Der objektive Zwang der Welt auf das Werk. Gedanken zum Innenleben der Bücher in „Thursday Next“.

In der Thursday Next Reihe haben Bücher ein ganz stoffliches Innenleben. Eine eigene Welt organisiert, wie Bücher entstehen und erhalten werden. Da gibt es Parasiten, die Satzzeichen fressen, Austauschprogramme für Charaktere, nur 23 Klaviere, weshalb die hin und her geschoben werden müssen zwischen den gelesenen Büchern, was unter anderem das unerklärliche Klavier in Jane Austen’s Emma erklären soll. Und vieles dergleichen mehr.

All das wirkt auf den ersten Blick oft wie ein sich lustig Machen über Klassiker und wird wahrscheinlich von vielen auch so gelesen. War doch klar, dass in Ulysses berühmtes Schlusskapitel eigentlich Satzzeichen gehören. Die hat einfach jemand gefressen.

Doch was so betrachtet wie Sticheleien gegen den Snobismus von der „großen“ Kunst und ihre Idiosynkrasien wirken mag, kann auch andersherum, quasi materialistisch, verstanden werden. Nicht dem Autor und seiner unendlichen Schöpferkraft gebührt der Vorrang, sondern der Welt, aus der geschöpft wird, und die Werken, besonders solchen, die mit höchstem Anspruch vorgehen und eben nicht einfach nur die Zeit „vertreiben“ wollen (überhaupt, welch eine schreckliche Vorstellung), ihre Form geradezu aufdrängen. Wer selbst schreibt weiß: Es gibt Gesetze der Form, Zwänge, gegen die man nur unter größten Schmerzen verstoßen kann, und in mindestens neun von zehn Fällen ist durch den Verstoß nichts gewonnen, oft viel verloren.

So berichtet denn etwa der dritte Thursday Next Band von einer Schrulle Hemingways, der sich einmal in den Kopf gesetzt habe, dass alle acht Protagonisten eines seiner Romane „George“ heißen sollen. Doch die Innenwelt der Bücher wusste das zu verhindern. Und ich kann mir gut vorstellen, dass man ein solches Experiment mit einer solchen oder ähnlich verrückten Idee tatsächlich einmal beginnt. Und dann gelingt durchaus einiges an dem Roman, nur wird der Drang immer größer, ausgerechnet die verrückte Idee, mit der man ihn begonnen hat, heraus zu operieren (selbst etwa habe ich schon Gedichte begonnen, nur um ein „pfiffiges“ Wortspiel zu rahmen. Doch je weiter der Text gedieh, desto klarer wurde: Dieses doch eigentlich eher dümmliche Wortspiel muss weichen). Acht „Georges“ – Es ist wirklich kaum denkbar, dass daraus etwas Ordentliches, auch nur etwas ordentlich Witziges würde. Kunstschaffen hat eine objektive Seite, etwas, das sich mit gutem Recht gegen Autorenwillkür stemmt. JedeR der/die schreibt, kämpft ständig damit. Und mögen für den Verlust der Satzzeichen im Ulysses auch Parasiten verantwortlich gemacht werden – auch sie kommen aus dem Innenleben der Bücher und sind vielleicht nicht das schlechteste Bild für die allzu begründeten Zweifel am schlicht-wohlgeordneten Kunstwerk, das die Schrecken des 20. Jahrhunderts, und das Gefühl der Desintegration zwischen erstem und zweiten Weltkrieg aller soziales Leben absichernden Zusammenhänge, gesät hatten (obschon eigentlich bloß für das Bürgertum, das die „Elenden“, die „Erniedrigten und Beleidigten“ nicht mehr verdrängen, noch einhegen, konnte, das jedoch bis dahin hauptsächliches Subjekt und Objekt der Kunst war).

Das scheinbare Chaos des realen Ulysses auch hat eben seine objektive Seite, die sich dem Stoff aufdrängt, wie die Entscheidung des fiktiven Hemingway, dann doch keine acht Georges vors Publikum zu stellen. Und die große Kunst des Ulysses ist es, diese objektiven Zwänge gegen die althergebrachten Formen zumindest in Teilen in eine neue Form überführt zu haben, die in ihrer Eigengesetzlichkeit aus Disparatem, Chaotischem, wieder ein ganzes Werk formt.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.