Hat Ansprüche, stolpert teils darüber: „Untertauchen“ von Daisy Johnson

Erst relativ spät wird deutlich, dass Untertauchen von Daisy Johnson mal wieder eine moderne Nacherzählung eines griechischen Mythos ist. Diesmal aber sehr weit entrückt, mehr Ulysses als Ich bin Kirke. Als es dann deutlich wird, kriegt man es aber richtig feste aufs Auge gedrückt. Wer meint, Dinge über die Handlung zu verraten sei “Spoilern”, als werde Kunst ungenießbar, wenn man Details über die Entwicklung kennt, schaltet am besten gleich ab.

“Ich habe mit meiner Mutter geschlafen. Ich habe meinen Vater getötet”, sagt eine der Hauptfiguren des Romans, Margot/Markus, gegen Ende. Bäm — und plötzlich hat ein Text, der den gar nicht nötig gehabt hätte, einen ganz engen Bezug zum Urmythos der Moderne, zu Ödipus.

Was solls. Untertauchen hat drei Hauptfiguren, Gretel, die seit 16 Jahren ihre Mutter Sara sucht. Sarah, die nach wilden Jahren ihr uneheliches Kind auf einem Hausboot großzieht, und Marcus/Margot, deren Verhältnis zur Familie lange unklar bleibt, wobei die Suche nach Markus/Margot mit der Zeit für Gretel die Suche nach Sarah zu überlagern beginnt. Sarah wird gefunden, was mit Markus passiert, lasse ich dann doch ein wenig im Dunkeln, hier handelt es sich um das größte Geheimnis des Textes.

Das ganze ist offenkundig mit dem Willen erzählt, sehr modern und komplex zu sein. Es gibt eine Ich- Erzählung in der Gegenwart, Suchkapitel, die in der zweiten Person die Mutter ansprechen, weitere Rückgriffe in die Vergangenheit der Mutter sowie in das Leben von Margot/Markus, wobei man diese, wenn man die Ich-Erzählung als die zentrale Erzählung annimmt, eigentlich nur als unsichere Rekonstruktionen in der dritten Person annehmen kann. Die jeweiligen Kapitel haben einheitliche Bezeichnungen, was die Stränge ein wenig ordnen hilft. Dennoch wirkt das dauernde Springen in der Zeit sehr gezwungen, mehr wie ein absichtliches Verunklaren der Situation, als etwas, das sich zwangsweise aus dem Erzählten ergibt. Dazu kommt noch, dass die Autorin sehr großzügig mit Personalpronomen umgeht, so dass man spätestens wenn Nebencharaktere von einem „er“ oder einer „sie“ reden, oft nicht mehr weiß, von wem eigentlich gerade die Rede sein soll.

Werbung und auch einige Rezensionen heben die außergewöhnliche Sprache des Romans hervor. Auch dem kann ich mich nicht wirklich anschließen. Die Sprache ist sicherlich meist der Innenschau der Protagonistin halbwegs adäquat, gehetzt, teils verzweifelt, teils vielleicht nicht mal verzweifelt genug. Mutter und Kind haben eine gemeinsame Geheimsprache erfunden, ohne dass das Kind anfangs wusste, dass es sich um einer Geheimsprache handelt. Ich kann mir vorstellen, dass Übersetzerin… hier an adäquaten Übersetzungen ganz schön zu knabbern hatte. Aber: Dass diese lange sprachliche Isolation sich auch in den Duktus des Romans hinein gräbt – zumindest in der deutschen Version – fehlanzeige. Das wäre eine angemessene Komplexität gewesen, die sich vollkommen ungezwungen aus dem Gegenstand ergibt. Auch diese Welt von Außenseitern und gescheiterten Existenzen, die auf dem Fluss zu leben scheinen, das Fantastische der erfundenen Kreatur, die die Familie zu jagen scheint – es dringt einfach nicht so recht in die Sprache durch.

Ist Untertauchen ein misslungener Roman? Nein, doch ich messe ihn an den Vorschusslorbeeren, mit denen er mich erreicht. Es ist ein Text, der zumindest partiell vor den selbstgesteckten Ansprüchen kapituliert. Aber immerhin: Er hat welche! Lange nicht das schlechteste Buch, dass ich in diesem Jahr gelesen habe, aber auch nicht begeisternd genug, als dass ich ihn ein zweites Mal lesen wollte. Und genau das ist die Hürde, die komplexe Romane, die für das Durchdringen der Schwierigkeiten, die sie Lesern hinwerfen, mindestens eine zweite Lektüre brauchen, nun einmal zu nehmen haben.

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