Interessante Erzählung mit suboptimalen Zeitsprüngen: „Tiger“ von Polly Clark.

Wenn Ihnen die ersten Seiten von Tiger (ein Prolog, der teils aus der Perspektive eines jagenden Tigers erzählt ist), zu pathetisch erscheinen, bleiben Sie dran. Der Roman von Polly Clark wird deutlich besser und das Lob, das das Buch bereits erfahren hat, ist durchaus gerechtfertigt.
Der erste Teil erzählt dann die Geschichte der Bonobo-Forscherin Frieda, die seit einem beinahe tödlich verlaufenden Überfall eine Morphiumabhängigkeit entwickelt hat und von ihrem Forschungsprojekt in einen etwas skurrilen Privatzoo wechseln muss. Frieda lebt sich dort ein und entwickelt eine Faszination für den großspurige Tiger-Pfleger Gabriel, zu dem sie sich eigentlich gar nicht hingezogen fühlen möchte, noch mehr aber für die Tiger selbst, die für sie zuerst vor allem für männlichen Größenwahn, für die Begeisterung allein für Kraft und die Fähigkeit zu töten, standen. Der Zoo bekommt eine Tigerdame angeliefert, die aufgepäppelt werden muss, und Frieda baut zu ihr eine Verbindung auf.

Dann springt die Handlung in den Osten Russlands, wo Ivan und sein Sohn Thomas ein Tigerreservat betreiben. Neben der Geschichte, wie eine verletzte Tigerin und ein über Jahre im Wald lebendes junges Mädchen in dieses Reservat kommen, ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn das hauptsächliche Thema. Mit dem nächsten Sprung ist dann endgültig das Schema klar: Wir folgen nun der Geschichte von Edith und ihrer Tochter aus der Ethnie der Edaha, die vor dem ständig trinkenden Mann und Vater in den Wald fliehen und dort einige Jahre überleben. So springt „Tiger“ immer ein Stück durch die Zeit zurück und erzählt parallel zum Weg der Tigerin in Friedas Zoo verschiedene Geschichten von zwischenmenschlichen Verwerfungen. Auch Mutter und Tochter bleiben in der Wildnis nicht ewig eine harmonische Einheit.

Ich kann mir vorstellen, dass das Zurückspringen und wieder neu anfangen mit der Zeit den ein oder anderen Leser nervt. Denn „Tiger“ ist keiner dieser konsequent modernen Romane, die ihre verschiedenen Handlungen so aufstückeln und miteinander integrieren, dass sich schließlich ein wohlkomponiertes ganzes Bild ergibt, dessen einzelne Handlungen sich so kommentieren, dass man sie gar nicht voneinander lösen kann (zB Das grüne Haus). Stattdessen wird man immer an einer der spannendsten Stellen herausgerissen und fängt quasi noch mal von vorne an. Erschwerend kommt hinzu, dass die Textteile im Verlauf in der Qualität eher etwas abnehmen. Am stärksten für sich allein steht in jedem Fall Friedas Geschichte, hier interagieren die am besten ausgearbeiteten Figuren, hier wirkt die Hauptfigur am plastischsten, mit Frieda fühlt man wirklich mit, doch auch die Nebencharaktere wirken wie voll realisierte Personen, deren Motivationen man ergründen möchte. Im zweiten Teil sind schon nur noch Tom und Ivan wirklich interessant, im dritten bekommt man vor allem Hintergründe zu der Figur, die im zweiten Teil spät hinzugestoßen ist, und so weiter.
Ich will das Ende nicht verraten, aber natürlich macht Clark den Versuch, das ganze mittels Frieda zum Schluss wieder zusammen zu zurren, aber so stark der Roman phasenweise geschrieben ist, so über-routiniert wirkt diese Weise der Verknüpfung. “Tiger“ ist gut geschrieben, besonders zu Beginn, der Umsetzung des großen strukturellen Plans dagegen enttäuscht ein wenig.

Bild: Pixa, gemeinfrei.

Nachtrag: Jetzt hat auch Zeichen und Zeiten das Buch besprochen.

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