Mal wieder der Versuch, „magischen Realismus“ durch Desorganisation zu simulieren. Die Tsantsa-Memoiren

Eines der großen Missverständnisse über den magischen Realismus oder gar die lateinamerikanischen Literatur im Ganzen scheint zu sein, dass ein Werk umso gelungener wirkt, je chaotischer es sei. So zumindest präsentieren sich gern die internationalen und besonders die deutschen Imitatoren, nachzulesen besonders bei Grass oder Kehlmann. Das schreckliche exotisierende Lob, das die Kritik dafür geprägt hat (und das leider auch in akademischen Besprechungen verbreitet ist) ist das vergiftete von der „(wilden) Fabulierkunst“.

Dabei ist das Gegenteil richtig: Die Unwahrscheinlichkeiten mit denen der magische Realismus arbeitet, sind in ästhetisch genießbarer Weise eigentlich nur zu kontrollieren, wenn ein strenges Organisationsprinzip das Werk regiert. So könnte man mit Recht etwa für den Vorzeige-Roman des Magischen Realismus, Hundert Jahre Einsamkeit, zeigen dass er den drei Einheiten des klassischen Theaters genügt. Der Ort ist Macondo und bis auf zwei kurz abgehandelt Ausflüge n u r Macondo, und selbst die Ausflüge sind als Erzählungen und Erinnerungen an Macondo gebunden. Die Zeit wird abgehandelt durch Leben und Sterben der heimlichen Hauptfigur Ursula. Und ebenso ist auch die Handlung, aller Mannigfaltigkeit des Geschehens zum Trotz, streng gebunden, strenger noch indem die Geschichte zum Schluss geradezu in den Anfang zurück mündet. Ähnlich streng durchorganisiert ist auch das andere große internationale Vorbild der lateinamerikanischen Literatur, Llosas Gespräch in der „Kathedrale“, das übrigens mit magischem Realismus nichts am Hut hat, aber ihm dennoch gern zugeschlagen wird, weil „(wilde) Fabulierkunst“. All die etwa 70 Stimmen des Romans werden aus einem einzigen betrunkenen Gespräch „ausgeklappt“. Ebenso sind die Jahrhunderte, die Roa Bastos Ich, der Allmächtige erzählt, immer plausibel zurückgebunden an den Ort des präsidialen Palastes und die Zeit des Sterbens des Diktators, aus dessen Kopf sich der Gedankenstrom entfaltet. Das Organisationsprinzip anderer großer Werke ist nicht ganz so einfach auf ein oder zwei Sätze herunterzubrechen, manches mag gar eher klanglicher Natur sein, doch auch die Sinfonie, die tausende Noten enthält, ist alles andere als zufällig.

Nachahmer dagegen packen wie gesagt vor allem möglichst viel G e s c h e h e n und viele Wendungen in ihre Texte, mit etwas Glück schreibt der Verlag dann noch etwas von „in Anlehnung an den Schelmenroman“ drauf. Das gilt auch für Jan Koneffkes Die Tsantsa-Mermoiren, das immerhin ganz unterhaltsam ist. Ein Schrumpfkopf aus Caracas gerät über verschiedene Wege erst nach Italien, dann Deutschland, dann England, hat immer neue Besitzer und erlebt unglaublich viele Dinge. Wird in die deutsche 48er Revolution verwickelt, im Kristallpalast ausgestellt, kommt in Nazi-Hände. Ist immer da, wo sich gerade entscheidende geschichtliche Veränderungen einzustellen scheinen. Nun kann man sagen: Na und? Da hat man doch den Schrumpfkopf, der das Ganze vereint. Aber der definiert erstmal nur die Erzählperspektive. Alles was sonst passiert ist reines Geschehen, von Zufälligkeiten abhängig, die dann eben zufällig auch immer gerade so passen, dass der Autor mit seiner Erzählung praktisch die gesamte europäische, ja, aus eurozentristischer Perspektive gesehen beinahe die Weltgeschichte abdecken kann. Koneffke lässt seinen Schrumpfkopf sogar die Zeit von 1945 bis zum Mauerfall isoliert verpennen, weil die wohl nicht ereignisreich genug war. Literarisches Event-Hopping.

Das ist nun wie gesagt nicht direkt schlecht, man wird sich nicht langweilen, obwohl das Ganze auch selten von diesem „fabulierenden” Tell, dont show abweicht, wirkt die Erzählung meist relativ lebendig. Aber eben auch, weil es kein wirkliches Organisationsprinzip gibt, anstrengend gezwungen. Denn manchmal braucht es ein Mehr an Zwang, um den Zwang, hier den, einen Schrumpfkopf an die wichtigsten Orte der europäischen Geschichte zu bugsieren, vergessen zu machen.

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