annehmen konnte. L’aigle de profendeur spielt lang nach den Ereignissen von Der Träumer in der Zitadelle, an dessen Ende ein Fluch stand, der die Einwohner der Insel Vrend seitdem daran hindert, ihre Heimat zu verlassen. Ob das ein tatsächlicher Fluch oder ein wirksamer Aberglaube ist, bleibt auch während L’aigle de profendeur offen. Der Roman schließt im Stil überzeugend an den Vorgänger an. Da ist die gleiche Uneindeutigkeit der Verhältnisse, dieses Schwebende, dass Vrénalik wirklich wie eine fantastische andere Welt und nicht wie ein Verwaltungsobjekt aus der Nachfolge des Herrn der Ringe wirken lässt. Eine Atmosphäre des wahrhaft Wundersamen, wobei alles scheinbar magische, so etwa die nun im Mittelpunkt stehende Kaste der Zauberer, zugleich auch von reinem Glauben getragene soziale Institution sein könnte. L’aigle de profendeur verhandelt aus der Perspektive der jungen Anar Vranengal, die zur Magierin ausgebildet wird, die Ankunft des Fremden Jouskilliant Green, der nach kurzem gescheiterten Versuch, modernere Techniken in Vrend einzuführen, sich für sechzehn Jahre in die Katakomben der aus Teil 1 bekannten Zitadelle zurückzieht. Zum Schluss erkunden Anar und Green gemeinsam diese verfallene Unterwelt.
Nicht wirklich überzeugt mich dagegen die erweiterte Welt von Vrénalik. Während die Insel aufgrund des Fluches praktisch in der Zeit stehen geblieben ist, scheint es in den Ländern rundherum mittlerweile Fotoapparate und Automobile zugeben, was allerdings wiederum von den
Einwohnern von Vrend nicht mit jener Überraschung zur Kenntnis genommen wird, die man erwarten würde. Der Roman liest sich weiterhin gut, weil diese Außenwelt nur fern, als ein Bild dessen präsent ist, wohin Vrend sich auch gern entwickeln würde und weiterhin als Bedrohung des Etablierten.
Ich befürchte allerdings, dass ab dem dritten Teil, wenn die Welten sich wohl auch stofflich berühren sollen, die Serie einen ähnlichen Schiffbruch erleiden könnte wie Gormenghast mit seinem berühmt-berüchtigten dritten Teil. Wenn ich mich wieder überwinden kann, ein ganzes Buch auf Französisch zu lesen, werde ich berichten.

Bild: Pixa, gemeinfrei

Rezension wiedergefunden und endlich fertiggestelt aufgrund des jüngsten Artikels bei Fragmentansichten.

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